Vor 13 Jahren wurde Mehmet Kubasik in Dortmund erschossen. An seinem Todestag erinnerten rund 300 Menschen an die Tat – und daran, dass ihre vollständige Aufklärung nicht geschehen ist.

Dortmund

, 05.04.2019, 17:44 Uhr / Lesedauer: 4 min

13 Jahre und etwas weniger als fünf Stunden, nachdem in den früheren Kiosk, der heute ein kleines Reisebüro ist, mehrere Schüsse fielen und ein Mann hingerichtet worden war, stehen gegenüber, auf der anderen Straßenseite ein paar Zivilpolizisten. Sie lehnen an einer Mauer, schauen auf die andere Seite der Mallinckrodtstraße und beobachten, wie dort langsam immer mehr Menschen zusammenkommen, um an den Toten von damals zu erinnern.

Rund 300 Menschen finden es wichtig, zu erinnern.

Es ist ein oft geübtes Prozedere, Polizisten in Uniform stehen auch an den benachbarten Kreuzungen, gleich werden sie den Teil der Mallinckrodtstraße dichtmachen, der in Richtung Borsigplatz führt. Dann wird des Mordopfers von damals gedacht werden und sich ein Demonstrationszug aufmachen. Das war bisher sechs Mal so, heute ist es das siebte Mal so. Rund 300 Menschen finden es wichtig, an diesem 4. April 2019 bei kühlem Nieselwetter auf die Straße zu gehen und an Mehmet Kubasik zu erinnern. Viele von ihnen sind so gut wie jedes Jahr dabei gewesen.

Um 12.58 Uhr fuhr Union 12/35 zum Tatort

Vor 13 Jahren und etwas weniger als fünf Stunden vor dieser Gedenkveranstaltung, am 4. April 2006 um 12.58 Uhr, war der Funkstreifenwagen Union 12/35 der Dortmunder Polizei zur Mallinckrodtstraße 190 geschickt worden. Anlass des Einsatzes: „Raub auf Trinkhalle, Person liegt blutüberströmt am Boden, RTW und NAW sind unterwegs.“ Der RTW ist der Rettungswagen, der NAW ist der Notarztwagen. Die Polizisten, ein Polizeiobermeister und ein Kommissar, kommen zu dem Kiosk, dort treffen sie auf einen Mann und eine Frau. Die Frau hatte die Polizei angerufen, als sie den Körper des Kioskverkäufers auf dem Boden hatte liegen sehen. Die Polizisten betreten den kleinen Laden, sehen Kubasik auf dem Bauch liegen, sein Kopf liegt auf einem niedrig angebrachten Regal. Blut fließt aus einem Ohr, der Körper des Mannes ist noch warm.

Ein verschmitztes Lächeln

Kubasiks Kopf ist im Jahr 2019 auf ein Plakat gemalt. Ein lächelt darauf ein bisschen verschmitzt , das Gemälde bezieht sich auf ein oft abgedrucktes Foto des Mannes. Das Porträt ist nicht das einzige, das an diesem Tag in den grauen Himmel gestreckt wird. Neun weitere haben die Menschen dabei, alles Bilder von Toten, neun Migranten und eine Polizistin, gestorben zwischen den Jahren 2000 und 2007. Getötet von der terroristischen Neonazi-Vereinigung NSU. NSU steht für „Nationalsozialistischer Untergrund“. Wenn heute vom NSU die Rede ist, ist ein Trio gemeint: Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe. Die beiden Uwes starben im November 2011. Zschäpe wurde im Juli 2018 vor dem Oberlandesgericht München zu lebenslanger Haft verurteilt.

Sie sprachen von einem Netzwerk von Kameraden

Die Familie Kubasik, namentlich die Ehefrau und die Tochter, waren oft bei diesem Prozess in München. Hatten, so sagte es Tochter Gamze später, viele Hoffnungen in diesen Prozess gesetzt. Und waren dann doch bitter enttäuscht worden. Denn, und das ist der Kern in diesem ganzen Dilemma - auch wenn die Aufklärung der Verbrechensserie des NSU von der Bundeskanzlerin persönlich versprochen worden war:

Kubasik-Gedenken: Zehn Bilder für zehn Opfer und viele offene Fragen

© Tobias Großekemper

Aufgeklärt ist um die Taten herum bis heute sehr wenig. Was wussten die verschiedenen Ämter? Was für Akten sind damals, 2011, eigentlich geschreddert worden. Und vor allen Dingen: Wer waren die Helfer? In Dortmund. Und an anderen Tatorten. Damals, 2011, als die beiden Uwes starben, wurden in den Tagen danach 15 Bekennervideos verschickt. Der NSU, der sie verschickt hatte, bezeichnete sich darin selbst als ein „Netzwerk von Kameraden“.

