Lehrermangel: Fast 80 Schulen in Dortmund haben zu wenige Planstellen

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An vielen Dortmunder Schulen fehlen Lehrer – und dabei geht es nicht nur um außerplanmäßige Ausfälle: Etwa jede zweite Schule ist sogar schon auf dem Papier unterbesetzt.

Dortmund

, 17.02.2020, 17:30 Uhr / Lesedauer: 5 min

Für Eltern in Dortmund ist dieser Tage die Wahl der Schule für ihre Kinder ein großes Thema. Denn die Schulanmeldungen laufen. Ein Kriterium, das wohl für viele wichtig ist, ist die Zahl der ausfallenden Unterrichtsstunden. Damit diese möglichst klein ist, müssen Schulen gut mit Lehrern ausgestattet sein. Doch Zahlen des Landes zeigen nun: Fast 80 Schulen in Dortmund sind planmäßig unterbesetzt.

Das geht aus einem Datensatz des NRW-Schulministeriums hervor, den das gemeinnützige Recherchezentrum Correctiv aufbereitet hat. Er zeigt mit Stand vom Beginn des Schuljahres 2018/2019 für alle Dortmunder Schulen den Bedarf an Lehrern und die Zuteilung von Lehrern durch die Schulaufsicht, jeweils ausgedrückt in Vollzeitstellen.

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Mindestens 78 Schulen für Grundversorgung unterbesetzt

159 öffentliche Schulen gibt es laut dem Datensatz des Schulministeriums in Dortmund. 78 von ihnen hatten im Schuljahr 2018/2019 einen Versorgungsgrad von unter 100 Prozent. Das heißt, dass schon die planmäßige Lehrerausstattung an etwa der Hälfte der Schulen nicht ausreicht, um den festgestellten Unterrichtsbedarf wenigstens theoretisch zu erfüllen.

Theoretisch – denn selbst an Schulen, die auf dem Papier zu 100 Prozent mit Lehrern versorgt sind, lässt sich Unterrichtsausfall oft nicht vermeiden. Die Zahlen des Landes enthalten nämlich keine Aussagen zum Beispiel über Krankheitsfälle, Fortbildungen oder Elternzeiten.

Kooperation mit Correctiv

Diese Recherche ist Teil einer Kooperation der Ruhr Nachrichten mit Correctiv.Lokal, einem Netzwerk für Lokaljournalismus, das datengetriebene und investigative Recherchen umsetzt. Correctiv.Lokal ist Teil des gemeinnützigen Recherchezentrums Correctiv, das sich durch Spenden von Bürgern und Stiftungen finanziert. Mehr unter correctiv.org.

Um auch in solchen Fällen Unterrichtsausfall möglichst weitgehend zu vermeiden, fordern verschiedene Elternvertretungen und Gewerkschaften einen Versorgungsgrad von mindestens 105 Prozent. Legt man diesen als Grenzwert an, waren im Schuljahr 2018/2019 sogar 115 von 159 öffentlichen Schulen in Dortmund unterbesetzt – das sind fast drei von vier Schulen.

Blickt man nur auf die Lehrerfehlzahl, also das Missverhältnis von festgestelltem Lehrerbedarf und tatsächlich zugewiesenen Lehrerstellen, fehlten an 61 Dortmund Schulen eine halbe oder mehr Lehrerstellen. Auch hier wieder: theoretisch.

Dortmund ist mit dem Problem selbstverständlich nicht allein. Der Lehrermangel ist ein bundesweites Phänomen. In NRW weisen laut Correctiv fast 54 Prozent aller allgemeinbildenden Schulen in dem Datensatz einen Lehreversorgungsgrad von unter 100 Prozent auf – in Dortmund sind es 49 Prozent.

Erheblicher Mangel an Grundschulen

Einen bedenklichen Versorgungsgrad von unter 95 Prozent gab es laut dem Datensatz an vielen Dortmunder Grundschulen. Eine davon ist die Buschei-Grundschule in Scharnhorst.

Deren Schulleiterin, Katrin Osthege, kennt das Thema Lehrermangel offenbar gut. Knapp 300 Schülerinnen und Schüler gebe es an ihrer Schule – und 13 Lehrkräfte. Von denen seien zur Zeit 5 in Elternzeit.

Um das ein wenig auszugleichen setzt Osthege auch auf zwei Lehramts-Studentinnen, die gerade ihren Master abgeschlossen haben, und in Zusammenarbeit mit Lehrerinnen auch Klassenleitungen übernehmen.

