Michael Reh (57) wurde als Kind von einer Frau schwer sexuell missbraucht

rnErfolgreicher Fotograf

Seine Tante hat ihn jahrelang sexuell missbraucht - als sie eigentlich auf ihn aufpassen sollte. Jetzt spricht der Dortmunder Michael Reh über das Tabu-Thema und seine schlimmen Erfahrungen.

Dortmund

, 16.02.2020, 14:25 Uhr / Lesedauer: 3 min

Kariertes Hemd und Hosenträger, ordentlich gekämmte blonde Haare und ein hübsches, glattes Gesicht. Der Blick des kleinen Jungen geht so tief in die Kamera, dass der Betrachter denkt, das Kind wolle ihm etwas mitteilen. Man möchte fragen: „Ist alles in Ordnung?“ Das Kind guckt verängstigt.

Diese Aufnahme ist vor fast 50 Jahren gemacht worden. Michael Reh ist heute 57 und lebt seit 30 Jahren in den USA. Im Winter arbeitet er in Miami, sonst wohnt er in New York und ist auf Reisen. Der erfolgreiche Fotograf arbeitet für bekannte Magazine und Modefirmen wie Armani. Auf Bildern ist er zu sehen mit Moritz Bleibtreu, Pamela Anderson oder Heidi Klum.

„Mir wurde angedroht, mich umzubringen“

„Die Heidi“, nennt er das Topmodel. Er ist zu beneiden, könnte man meinen. Doch wer mit ihm tauschen möchte, übernähme auch die schrecklichen Erinnerungen an seine Kindheit. Jahrzehnte hat er gebraucht, um offen darüber sprechen zu können.

„Ich war immer isoliert mit dem Thema, so wie die meisten Missbrauchsopfer“, sagt der Mann, der in Dortmund-Bövinghausen aufgewachsen ist: „Das Trauma war groß. Mir wurde angedroht, mich umzubringen, wenn ich darüber rede.“ Seine Tante hat ihn jahrelang schwer sexuell missbraucht, als sie auf ihn aufpassen sollte.

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„Hatten Sie eine gute Kindheit?“, fragt Reh den Journalisten: „Sagen Sie ‚Ich liebe meinen Vater und meine Mutter?‘ Dass so etwas möglich ist, finde ich ganz toll, aus meiner Erfahrung ging das gar nicht.“

Die Schwägerin seines Vaters hat Michael Reh im Grundschulalter, um das Jahr 1970 herum, unter anderem zu Oralverkehr gezwungen und ihn mit Gegenständen penetriert. Das ging über Jahre so. Mit zwölf sei er dann aus ihrem Haus davongelaufen.

„Da wurde ich in ein Kinderheim gesteckt“

Michael hörte auf zu essen und wurde depressiv. Er wollte das Thema bei seinen Eltern ansprechen. „Damals sagte man, das Kind ist schwierig und schwer erziehbar“, sagt Reh: „Da wurde ich in ein Kinderheim gesteckt.“ Es macht ihn sprachlos, wenn er zurückblickt und sieht, wie manche Kriegskinder ihre eigenen Kinder erzogen haben.

„Die kommen aus dieser Zeit, wo nichts erzählt wurde, wo man eher verdrängt als hinzuschauen“, sagt Reh über seine inzwischen verstorbenen Eltern. Erst nach dem Tod seines Vaters habe Michael zum Beispiel erfahren, dass dieser selbst sexuell missbraucht wurde. In der streng katholischen Familie sei das aber nie Thema gewesen.

Michael Reh arbeitet mit Prominenten wie Schauspieler Moritz Bleibtreu zusammen.

Michael Reh arbeitet mit Prominenten wie Schauspieler Moritz Bleibtreu zusammen. © Privat

Spätestens nach 20 Jahren verjährt sexueller Kindesmissbrauch ohne Todesfolge in Deutschland. Erst um diesen Verjährungszeitpunkt herum begann Michael Reh, sich mit den Taten auseinanderzusetzen. Strafrechtlich konnte er gegen die Täterin da nicht mehr vorgehen. Jahrelange Therapie folgte. „Man kann lernen, damit umzugehen“, sagt Reh: „Aber es beeinflusst alles, bewusst oder unbewusst.“

Im Jahr 2004 hat Michael Reh die gesamte Familie zusammengetrommelt: „Ich habe gesagt ‚Wir müssen darüber reden.‘ Es sind alle gekommen, bis auf meinen Vater und die Täterin.“ Per Anwalt habe sie ihm damals verboten, über die Anschuldigungen zu reden. Als ein anderes Familienmitglied sie daraufhin aufgesucht habe, bekam sie einen Nervenzusammenbruch. Ein paar Jahre später starb sie.

10 bis 20 Prozent der Täter sind weiblich

Missbrauch passiere nicht nur einer Person, es betreffe das gesamte Umfeld und habe noch Jahrzehnte später Auswirkungen auf viele Leben, sagt Michael Reh. Aber es gebe einen Weg aus einer solch schlimmen Situation: „Wenn man sich damit richtig beschäftigt und lernt, es zu verarbeiten.“

Vor allem eine Frau als Täterin sei immer noch ein Tabu-Thema. 10 bis 20 Prozent der Täter sind weiblich, heißt es von der zuständigen Bundesstelle, dem „Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs“. In Dortmund sind den aktuellsten Polizei-Zahlen aus dem Jahr 2018 zufolge 97 Fälle angezeigt worden; fast doppelt so viele wie drei Jahre zuvor.

Weil es keine Studien zur Dunkelziffer gebe, kann die Bundesstelle nicht einschätzen, ob heutzutage mehr oder weniger Kinder missbraucht werden als vor 50 Jahren. Ein Anstieg der bekanntgewordenen Fälle sei jedenfalls im Bereich Kinderpornografie deutlich.

Um seine Geschichte publik zu machen und anderen Betroffenen zu zeigen, dass sie nicht allein sind, hat Michael Reh jetzt ein Buch geschrieben - einen Roman basierend auf seinen echten Erlebnissen, den er selbst als „psychologischen Familienkrimi“ bezeichnet.

Anfang März wird „Katharsis“ veröffentlicht. Dieser Begriff bedeutet, sich selbst von psychischen Konflikten zu befreien, eine Art seelische Reinigung. Der gebürtige Dortmunder sagt: „Das Buch ist keine Strandlektüre, es geht ans Eingemachte.“ Am 28. Februar ist Michael Reh außerdem in der WDR-Talkshow „Kölner Treff“ zu sehen.

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