Leben ohne Geruchs- und Geschmackssinn: „Lebensqualität ist stark beeinträchtigt“

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In Dortmund gibt es seit einigen Monaten einen Gesprächskreis für Menschen, die nicht riechen oder schmecken können. Die Krankheit ist wenig erforscht, die Auswirkungen sind dagegen groß.

von Alexandra Wachelau

Dortmund

, 14.12.2019, 17:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Riechen und schmecken – für die meisten Menschen das Selbstverständlichste der Welt. Doch diese angeborenen Sinne können aus verschiedenen Gründen nicht mehr funktionieren: beispielsweise Alzheimer, Viruserkrankungen oder ein Unfall. Was das für betroffene Menschen bedeutet, ist nur schwer vorstellbar. Oft geht es über den Genuss von Essen hinaus.

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André Austinat (43) aus Lütgendortmund kann seit 2015 weder riechen noch schmecken. Sein Leben hat sich dadurch drastisch verändert. Seit September 2019 trifft er sich regelmäßig mit Menschen, die ebenfalls betroffen sind: „Ich habe selber eine Gruppe für Dortmund gegründet, nachdem ich keine gefunden hatte“, sagt er.

„Ganz banaler Virusschnupfen“ kann Auslöser sein

Die Gruppe dient dabei nicht nur dem Erfahrungsaustausch. „Die Krankheit ist wenig erforscht, das haben mir auch Ärzte gesagt. Wir suchen momentan Wissenschaftler, die sich in dem Bereich auskennen und Ursachenforschung betreiben können“, sagt er.

Wie fast alle Gruppenteilnehmer hat Austinat viele Tests und Arztbesuche hinter sich. „Bei manchen Tests konnte man noch nicht mal angeben, dass man gar nichts riecht“, sagt Austinat. Das sei bei ihm jedoch der Fall gewesen. „Die Krankenschwestern haben es mir erst gar nicht geglaubt“.

Leben ohne Geruchs- und Geschmackssinn: „Lebensqualität ist stark beeinträchtigt“

André Austinat kann seit 2015 weder riechen noch schmecken. Zwar kocht er immer noch für seine Familie – das Abschmecken muss jedoch seine Frau übernehmen. © Oliver Schaper (Archiv)

Die anderen Teilnehmer der Selbsthilfegruppe kennen solche Erfahrungen. Paul Labusga (22) kann nichts riechen, solange er denken kann: „Ich habe das schon als Kind gemerkt. Aber es hat ewig gedauert, bis die Erwachsenen mir das geglaubt haben“, erinnert er sich. Als die Krankheit anerkannt wurde, war er ein Teenager.

Warum er nichts riechen kann, weiß er bis heute nicht.

Laut Dr. Horst Luckhaupt, Chefarzt der Hals- Nasen- und Ohrenheilkunde im Johannes-Hospital in Dortmund, kann der Auslöser für Geruchseinschränkungen neben einer Entzündung der Nasennebenhöhlen auch ein „ganz banaler Virusschnupfen“ sein: „Das ist für die Patienten oft schwer verständlich, weil die Krankheit so alltäglich ist“, sagt er.

So ging es auch Tobias Hölscher. Seit einer Erkältung im Sommer schmecken ihm viele Dinge nicht mehr, weil er nicht mehr so gut riechen und schmecken kann: „Ich habe über zehn Kilo abgenommen, aber das ist das einzig Gute an der Sache. Es nimmt einem viel Lebensqualität. Von Kaffee wird mir inzwischen übel“, sagt er.

Viele Einschränkungen durch die Krankheit

Dabei stimmt Dr. Luckhaupt zufolge die gängige Annahme nicht, dass ein Mensch ohne Geruchssinn auch nichts mehr schmecken kann. Das ist bei Paul Labusga der Fall – sein Geruchssinn ist noch intakt. „Kochen klappt sogar ganz gut“, so der 22-Jährige.

Dennoch nimmt er durch die sogenannte Agnosie einige Einschränkungen wahr: „Ich könnte mir nie vorstellen, alleine zu wohnen – ich weiß bei vielen Lebensmitteln beispielsweise nicht, wann sie schlecht sind. Auch bei der Wäsche habe ich Probleme, ich nehme ja meinen Eigengeruch auch nicht wahr“, sagt er. In der WG, in der er momentan wohnt, bekommt er Unterstützung.

Die anderen Gruppenteilnehmer kennen das. André Austinat ist zweifacher Familienvater und hat viel Geld in Grill und Küche investiert, bevor er seinen Geruchs- und Geschmackssinn verlor. Nun muss seine Frau abschmecken, wenn er kocht: „Mir selber wäre es egal, was ich esse. Ich schmecke es ja nicht“, sagt er.

Hoffnung gibt es dennoch.

Laut Austinat habe sich eine Teilnehmerin einer Nasenscheidenoperation unterzogen: „Es ist alles noch ganz frisch, aber sie sagt, dass ein Teil ihres Geruchssinns wieder zurückgekommen ist“, sagt er. Dr. Horst Luckhaupt bestätigt, dass durch eine operative Behandlung – neben einer Behandlung mit Kortisonspray oder mit Duftstoffen – der Geruchssinn zumindest in Teilen wiederhergestellt werden kann.

Agnosie und ageusie - geruchs- und geschmackssinnverlust

  • Die Selbsthilfegruppe „Gesprächskreis Anosmie und Ageusie“ trifft sich jeden ersten Montag im Monat, von 17 bis 19 Uhr in der Innenstadt.
  • Interessierte können sich bei der Selbsthilfe-Kontaktstelle unter Tel. 52 90 97 oder per E-Mail an selbsthilfe-dortmund@paritaet-nrw.org informieren.
  • Genaue Statistiken, wie viele Menschen von der Krankheit betroffen sind, gibt es nicht. Dr. Luckhaupt schätzt, dass mehr als 1000 Menschen in Dortmund betroffen sind.
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