„An manchen Grundschulen ist das die letzte Möglichkeit, den Unterricht aufrecht zu halten“, sagt Osthege. „Die beiden machen das sehr gut und sind für uns eine wertvolle Unterstützung.“

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Die Bezirksregierung und das Schulamt wissen um das Problem an den Grundschulen und tun ihr Bestes, betont Katrin Osthege. Es gebe aber einfach zu wenige Lehrer.

Das Problem bei den Grundschulen beschränkt sich übrigens nicht auf den Dortmunder Norden. Die Hangeney-Grundschule in Kirchlinde, die Olpketal-Grundschule in Lücklemberg und die Liebig-Grundschule im Kreuzviertel waren im Schuljahr 2018/2019 ebenfalls bedenklich unterbesetzt – so wie 20 weitere Grundschulen in Dortmund.

Im landesweiten Vergleich stehen die Dortmunder Grundschulen dennoch relativ gut da. Auf ganz NRW gesehen wiesen fast 37 Prozent der Grundschulen einen bedenklich niedrigen Versorgungsgrad auf. In Dortmund sind es 27 Prozent der Grundschulen.

Verteilungsfragen

Ein Grund dafür könnte sein, dass Lehrkräfte an Grundschulen schlechter verdienen als an Gymnasien. Verbeamtete Lehrerinnen und Lehrer mit der Befähigung für Grund-, Haupt-, Real- und Gesamtschulen bekommen anfangs rund 3.800 Euro. Studienräte mit der Befähigung für Gymnasien und Gesamtschulen kommen auf rund 4.400 Euro.

Ein weiterer Grund könnten auch Image-Probleme des Lehrerberufes sein. Immerhin gibt es eine Werbekampagne des Schulministeriums, die offensiv für den Lehrerdienst wirbt.

Wie die Zuweisung funktioniert

Zuständig für die Verteilung von Lehrerstellen an die weiterführenden Schulen ist die Bezirksregierung Arnsberg. Sie tut dies auf Basis eines Kontingents an Lehrerstellen, das ihr wiederum vom NRW-Schulminsiterium zugewiesen wird. Im Falle der Dortmunder Grundschulen gibt die Bezirksregierung einen Teil ihres Kontingents an das Schulamt der Stadt Dortmund weiter, das dann über die Zuweisung der Lehrerstellen auf die einzelnen Schulen entscheidet.

Auch die Verteilung der Lehrer auf die Schulen ist ein Problem. Denn im Schuljahr 2018/2019 gab es auch 18 Schulen, die mit 110 Prozent oder mehr überversorgt waren. Die Idee, einfach zwischen den Schulen umzuschichten, mag naheliegend sein. So einfach ist das aber nicht.

Die Gründe für die unterschiedliche Personalausstattung sind laut der Bezirksregierung sehr unterschiedlich und reichen von Neugründungen oder Zusammenlegungen von Schulen über zeitweise Beurlaubungen von Lehrern bis zu speziellen Fachbedarfen, für die es keine passenden Bewerber gibt.

Zudem müssen Lehrer ihrer Versetzung in der Regel zustimmen. Ob sonderlich viele Lehrer, die sich an ihre Wahlschule gebunden haben, das tun, ist fraglich. Ob häufige Lehrerwechsel pädagogisch sinnvoll wären auch.

Lehrermangel bei allen Schulformen

Grundsätzlich gab es im Schuljahr 2018/2019 bei allen Schulformen in Dortmund Schulen mit einem Versorgungsgrad von unter 100 Prozent: Vier von acht Hauptschulen waren laut den Landesdaten unterbesetzt, acht von dreizehn Realschulen, sechs von vierzehn Gymnasien und fünf von neun Gesamtschulen.

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Auffällig ist, dass an allen Dortmunder Berufskollegs laut dem Datensatz Lehrer fehlen. Das Konrad-Klepping-Berufskolleg kommt immerhin auf einen Versorgungsgrad von annähernd 100 Prozent.

Auf Landesebene werden auch Förderschulen als Problemfall gesehen. Diese sind in Dortmund relativ gut aufgestellt. Vier der fünfzehn Förderschulen sind unterbesetzt – sechs mit einem Versorgungsgrad von über 105 Prozent aber auch gut aufgestellt.

