Friedhelm Schmälter war schon während des Zweiten Weltkriegs im Einsatz. Als 16-Jähriger erlebte er den Bombenangriff auf Dortmund hautnah mit. Noch heute ist er „seiner“ Feuerwehr treu.

Dortmund

, 02.12.2019, 17:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Als er fürs Pressefoto die steilen Stufen zum Führerhaus des Löschwagens hinaufsteigen soll und ihm dabei Hilfe angeboten wird, lehnt Friedhelm Schmälter gleichermaßen dankend wie energisch ab: „Lassen Sie mal, junger Mann. Das mach ich noch ganz gut selbst.“

Und das kann wahrlich nicht jeder von sich behaupten. Denn Friedhelm Schmälter ist 91 Jahre alt und seit nunmehr 75 Jahren Mitglied des Löschzugs Nette. Der älteste Feuerwehrmann Dortmunds rettete schon Menschenleben, als seine Heimatstadt im wahren Sinne des Wortes in Trümmern lag.

Dortmund lag in Trümmern

„Wenn hier was los ist, dann ist Opa auch dabei“, sagt der 91-Jährige über sich und lacht lauthals. Klar, zu Einsätzen fährt Schmälter inzwischen nicht mehr mit raus; im Mittelpunkt stehen heute die Kameradschaft und die Kontakte zu den jüngeren Kollegen der Freiwilligen Feuerwehr, von denen er ganze Generationen erlebt hat.

Doch die Kontaktpflege stand keineswegs immer im Mittelpunkt. Als Schmälter am 1. April 1944 mit 16 Jahren Mitglied der Löschgruppe Nette wurde, hatten alliierte Bomben Dortmund schon zu großen Teilen zerstört.

Feuerwehrmann in Dortmund - das bedeutete seinerzeit zahllose Einsätze und jede Menge schreckliche Erlebnisse, erinnert sich der gebürtige Netter: „Was ich damals an Leichen gesehen habe, das geht auf keine Kuhhaut. Am 6. Oktober 1944, beim Angriff auf Dortmund, hatten wir einen großen Einsatz auf dem Bahnhofsvorplatz. Was meinen Sie, wie viele tote Menschen da lagen!?“

Dortmunds ältester Feuerwehrmann: „Was ich an Leichen gesehen hab, geht auf keine Kuhhaut“

Am 6. Oktober 1944 geht ein Bombenhagel auf den Dortmunder Hauptbahnhof nieder. Hunderte Menschen werden durch die Bomben getötet oder von anderen Flüchtenden totgetrampelt. Friedhelm Schmälter ist am Bahnhof als Feuerwehrmann im Einsatz - mit gerade einmal 16 Jahren. © Stadtarchiv Dortmund

Dabei wäre ihm all das Elend eigentlich erspart geblieben. Denn obwohl in Sachen Feuerwehr familiär vorbelastet und ihr somit ohnehin zugetan, hätte er erst ein gutes Jahr später die Uniform anziehen dürfen: „Zur Feuerwehr durfte man damals erst mit 17. Aber, es war ja kaum noch jemand da - die Männer waren alle im Krieg.“ Mit den Vorschriften nahm man es damals eben nicht so genau.

Dortmunds ältester Feuerwehrmann: „Was ich an Leichen gesehen hab, geht auf keine Kuhhaut“

Nach dem Bombenangriff an jenem 6. Oktober 1944 war der Dortmunder Hauptbahnhof kaum mehr als solcher zu erkennen. © Stadtarchiv Dortmund

So wurde aus dem Isolierklempner-Lehrling ein Mitglied der Feuerlösch-Polizei, wie die Wehren zu Kriegszeiten genannt wurden. Doch als wären die Erfahrungen zwischen Ruinen und sterbenden Menschen für einen kaum dem Kindesalter entwachsenen jungen Mann nicht schon schlimm genug, wurde Schmälter am 20. Januar 1945, immer noch 16 Jahre jung, zur Wehrmacht eingezogen.

