Krankenhäuser in Dortmund bekommen kaum ausreichend Medikamente

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Dass die Beschaffung von Arzneimitteln enorme Schwierigkeiten bedeutet, ist keine Neuigkeit. Die Corona-Krise hat die Situation in den Dortmunder Krankenhäusern aber drastisch verschärft.

Dortmund

, 31.05.2020, 04:20 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Versorgung mit Medikamenten gestaltet sich in den Dortmunder Krankenhäusern derzeit enorm schwierig. Das führt dazu, dass bei der Beschaffung von Arzneimitteln jede Menge Kreativität und Einsatz gefragt sind.

Bereits Anfang April wandte sich die EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides in einem Brief an die europäische Arzneimittelindustrie und forderte ein Hochfahren der Medikamentenproduktion. Man befürchte für die Zukunft unter anderem Engpässe bei der Versorgung mit Beruhigungsmitteln, Antibiotika und Anästhetika, hieß es in dem Schreiben.

Corona-Krise hat Problematik verschärft

Diese Befürchtungen bestätigt Ulrich Sommer, Leiter der Zentral-Apotheke der Katholischen St.-Johannes-Gesellschaft Dortmund: „Wir haben schon seit etwa vier Jahren Probleme mit der Medikamentenversorgung. Dadurch, dass in der Corona-Krise der Bedarf an Arzneimitteln auf der ganzen Welt noch einmal angestiegen ist, hat sich die Situation allerdings verschärft.“

Apotheker Ulrich Sommer

Apotheker Ulrich Sommer mit einer Kollegin am Medikamentenkommissionierer. Dieser scannt automatisch die passenden Medikamente für die jeweiligen Stationen. © Kath. St.-Johannes-Gesellschaft

Sommer ist mit seinem Team von 42 Mitarbeitern für die Versorgung von elf Krankenhäusern mit insgesamt 3000 Betten verantwortlich. Der Apotheker hat in den vergangenen Wochen enorme Veränderungen auf dem Arzneimittelmarkt wahrgenommen: „Früher konnte man problemlos Bestellungen bis 14 Uhr abschicken und die Ware ist meist schon am nächsten Tag geliefert worden.“

Bei der Bevorratung ist Kreativität gefragt

Heute erhalte man zu knapp 25 Prozent der Bestellungen eine Rückfrage beziehungsweise die Antwort, dass die bestellte Menge gar nicht, nur teilweise, oder erst zu einem späteren Zeitpunkt geliefert werden könne.

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Solche Probleme seien gerade in Zeiten von Corona nicht tragbar. „Da wurde von der Bundesregierung das Händedesinfektionsmittel eingezogen, um damit die Altenheime zu versorgen. Das ist natürlich auch richtig, aber man darf dann nicht vergessen, dass diese Mittel anschließend in den Krankenhäusern fehlen“, erklärt Sommer.

Deshalb habe er mit seinem Team schon einige kreative Beschaffungsmöglichkeiten entwickeln müssen. Laut Sommer stand dann auch schon einmal der Besuch einer Schnapsbrennerei auf dem Programm: „Dort haben wir uns die nötige Menge an Ethanol besorgt, um überhaupt ausreichend Händedesinfektionsmittel herstellen zu können.“

Globalisierung hat nicht nur positive Auswirkungen

Was bleibt, ist die Frage nach den Ursachen für die Versorgungsschwierigkeiten. Hier sei es ähnlich wie beim Klopapier, betont Sommer. „Auch bei Arzneimitteln gibt es Hamsterkäufe. Viele Krankenhäuser ordern riesige Mengen an Medikamenten, um für den Fall eines starken Corona-Ausbruchs gewappnet zu sein. Dabei benötigen die meisten Krankenhäuser gar nicht diese Mengen.“

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Zudem seien Lieferengpässe in den letzten Jahren laut Sommer weltweit zu einem Problem geworden, weil viele Arzneimittel an immer weniger Standorten hergestellt würden. Diese befänden sich häufig in Schwellenländern wie Indien und China.

Sommer: „Hoffentlich hat die Corona-Krise den Politikern deutlich gemacht, dass Globalisierung bei Arzneimitteln für das Gesundheitswesen nicht nur positive Wirkungen hat. Hier sollte sehr schnell auf die Produktion im eigenen Land gedrungen werden.“

„Kein Spielraum für Produktionsänderungen“

Generell mangele es außerdem an einem Verteilungsschlüssel, der gewährleiste, dass die vorhandenen Arzneimittel sachgerecht und sinnvoll verteilt werden. „Die Verteilung erfolgt momentan nicht anhand des erforderlichen Bedarfs der einzelnen Krankenhäuser“, so Sommer, „sondern lediglich danach, wer zuerst ordert.“

Ein weiteres Problem seien die Arzneimittelhersteller. Hier verdränge das wirtschaftliche Interesse jedwedes Verantwortungsgefühl für die Patientenversorgung, beklagt der Apotheker. „Die internationalen Pharmaunternehmen sehen Deutschland als einen budgetierten Absatzmarkt für Arzneimittel. Es gibt keinen Spielraum für Produktionsänderungen um Engpässe auszugleichen.“

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Glücklicherweise sei die Corona-Pandemie in Dortmund bislang vergleichsweise glimpflich abgelaufen, andernfalls könne die Versorgung mit Medikamenten zu noch größeren Schwierigkeiten führen, denn: „Die vom Bundesministerium erlaubte Bevorratung von acht Wochen ist aktuell gar nicht lieferbar. Unsere Vorräte reichen bei dem momentanen Bedarf für etwa vier Wochen“, betont Sommer.

Apotheken verleihen Arzneimittel

Dadurch, dass man immer schauen müsse, wann und wo man die benötigten Arzneimittel herbekomme, habe sich der Arbeitsaufwand im Bereich der Beschaffung in der vergangenen Zeit insgesamt verdreifacht, schätzt Sommer.

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Der Grund: Jeder Wechsel an Präparaten oder Lieferanten bedeute nicht nur zusätzliche Arbeit in der Materialwirtschaft. Man müsse die Ärzte und Pflegekräfte auch informieren, damit die Therapien für die Patienten sicher weitergeführt werden können.

Derweil hat Ulrich Sommer seine Zuversicht noch nicht verloren. „Durch unser großartiges Team und die Zusammenarbeit in der Einkaufsgemeinschaft mit anderen Krankenhaus-Apotheken beschaffen wir immer alle notwendigen Arzneimittel. Im Zweifel leihen die Krankenhaus-Apotheken auch schon einmal untereinander die Medikamente aus.“ Auf diese Art und Weise werde man den Patienten immer eine adäquate und zielführende Behandlung gewährleisten können.

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