Lehrergewerkschaft: „Es wird Unterricht gekürzt“

Auch an der Hauptschule am Hafen fehlen Lehrer. Dort haben rund 90 Prozent der Schülerinnen und Schüler einen Migrationshintergrund. Rund 80 Prozent kommen aus Familien, die von Unterstützungsleistungen leben. Eine Schule also, wo eine gute Ausstattung mit Pädagogen besonders wichtig wäre.

Volker Maibaum unterrichtet an der Hauptschule am Hafen – und ist außerdem Personalrat bei der Lehrergewerkschaft GEW. Die Konsequenz aus dem Lehrermangel sind für ihn eindeutig: „Die Schulen können ihr Pflichtprogramm bei Unterbesetzung nicht gewährleisten. Im Zweifelsfall wird also Unterricht gekürzt.“ Stellen, die eigentlich zum Beispiel für Sprachförderung vorgesehen wären, müssten genutzt werden, um den Grundbedarf an Unterrichtsstunden zu bedienen.

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„Das Hauptproblem liegt auf der politischen Ebene“, meint Volker Maibaum. „Es mangelt dort an der langfristigen Planung.“ Als es vor Jahren einen Lehrerüberschuss gegeben habe, sei zum Beispiel ein hoher Numerus Clausus auf das Lehramtsstudium gesetzt. Als dann Lehrer in Pension gingen und die Schülerzahlen stiegen, konnte das nicht ausgeglichen werden.

„Wir sind seit Jahren am Limit“, sagt Volker Maibaum. „Mehr Unterricht pro Lehrer geht nicht, und auch die Klassen kann man kaum noch vergrößern.“

Maibaum wünscht sich, dass alle Lehrer gleich bezahlt werden – nach dem Tarif für Gymnasiallehrer. Auch die Arbeitsbedingungen sollen angeglichen und verbessert werden, zum Beispiel bei der Digitalisierung. Und auch mehr Entlastung für zusätzliche Aufgaben wie zum Beispiel eine feste Schulkrankenschwester befürwortet der Gewerkschafter.

Zu den Daten von Beginn des Schuljahres 2018/2019 merkt Maibaum noch an: „Seit dem hat sich die Situation eher noch mal verschärft.“

Ein Positivbeispiel

Doch es gibt auch Dortmunder Schulen, die das Gegenteil eines Lehrermangels erleben: 18 Schulen hatten im Schuljahr 2018/2019 einen Versorgungsgrad von über 110 Prozent. Auch darunter finden sich viele Grundschulen.

Stephan Sauerwald, seit dem Sommer Schulleiter der Wilhelm-Röntgen-Realschule, erzählt, wie sich eine solche Überbesetzung im Alltag auswirken kann: „Die Überhänge, die wir zurzeit haben, gehen in individuelle Förderung.“ Er betont: „Jede Stelle, die wir, gemessen an dem festgestellten Bedarf, zu viel haben, kommt den Kindern zugute.“

Wo die komfortable Situation herkommt, das kann Stephan Sauerwald nur vermuten. „Jede Stelle, die wir ausgeschrieben hatten, konnten wir auch besetzen. Das hat wahrscheinlich auch etwas mit Mund-zu-Mund-Propaganda zu tun.“

NRW-Schulministerium: „Jeder Stein wird umgedreht.“

Selbstverständlich ist der Lehrermangel auch kein Dortmunder Phänomen. An 54 Prozent aller allgemeinbildenden Schulen in NRW, das zeigt die Auswertung des Datensatzes durch Correctiv, reicht die planmäßige Ausstattung mit Lehrern nicht aus, um wenigstens theoretisch den Unterrichtsbedarf zu decken.

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Im November hat NRW-Bildungsministerin Yvonne Gebauer ein Maßnahmenpaket gegen den Lehrermangel vorgestellt. Bisher ist es das dritte. Darin enthalten sind unter anderem 17 Millionen Euro für Zulagen, die von 2020 bis 2022 an Lehrer mit besonders gesuchten Profilen gezahlt werden können.

Auch die Kapazitäten in der Lehrerausbildung an Universitäten sollen durch das Paket erhöht werden. Zudem sollen mehr Lehrerinnen und Lehrer mit Befähigung für das Gymnasium an den anderen Schulformen unterrichten. Und Pensionärinnen soll es attraktiver gemacht werden, zeitweise in den Schuldienst zurückzukehren.

Jeder Stein werde umgedreht, teilte das Schulministerium im November mit. Angesichts des bevorstehenden Renteneintritts der geburtenstärksten Jahrgänge und der schon jetzt dramatischen Zahlen, scheint genau das dringend nötig.

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