Der Dortmunder landete in Breslau, wo wenig später mit der Roten Armee die Schlacht um Breslau tobte. „Alles kam rein, aber keiner mehr raus“, erzählt der 91-Jährige, dessen Erinnerungsvermögen trotz des hohen Alters noch unglaubliche Leistungen vollbringt. All die Daten, die Erlebnisse - Schmälter schildert sie, als seien sie gestern geschehen.

Luftsprünge der Eltern bei der Rückkehr

Und damals, fährt er fort, damals in Breslau habe er dann noch mal Glück gehabt. Denn die 1928er-Jahrgänge, die Allerjüngsten also, durften die Stadt schließlich doch verlassen.

Der Netter kam zunächst in den Harz und anschließend in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Im Sommer 1945 war das Trauma für ihn endlich vorbei. „Am 8. Juli 1945 war ich wieder zu Hause“, erzählt er. „Meine Eltern haben Luftsprünge gemacht, denn die wussten ja seit langer Zeit überhaupt nicht mehr, wo ich war.“

Bei der Freiwilligen Feuerwehr, deren Gerätehaus im Krieg zerstört worden war, beteiligte sich Schmälter umgehend am Wiederaufbau. Selbst an das erste motorisierte Fahrzeug, mit dem es in den 50ern zu Einsätzen ging, kann er sich noch gut erinnern: „Das war ein motorisiertes Goliath-Dreirad, mit dem zuvor Obst ausgefahren worden war.“

Dortmunds ältester Feuerwehrmann: „Was ich an Leichen gesehen hab, geht auf keine Kuhhaut“

Friedhelm Schmälter (v. r.) mit seinen Netter Feuerwehrkameraden im Jahr 1974. Damals hatte Schmälter schon 30 Jahre Dienstzeit auf dem Buckel. © Freiwillige Feuerwehr Nette

Und obwohl er geheiratet hatte, Vater einer Tochter geworden war und in verschiedenen Kraftwerken arbeitete, blieb Schmälter seinem Netter Löschzug treu: Er absolvierte in Münster den Brandmeisterlehrgang, wurde Unfallbeauftragter sowie Gruppenführer und bildete bis in die 1970er-Jahre hinein den Nachwuchs aus.

Dabei achtete der Routinier stets auf Ordnung und Disziplin, erzählt Herbert Janzen, einst selbst ein Schützling Schmälters und später lange Jahre Löschzugführer: „Bei ihm lernte man noch, dass man die Türen der Fahrzeuge auch leise schließen kann.“

Aber natürlich bestand Schmälters Tätigkeit nicht nur aus pädagogischen Aufgaben. Er berichtet, dass er einst beim Löschen des brennenden Schlosses Westhusen ebenso mit von der Partie war wie beim Gut Königsmühle, das vor vielen, vielen Jahren ebenfalls in Flammen stand.

Und auf dem Hoesch-Gelände habe einmal ein derart schweres Hochwasser gewütet, dass ein Kran auf einen Kühlturm gefallen war und so die Überhitzung eines Hochofens drohte. „Wir mussten Wasser pumpen“, erzählt der 91-Jährige, „und zwar permanent im Kreislauf.“

„Wenn hier was los ist, dann ist Opa dabei“

Auch wenn der Netter heute keine verschütteten Menschen mehr birgt oder Wasser pumpt, so ist er doch fit und unternehmungslustig. Noch in diesem Jahr unternahm er mit Tochter und Schwiegersohn eine Kreuzfahrt zum Nordkap, ansonsten liest und bastelt er viel oder löst Kreuzworträtsel. „Man muss sich beschäftigen, sonst wird das nichts“, spricht aus ihm die 91-jährige Erfahrung.

Und wenn es bei der Feuerwehr Treffen der Ehrenabteilung oder andere Feierlichkeiten gibt, dann darf Friedhelm Schmälter auf keinen Fall fehlen. Frei nach dem Motto: „Wenn hier was los ist, dann ist Opa auch dabei.“

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