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Mit ihrer Armut halten Obdachlose der Gesellschaft den Spiegel vor. Häufig gibt es Kritik an mangelnder Hilfe. Unser Autor meint: Dortmund ist nicht asozial und zeigt viel Hilfe mit Herz.

Dortmund

, 14.01.2019 / Lesedauer: 4 min

Warum ein Mensch gegen seinen Willen in die Obdachlosigkeit abstürzt oder sich dafür entscheidet, ist keiner Regel unterworfen. Die Gründe sind individuell und greifen auch ineinander: Arbeitslosigkeit, Beziehungsstress oder psychische Probleme inklusive Sucht und andere Faktoren können in die Ausweglosigkeit und damit auf die Straße führen.

Das sieht nicht schön aus. Wie ein Spiegelbild führen Obdachlose uns in der Fußgängerzone, auf der Parkbank und unter Brücken öffentlich vor Augen, dass wir uns Armut leisten. Da schaut man doch lieber weg. Wegen ihrer Knöllchen gegen „campierende“ Obdachlose ist die Stadtverwaltung jüngst in die Kritik geraten. Aber das so entstandene Bild ist einseitig.

Flüchtlinge und der deutsche Obdachlose

Denn in Dortmund ist die Straße keine Sackgasse ohne Option auf Rückkehr in eine warme Wohnung. So individuell die Probleme Obdachloser sind, so individuell ist in Dortmund auch die Hilfe. Die Stadt, die Kirchen in Dortmund, Ärzte, Krankenschwestern, Vereine und andere ehrenamtliche Organisationen bieten wirksame Hilfe mit Herz und bauen ihr System immer weiter aus.

Bürger machen sich nachts auf den Weg, um gespendete Schlafsäcke oder eine warme Suppe zu überreichen. Der neue Einsatz eines Wärmebusses der katholischen Stadtkirche und der Malteser ist Ausdruck von Nächstenliebe und Solidarität. Professionelle und ehrenamtliche Helfer begleiten Obdachlose nach Kräften, um Not und Elend zu lindern oder den Weg in ein geordnetes Leben zu führen. Wenn Obdachlose sich helfen lassen wollen.

Dieser Satz ist wichtig, denn eine Stadt darf keinen Obdachlosen dazu zwingen, die Straße zu verlassen. Aber sie ist verpflichtet, zuverlässige Angebote zu unterbreiten, die ein Obdachloser freiwillig aufgreifen kann. Wer das Gegenteil behauptet und in Internet-Kommentaren sein Weltbild damit schmückt, dass „den Flüchtlingen“ alles hinterhergeworfen, aber dem deutschen Obdachlosen diese Hilfe vorenthalten wird, verschleiert die Wahrheit. Um mit nationalistischem Denken aus dem Armuts-Thema politisches Kapital zu schlagen. Das offenbart eine ideologische Verwahrlosung.

Systemsprenger überschreiten Grenzen

Obdachlosigkeit ist auch ausländisch. Die Stadtgesellschaft beweist auch hier maximale Solidarität. Arbeitssuchende aus Osteuropa landen auf der Straße, weil sie keine Arbeit finden und keine Ansprüche auf Sozialleistungen haben. Szenekenner nennen sie „Systemsprenger“: Sie sind da, haben große Probleme, aber per Gesetz geregelte Hilfe gibt es für sie nicht. Sie sprengen die Grenzen. Auch in unseren Köpfen, denn wir können es uns nicht vorstellen, unser Land verlassen zu müssen. Diakonie, Caritas oder das Gast-Haus in Dortmund weisen obdachlose Ausländer nicht ab, wenn sie erschöpft, erkrankt oder hungrig vor der Tür stehen.

Auch für Obdachlose gelten Regeln

Wenn Mitarbeiter des Ordnungsamtes einen Obdachlosen aufsuchen, der regelmäßig in einem Hauseingang übernachtet, dann sind sie nicht als Unmenschen unterwegs. Sie kommen auf Zuruf. Sie reagieren auf Bürger-Beschwerden, weil Mieter oder Vermieter mit einem Zustand nicht mehr klarkommen: Weil der Obdachlose in einen Hauseingang uriniert und auf die Bitte, das in Zukunft zu unterlassen, aggressiv reagiert hat. Eine Beschwerde darüber ist berechtigt, denn auch für Obdachlose gelten Regeln fürs Zusammenleben.

