Lagerverkauf: Kunden warten für die ersten Raketen nachts stundenlang in der Schlange

rnFeuerwerks-Verkauf

Sie wollen sich den Spaß nicht verderben lassen: Hunderte von Menschen stehen in Oestrich nachts stundenlang in der Kälte, um sich mit Feuerwerk einzudecken. Manche opfern ihr Weihnachtsgeld.

Dortmund

, 28.12.2019, 13:51 Uhr / Lesedauer: 3 min

Eine halbe Stunde vor Mitternacht tritt der Altenpfleger Jan Kraus (19) von einem Bein aufs andere. Die Nacht ist klar und kalt, der Atem steht in der Luft. Jan Kraus hat sich gewappnet. Er hat sich drei Shirts übergestreift, darüber einen Pullover und eine Jacke. Vier Paar Socken sollen ihm die Füße warm halten. Es ist die Nacht von Freitag (27. Dezember) auf Samstag (28. Dezember).

Eine knappe halbe Stunde noch. Dann werden die Leute vom Sicherheitsdienst endlich das Tor öffnen, vor dem Jan Kraus und seine drei Begleiter hier, in einem Gewerbegebiet in Oestrich, seit fast fünf Stunden in der Kälte stehen und warten. Sie werden die ersten sein, wenn der Ansturm aufs Silvesterfeuerwerk losbricht, das ab Mitternacht verkauft wird. Hinter ihnen warten zurzeit ungefähr 600 bis 800 weitere Käufer: eine Menschenschlange, die weit hinten, irgendwo hinter der vierten Laterne endet.

Lagerverkauf: Kunden warten für die ersten Raketen nachts stundenlang in der Schlange

Alles im Lot: Brigitta, Nikolasz und Jan (v.l.) waren die ersten, die sich vor das Tor postiert hatten. Fünf Stunden haben sie bis zur Öffnung gewartet. © Schaper

„Scheidings Lagerverkauf“ zündet. Er hat Tradition. Kunden aus dem ganzen Ruhrgebiet sind in dieser Nacht in die Straße Kammerstück ins Oestricher Gewerbegebiet gekommen. Viele warten stundenlang. Geduldig, ruhig, ohne zu murren. Geschiebe, Gedränge? Gibt es nicht.

Warum sie sich das antun? Kraus und seine Begleiter gucken, als könnten sie die Frage nicht verstehen. „Weil es preiswert ist und man gute Qualität erhält“, kommt es als Antwort zurück. Tags zuvor ist eine Umfrage veröffentlicht worden, nach der angeblich 57 Prozent der Deutschen ein Böllerverbot befürwortet. „Jaja“, sagt Kraus und winkt ab.

600 Euro fürs Feuerwerk

Brigitta (22), die neben ihm steht, findet, dass Silvester für die Umwelt gar nicht so schlimm sei. „Flugzeuge und Schiffe schaden viel mehr.“ Sie sind entschlossen, sich den Jahresausklang auf keinen Fall vermiesen zu lassen. 600 Euro hat Altenpfleger Kraus mitgebracht fürs Feuerwerk. Ja sicher, das gesamte Weihnachtsgeld gehe dafür drauf, sagt er. Die Knallerei ist es ihm wert.

Sein Kumpel aus Gelsenkirchen möchte seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen. Er hatte seinem Chef nachmittags auf der Arbeit weisgemacht, ihm gehe es nicht gut, er wolle sich zuhause hinlegen. Hat er auch: Er hat vorgeschlafen, um sich fürs stundenlange Warten auf den Feuerwerks-Verkauf zu wappnen. Er will 300 Euro ausgeben.

Jenny (24), Krankenschwester aus Velbert, hat sich in eine Decke gehüllt und lacht mit ihrem Verlobten Tim aus Dortmund (24) gegen die Kälte an. Sie findet das ganze Gerede ums Böllerverbot blöd. „Silvester ist ein einziges Mal im Jahr“, sagt Jenny. „Und als Jahresausklang finde ich ein Feuerwerk total angemessen.“ Für Tim ist der Lagerverkauf keine Premiere. Er kennt ihn noch aus den Zeiten in Sölde. Lange her.

