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Die Eltern eines Schwerbehinderten streiten mit der Krankenkasse um die Unterstützung für ihren Sohn. Es geht um das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben in den Jahren, die ihm noch bleiben.

Dortmund

, 25.04.2019 / Lesedauer: 5 min

Maurice Korolew (23) und seine Eltern Simone und Frank sind das Kämpfen gewohnt. Im Alter von acht Jahren erlitt Maurice 2004 einen Herzstillstand auf dem Gelände der Oesterholz-Grundschule in der Nordstadt. Unter dramatischen Umständen überlebte der Junge nach wochenlangem Wachkoma. Seitdem ist er auf intensive Pflege angewiesen.

Die aktuelle Auseinandersetzung mit der Krankenkasse Viactiv, der ehemaligen BKK Hoesch, kostet die Familie so viel Kraft wie wenige Dinge zuvor. Es geht um die Bezahlung einer Pflegebegleitung.

Seit einem halben Jahr kann Maurice nicht mehr arbeiten

Diese ermöglicht es Maurice Korolew, die Werkstatt der Arbeiterwohlfahrt für Menschen mit Behinderung zu besuchen. Seit einem Jahr verweigert die Krankenkasse die über viele Jahre unstrittige Zahlung. Seit Jahresanfang geht Maurice nicht mehr in die Werkstatt, in der es lange Wartelisten gibt.

Und auch, wenn sich zuletzt eine Lösung in dem Fall andeutete, sagt Simone Korolew: „Ich möchte meinem Kind das bisschen Leben, das er noch hat, so schön wie möglich machen. Aber das kann ich gerade nicht.“

Maurice wurde durch Herzstillstand zum Pflegefall

Maurice hat das Gesicht eines 23-jährigen Mannes. Doch sein Körper und sein Gehirn haben sich nicht weiterentwickelt, seit er im Alter von acht Jahren einen Herzstillstand erlitt. Seine Herzfrequenz wird 24 Stunden überwacht, er führt stets einen mobilen Defibrillator und ein Beatmungsgerät im Rollstuhl mit sich. Aus seiner Lunge muss regelmäßig der Schleim abgesaugt werden - 24 Stunden Pflege sind obligatorisch. Spastiken belasten den Körper, der immer noch die Größe eines Achtjährigen hat und dessen Gliedmaßen stark deformiert sind.

Das war nicht immer so: Maurice wird zwar mit einem Herzfehler geboren. Er steht unter ärztlicher Beobachtung. Aber er wächst zu einem lebhaften Kind heran. „Du bist ein Rabauke, immer noch“, sagt Frank Korolew und knufft seinen Sohn sanft in die Seite.

Am 10. Februar 2004 bricht der Junge auf dem Schulhof zusammen

Am 9. Februar 2004 untersucht ihn ein Kardiologe. Er stell keine Auffälligkeiten fest. Am 10. Februar 2004 verändert sich Maurices Leben für immer.

Frank Korolew fährt an diesem zu seiner Mutter, die Oesterholz-Grundschule liegt auf dem Weg dorthin. Er blickt in Richtung Schulgelände, auf dem sein Sohn beim Spielen zusammengebrochen ist. „Ich bin sofort über den Zaun gesprungen“, schildert Korolew den Ruhr Nachrichten damals das geschehen. Die Aufsicht führende Lehrerin habe seiner Meinung nach zu spät reagiert – und habe Schüler geschickt, statt Erste Hilfe zu leisten.

Frank Korolew trägt seinen Sohn zu einer Arztpraxis in der Nähe. Dort teilt ihm der Arzt mit: „Ihr Kind ist tot.“ Doch das stimmt nicht. Das Team eines Baby-Notarztwagens reanimiert Maurice. Durch die lange Zeit ohne Sauerstoffzufuhr bleiben bei Maurice schwere Hirnschäden zurück. Aber: Er lebt.

Krankenkasse will nicht zahlen - Schwerbehinderter kämpft ums Recht auf ein bisschen Leben

Maurice im Alter von acht Jahren mit seinem Vater Frank. © Andreas Wegener

Der Streit über die Schuld des Arztes und der Lehrer im Fall des „totgeglaubten Jungen“ füllt in den Monaten danach die Seiten dieser Zeitung. Die Geschichte berührt viele Menschen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Belangt wird am Ende niemand.

Der 23-Jährige ist ein junger Mann mit ganz normalen Bedürfnissen

Maurice sitzt auf dem Sofa in seinem Elternhaus gut gepolstert auf seinem Lieblingsplatz. Den mit der weichen BVB-Decke im Nacken. Er macht sich mit Lauten und Gesten verständlich. „Er versteht alles und bekommt gerade emotional viel mit“, sagen seine Eltern. Als es um die aktuelle Situation geht und die Stimmlage der Eltern Sorge ausdrückt, reagiert Maurice mit einem genervten Stöhnen. Als es um schöne Dinge geht und sein Vater mit ihm scherzt, lächelt er mit allen Gesichtsmuskeln.