Mit dem Dienstwagen zur Arbeiterwohlfahrt

Das Ordnungsamt hat in der Vergangenheit nicht nur Knöllchen übergeben, sondern auch Angebote unterbreitet. Einen in Brünninghausen aufgegriffenen Obdachlosen haben Beamte des Ordnungsamtes mit dem Dienstwagen zur Arbeiterwohlfahrt gefahren, weil sie ihn dort in guter Gesellschaft wussten. Auch das ist Alltag. Solche Informationen schaffen es nicht in die Schlagzeilen, weil sie nicht skandalös genug sind.

Wohnraum schaffen - eine ganz schlaue Idee

Die Kritik an den Knöllchen hagelte auf die Stadt ein. Gute und umsetzbare Vorschläge, wie Obdachlose von der Straße zu holen sind, fehlten in der Diskussion. „Wohnraum schaffen“ – ja klar, das klingt nach einem so richtig guten Vorschlag. Aber genau diese Wohnraum-Angebote gibt es schon. Obdachlose müssen sie nutzen wollen. Wer bei bitterer Kälte nicht im Freien schlafen will, findet kurzfristig provisorischen Unterschlupf in einer Notschlafstelle. Kostenlos.

Notschlafstellen sind nicht gemütlich. Sie sind kein Zuhause. Wer dauerhaft geschützt in einem eigenen Zuhause schlafen will, erhält eine Wohnung. Die Miete bezahlt die Stadt Dortmund. Es gibt Obdachlose, die auch solche Angebote ablehnen. U-Bahnstationen öffnen: Auch das klingt gut. Ist aber überflüssig, wenn es bessere und sichere Angebote wie Schlafplätze mit sauberen Sanitäranlagen oder Wohnungsangebote gibt.

Manche wollen, andere können nicht mehr

Straßensozialarbeiter erkennen häufig tief sitzende psychische Probleme, die sich nicht durch Händchenhalten oder einen Schlafsack auflösen lassen. Das sind Probleme, die sich auch dann nicht beseitigen lassen, wenn die Stadt oder die Kirchen ihre Ausgaben für die Obdachlosen-Hilfe verdoppeln.

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In der Kolumne „Klare Kante“ fühlen Redakteure und Gastautoren regelmäßig einem Dortmunder Thema auf den Zahn, das ihnen am Herzen liegt. Haben Sie eine Meinung zum Thema Obdachlosigkeit in Dortmund? Dann schreiben Sie an: lokalredaktion.dortmund@rn.de

„Die Menschen, die ganz unten angekommen sind, haben unterschiedliche Biografien. Manche sind psychisch stark erkrankt, andere haben Macken und Ticks. Manche wollen, andere können nicht mehr“, sagt eine Frau, die es wissen muss: Katrin Lauterborn vom ökumenischen „Gast-Haus statt Bank“ im Unionviertel.

Notschlafplätze sind nicht ausgelastet

Obwohl das Gast-Haus eine unter Obdachlosen geschätzte Institution ist, sind die 30 neuen Plätze in der Gast-Haus-Notschlafstelle nicht ausgelastet. Katrin Lauterborn: „Es gibt Menschen, die werden in einer Übernachtungsstelle rammdösig und schlafen lieber draußen. Sie leben völlig neben diesem System. Sie haben eine Phobie vor Ämtern und vor Sozialarbeitern. Wir erreichen diese Menschen nicht, und wir lassen sie so, wie sie sind.“

2016 hat das Gast-Haus rund 100.000 Essen an Obdachlose ausgegeben. 2017 waren es 112.000 Essen und 2018 schon 130.000 Essen. Diese Zahlen sind bitter. Dahinter stehen Menschen, die von der guten Konjunktur auch in Dortmund nicht mitgezogen werden. Zugleich dokumentieren die Zahlen, dass die Stadtgesellschaft niemanden hungern lässt. Deshalb sage bitte niemand, Dortmund unternehme nichts für deutsche Obdachlose oder gegen Obdachlosigkeit.

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