„Die Heidi ist tot...“ – Da fängt der Nachbar an zu weinen

rnLeichenfund nach einer Woche

Nachbarn sind erschüttert: Erst nach einer Woche wurde eine 59-Jährige tot zuhause gefunden. Ein Fall von Vereinsamung in der Großstadt? Eine Spurensuche vor Ort.

Dortmund

, 02.08.2019, 11:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Marcel Augustat kennt den Geruch, der entsteht, wenn Leichen mehrere Tage lang unentdeckt in der Wohnung liegen. So hat er seinen Vater gefunden. Trotzdem hat er nicht sofort an Verwesungsgeruch gedacht, als er nach anderthalb Wochen aus dem Krankenhaus zurück in seine Wohnung an der Weißenburger Straße kam.

Der blonde, untersetzte Mann wohnt seit fünf Jahren auf der 1. Etage des 20-Parteien-Hauses, auf demselben Flur wie Heidi (Name von der Redaktion geändert). Heidi wohnte schon Jahrzehnte dort, berichtet der 40-Jährige. Heidi wurde 59 Jahre alt. Sie ist laut Polizei freiwillig gegangen. Vermutlich in der Zeit, als Marcel Augustat im Krankenhaus war.

Sie reagierte nicht auf Klopfen

Als Augustat am Dienstagmorgen (30. 7.) den Müll runterbrachte, glaubte er zunächst, der Geruch komme von einem kaputten Abflussrohr im Keller, fand aber nichts. Nachmittags kam er vom Einkaufen zurück, und der Geruch wurde immer penetranter. Heidi hatte in den letzten Tagen niemand gesehen. Sie reagierte auch nicht auf Klopfen. „Dabei war sie sonst immer da, hat immer aufgemacht“, sagt ihr Nachbar. Letztlich dämmerte ihm: Da stimmt etwas nicht.

Alarmiert öffnete er die dünne Wohnungstür von Heidi einen Spalt breit. Das sei möglich, die Türen seien von keiner allzu guten Qualität, sagt er. Schlagartig wusste er den Geruch zuzuordnen, ebenso die Fliegen, die ihm entgegenkamen. Augustat rief am Dienstagabend um 18.43 Uhr die Polizei.

„Als sie die Tür aufgebrochen haben, kamen Millionen Fliegen raus“, erinnert er sich. Kripo und Feuerwehr waren ebenfalls vor Ort und ließen Heidi aus der Wohnung tragen. Die Feuerwehr schraubte nach der kriminaltechnischen Untersuchung eine dicke Spanplatte vor die Wohnungstür, und die Kripo versiegelte sie mit einem blauen Klebestreifen. So ist der technische Ablauf.

Fürs Alter normale Wehwehchen

Doch die Emotionen sind nicht so schnell abgeschlossen. Marcel Augustat kann es immer noch nicht fassen. In den Türrahmen zwischen den sandsteinfarbenen Klinkern im Flur gelehnt, erzählt er mit Blick auf Heidis Tür, er habe keine Anzeichen bemerkt, dass Heidi besonders unglücklich gewesen sei, auch wenn sie „ab und zu mal einen deprimierten Eindruck gemacht“ habe. „Sie hatte fürs Alter normale Wehwehchen. Mal was am Knie, mal da was. Ich bin von Herzversagen ausgegangen. Sie hat viele Tabletten genommen.“

Hinweis der Redaktion

Wir haben uns entschieden, im Normalfall nicht über Selbsttötungen zu berichten, außer sie erfahren durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit und/oder es sind Menschen außerhalb des Familien- oder Freundeskreises betroffen. Der Grund für unsere Zurückhaltung ist mögliches Nachahmungspotenzial. Wenn Sie sich selbst Gedanken über Suizid machen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de), Telefon: 0800-1110111 oder 0800-1110222. Hier erhalten Sie Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten.

Heidi habe einen Sohn, der ein- bis zweimal im Monat vorbeigekommen sei und nach ihr gesehen habe. Auch andere Verwandte hätten sie besucht. Viel Geld habe sie nicht gehabt. Heidi habe Flaschen gesammelt, und die anderen Mieter hätten ihr die leeren Flaschen tütenweise vor die Tür gestellt. „Von dem Flaschengeld hat sie sich Essen und Trinken geholt.“

Jeden Tag die Wellensittiche besucht

Außerdem habe Heidi bis vor einiger Zeit ehrenamtlich gearbeitet. „Sie war auch sonst früher ehrenamtlich unterwegs“, erzählt Augustat. „Die Heidi, das war eine ganz Liebe.“

Früher habe sie mal Wellensittiche gehabt. Als er, Augustat, sich dann im Januar welche zugelegt habe, sei Heidi jeden Tag rübergekommen und habe einen Kaffee mitgetrunken. Nein, einsam sei sie nicht gewesen.

Neben Heidi über Eck auf der Etage wohnt ein Thailänder. Auch er hat sich über den Geruch gewundert, hatte aber keinen Schimmer, woher er kommen könnte. „Die Heidi ist tot“, hat Augustat ihm gesagt. Da hat der Thailänder geweint.

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