Zu Beginn der Gedenkveranstaltung sagt jemand, dass hier in Dortmund so lange am 4. April an Mehmet Kubasik erinnert werden wird, bis die Umstände der Tat restlos aufgeklärt sind.

„Der Terror von rechts und das Versagen des Staates.“

Bei dem Prozess in München war oft auch ein Mann dabei, der sich am Donnerstagabend die Kundgebung anschaut. Etwas distanziert wirkt er dabei, das kann an seinem ehemaligen Beruf liegen. Tanjev Schulz, so heißt der Mann, war früher bei der Süddeutschen Zeitung, seit 2016 ist er Professor für Journalistik an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz. Später am Donnerstagabend wird er in der Steinwache am Hauptbahnhof aus einem seiner Bücher lesen. Es heißt „NSU. Der Terror von rechts und das Versagen des Staates.“. Schulz sagt, er habe sich Passagen über die Polizei und deren Arbeit herausgesucht, die will er später vorlesen.

Irgendein Toter in der sogenannten „Dönermord-Serie“

Die Polizei und ihre Ermittlungen sind die eine Sache, die problematisch war. Kubasik galt bis 2011 als irgendein Toter in der sogenannten „Dönermord-Serie“, Ursache seines Todes irgendein Kram unter Migranten halt. Drogen, Frauenhandel, so was in die Richtung. Dahin wurde ermittelt. Natürlich erfolglos. Gamze Kubasik sollte später sagen, ihr Vater sei durch die Verdächtigungen der Polizei ein zweites Mal vernichtet worden. Sie und ihre Familie sind am Donnerstag zum ersten Mal seit sieben Jahren nicht dabei. Sie sind in die Türkei geflogen, um den Tag ihres Vaters am Grab zu begehen.

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Das andere Problem, und das ist bis heute nicht ansatzweise behoben, ist: Was wussten die Dienste wie zum Beispiel der Verfassungsschutz über das mörderische Treiben des NSU, immerhin hatten sie viele sogenannte Quellen um das NSU-Trio herum? Dass es Helfer gab, davon ist unter anderem ein den Verschwörungstheorien unverdächtiger CDU-Bundestagsabgeordneter namens Clemens Binninger überzeugt. Der Mann leitete den zweiten NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages. Er sagt, er habe „große Zweifel“, dass all die Verbrechen, die dem NSU zur Last gelegt werden, von Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe allein ausgeführt wurden. Das hat ihn, man kann das so sehen, in seiner Karriere nicht unbedingt nach vorne katapultiert.

A-U-F-K-L-Ä-R-U-N-G-!

Als sich der Gedenkmarsch in Richtung Steinstraße auf den Weg macht, werden die Bilder der NSU-Opfer vorne getragen, dahinter dann tragen Menschen einzelne Buchstaben. A-U-F-K-L-Ä-R-U-N-G-! ergeben sie zusammen. Ruhig gehen sie in Richtung Hauptbahnhof. Dort, vor der Auslandsgesellschaft, wo ein Mahnmal für die Opfer des NSU steht, werden Reden gehalten, die Fragen gestellt, die bis heute antwortlos auf der Hand liegen – und es wird „Solidarität statt Schlussstrich“ gefordert. Dann sprechen zwei Schülerinnen des Käthe-Kollwitz-Gymnasiums. Die, die beginnt, sagt, sie wäre 15 Jahre alt. Als Kubasik starb, sei sie drei gewesen, als der NSU öffentlich wurde, acht.

Stimmig für ein 15-jähriges Mädchen

So lange her ist das alles schon wieder. Aber nicht erst damals, als diese junge Frau ein Kleinkind war, gab es bewaffnete Neonazis in Dortmund. Und viele von denen, die damals dabei waren, sind es noch heute. Das Mädchen vor der Steinwache spricht weiter und sagt, dass ihr erst in den letzten Jahren bewusst geworden ist, welche Gefahren vom Rechtsextremismus ausgehen.

Für ein 15-jähriges Mädchen stimmt das.

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