Er ist ein junger Mann, der Späße mag, der sich diebisch freut, wenn etwas „zufällig“ herunterfällt und seine Eltern es aufheben müssen. Er liebt es, mit seinem Vater bei BVB-Spielen im Stadion zu stehen, besonders den Moment, wenn „You’ll Never Walk Alone“ läuft. Maurice darf auch mal einen Schluck Bier oder Batida de Coco bei den Eltern naschen. Ein junger Mann mit ganz gewöhnlichen Bedürfnissen.

Die Arbeit in der Behindertenwerkstatt der Awo ist sein Leben, sagen die Eltern

Zu diesen zählt seit dem Ende der Schulzeit mit 18 Jahren auch seine Arbeit in der Logistikgruppe der Awo-Werkstatt an der Lindenhorster Straße. „Dort sind seine Bezugspersonen. Das ist sein Leben“, sagt Simone Korolew.

Im Frühjahr 2018 erhielt die Familie erstmals Post von der Krankenkassen Viactiv Der Antrag auf eine Pflegebegleitung – rund 6000 Euro Kosten pro Monat – könne nicht mehr bewilligt werden. Da es länger keinen medizinischen Notfall mehr gegeben habe, sei die medizinische Begleitung nicht notwendig. „Für die Krankenkasse ist er also zu gesund“, sagt Frank Korolew.

Mit der Hilfe eines Anwalts können die Eltern Maurices Platz in der Awo-Werkstatt noch für einige Monate sichern. Seit Jahresbeginn muss er zu Hause bleiben, weil seine Stelle nur für eine begrenzte Zeit freigehalten werden konnte.

Der Alltag der Familie ist durcheinander geraten

Das hat weitreichende Folgen für den Alltag. Simone Korolew trägt die meiste Last. Der getrennt von ihr lebende Vater unterstützt sie intensiv und hat dafür Stunden auf seiner Arbeitsstelle reduziert und muss auf Einkommen verzichten. Und Maurice? Ist unzufrieden mit der erzwungenen Stubenhockerei. „Er ist unausgeglichen, krampft häufig und muss oft brechen“, sagt seine Mutter.

Der Streit läuft seit über einem Jahr. Trotz eines Hausbesuchs im April 2018 durch eine Viactiv-Mitarbeiterin, laut Unternehmen eine ausgebildete Kinderkrankenschwester, beharrt die Krankenkasse auf ihrer Position. Bis es kurz vor Ostern, als es für die Familie plötzlich die Aussicht auf ein positives Ende gibt.

Die Krankenkasse Viactiv kündigt an, doch zu zahlen

Auf Anfrage dieser Redaktion am 12.4. teilt Viactiv-Sprecher Georg Stamelos nach sechs Tagen interner Recherche mit: „Aufgrund von weiteren Unterlagen, die der Rechtsanwalt von Familie Korolew beigebracht hat, ist eine neue Bewertungslage entstanden. Erfreulicherweise können wir mitteilen, dass der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) entgegen vorheriger Gutachten nun doch eine weitere circa sechsmonatige Kostenübernahme empfiehlt.“

Für Maurice und seine Familie ist das ein Fortschritt. Aber noch längst nicht die Linderung ihrer Sorgen. Es sei offen, ob der Platz in der Werkstatt jetzt so schnell verfügbar sei, meint Simone Korolew. Zudem befürchtet sie, dass der gesamte Prozess im nächsten Jahr wieder von vorne beginne.

Viactiv-Sprecher Georg Stamelos sagt: „Das MDK-Gutachten sieht eine weitere neurologische und HNO-ärztliche Therapie beziehungsweise die Konsultation und gegebenenfalls Vorstellung in einer Fachklinik (Epilepsiezentrum) vor.“ Die Tragweite und Schwere der Erkrankung von Maurice sei der Krankenkasse bewusst – für ihn und seine Eltern. „Generell ist es unser Anliegen, die Betreuung unserer Versicherten individuell und persönlich zu gestalten. In so einer schweren Situation wie der von Maurice besonders.“

Für die Eltern geht es um „die Jahre, die ihm noch bleiben“

Für Simone, Frank und Maurice geht es nicht um einen Prinzipienstreit über Pflegeleistungen, wie es ihn tausendfach gibt. Das wird deutlich, als Simone Korolew sagt: „Es geht um die Jahre, die ihm noch bleiben.“ Auf den jungen Mann warten Operationen an Wirbelsäule und Knie. Wie lange der Körper die Belastungen noch aushält, kann niemand vorhersagen.

Maurice ist müde geworden auf dem Sofa, ein Hustenkrampf schüttelt ihn, das Sekret vibriert in seinem Körper. Trotzdem: Für das gemeinsame Foto mit Vater Frank lächelt er sein Alle-Gesichtsmuskeln-Lächeln.

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