Lagerverkauf: Kunden warten für die ersten Raketen nachts stundenlang in der Schlange

Mit der Decke gegen die Kälte: Jenny aus Velbert und ihr Verlobter Tim aus Dortmund. © Schaper

Rund fünf Tonnen Sprengmasse stehen insgesamt zum Verkauf. Aus Vorsichtsgründen dürfen in den Räumlichkeiten in Oestrich immer nur höchstens 1,4 Tonnen gelagert werden. Christoph Scheiding, Geschäftsführer von „Scheidings Lagerverkauf“, schätzt, „dass die zweieinhalb Stunden nach Öffnung verkauft sind.“ Also wird ein Teil seiner rund 30 Mitarbeiter rüberfahren nach Witten, um mitten in der Nacht die nächsten 1,4 Tonnen Sprengmaterial zu holen, die in einem Bunker lagen.

Das "Vorschießen" musste ausfallen

Scheiding beobachtet die Schlange der Wartenden hinterm Tor. „Hier sind echte Freaks“, sagt er. „Die wissen alle ganz genau, was sie wollen.“ Dabei musste das zweistündige „Vorschießen“, das Scheiding traditionell im Mengeder Volksgarten veranstaltet, in diesem Jahr ausfallen. Es ist eine Art Leistungsschau, auf der sich das Publikum über die Neuheiten des Marktes informieren kann. Aber diesmal haben Diskussionen um CO2-Belastung, Feinstaub und Böllerverbot Spuren hinterlassen.

Die Stadtverwaltung habe Bedenken gehabt. „Naja, die wollten halt verhindern, dass Öl ins Feuer gegossen wird“, sagt Scheiding. Macht aber nichts: Die Hardcorefans, die „echten Pyromanen“, wie Scheiding sie spaßeshalber nennt, die kommen auch so. Ohne Vorschießen.

Kurz vor 24 Uhr spricht Scheiding in eine Flüstertüte. Gleich geht es los. Er begrüßt die Wartenden und erklärt den Ablauf. "Schön, dass ihr euch von den Diskussionen nicht unterkriegen lasst", ruft er. Die Leute vom Sicherheitsdienst öffnen das Tor. Ein Gejohle geht durch die Menge, einige klatschen. Grüppchenweise werden sie reingelassen, jeweils 40 bis 50, die anderen müssen weiter warten. Einkaufwagen geschnappt und rein in die Verkaufsräume.

Lagerverkauf: Kunden warten für die ersten Raketen nachts stundenlang in der Schlange

Drinnen geht alles ganz schnell: Die meisten Kunden wissen ganz genau, welche Aritkel sie kaufen möchten. © Beushausen

Nach 15 bis 20 Minuten kommen die ersten vollbeladen wieder raus, alles geht rasend schnell. Scheiding schätzt, dass es "bis acht Uhr morgens rund 2500 Kunden sein werden." Kleiner wird die Schlange erstmal nicht: Mitternacht ist vorbei, und minütlich reihen sich neue Kunden ans Ende.

Das Ehepaar Sascha (34) und Miriam (32) beobachtet die Szenerie vom traditionellen Würstchenstand aus. Ja, sie würden zuhause auch feiern, klar. Aber sich mitten in der Nacht stundenlang anstellen, um Böller oder Raketen zu kaufen? „Nee, auf keinen Fall“, sagt Kraftfahrer Sascha.

Lagerverkauf: Kunden warten für die ersten Raketen nachts stundenlang in der Schlange

Miriam und Sascha beobachten das Treiben vom Würstchenstand aus: Sie ziehen es vor, tagsüber beim Discounter zu kaufen. © Beushausen

Er hat noch gut in Erinnerung, wie er vergangenes Jahr morgens um neun Uhr hierhin kam. „Das, was wir haben wollten, war da schon weg.“ Also hat sich das Paar entschieden, sein Feuerwerk lieber im Discounter zu kaufen. Warum sie überhaupt mitten in der Nacht hier sind? „Wegen der Bratwurst, wir hatten noch Appetit.“

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