Michael Steinbrecher über die Krise des Journalismus

Interview zur Buchveröffentlichung

Lügenpresse, Sensationsjournalismus und Filterblasen - darüber haben sich der Journalistik-Professor Michael Steinbrecher, der Zeitungsforscher Günther Rager und einige Studierende Gedanken gemacht und sie als Buch herausgegeben. Unser Redakteur Tilman Abegg sprach mit Michael Steinbrecher von Journalist zu Journalist über das Buch und die Krise des Journalismus.

DORTMUND

, 18.03.2017, 14:00 Uhr / Lesedauer: 5 min
Michael Steinbrecher über die Krise des Journalismus

Michael Steinbrecher veröffentlicht ein neues Buch mit Gedanken über die Krise des Journalismus.

Der Grundgedanke des Buches von Michael Steinbrecher, Günther Rager und den Studierenden: Es habe sich etwas verändert im Verhältnis der Medien und ihrer Empfänger. Das Misstrauen den klassischen Medien gegenüber ist spürbar gestiegen, nicht nur bei Pegida-Demonstranten, sondern auch bei vielen Menschen, die politisch nicht am Rand stehen. Also: Was ist zu tun? RN-Redakteur Tilman Abegg hat sich mit Michael Steinbrecher genau darüber unterhalten.

Wenn Sie gestatten, Prof. Steinbrecher, skizziere ich das Problem, und Sie sagen mir, ob’s stimmt. Einverstanden?

Ja, ich lass’ mich überraschen.

Gut. Es gibt drei Lager: Erstens die klassischen Journalisten. Zweitens die, die diesen Journalisten nicht mehr glauben. Drittens alle anderen Menschen, die mehr oder weniger mit dem einen oder anderen Lager sympathisieren. Das Problem: Die Journalisten bezeichnen das zweite Lager als Populisten, das zweite Lager bezeichnet die Journalisten als Lügenpresse, und eine konstruktive Diskussion scheint unmöglich. Beide Seiten benutzen die gleichen Argumente, um die jeweils andere zu diskreditieren.

Das ist eine sehr kurze Zusammenfassung. Ein Problem dabei ist schon die Aufteilung in Lager. Ich möchte unterscheiden zwischen Medienkritik und Mediendiffamierung. Die Menschen, die Lügenpresse rufen, haben kein Interesse mehr an einem Dialog. Das Wort Lügenpresse, und damit beschäftigt sich auch eine Studierende in einem Essay im Buch, wurde sehr häufig zu Propagandazwecken gebraucht.

Medienkritik dagegen ist immer berechtigt, zumindest wenn Argumente folgen. Nur: Dieser Medienkritik sollten sich alle stellen, auch die Journalisten. Nur so ist dieses Lagerdenken aufzubrechen. Deshalb haben sich die Studierenden in diesem Buch sehr viele Gedanken darüber gemacht, wie man diese Lager aufbrechen kann. Wie man die Pressegegner, die noch dialogbereit sind, zurückgewinnen kann.

Und wie?

Da gibt es zwei Schlüsselworte: Transparenz, also erklären, wie sie arbeiten und warum. Und kritischer auf eigene Fehler schauen. Und zweitens der Dialog: Für die jungen Journalisten ist ihre Arbeit keine Einbahnstraße mehr.

Das ist nichts Neues.

Nein, aber immer noch richtig. Ich gebe Ihnen ein konkretes Beispiel: Im ersten Essay beschreibt Elisabeth Thobe, Studierende im Masterstudiengang, eine Situation bei sich zu Hause am Frühstückstisch. Die Mutter kocht eine Roulade, sie reden ein bisschen, nebenbei läuft das Radio. Und plötzlich macht die Mutter das Radio aus und sagt: „Ich ertrag‘ das nicht mehr! Dieses Getöse, die immer gleichen Themen, dieses Sensationsgeheische, was soll ich da noch glauben?“

Elisabeth Thobe beginnt darüber nachzudenken. Immerhin soll das ihr Beruf sein. Sie macht sich auf die Suche nach Antworten. Am Ende schreibt sie ihrer Mutter, auch im Buch, einen persönlichen Brief. Bei ihr war der Auslöser die Roulade, bei anderen ist es vielleicht die Geschichte von Elisabeth Thobe.

Wir wollten kein Lehrbuch schreiben, wir wollen niemanden damit belehren. Wir wollen Anstöße geben.

Die Studierenden formulieren also Ziele. Vorstellungen eines idealen oder zumindest besseren Journalismus. Aber finden sie auch die Methoden und Wege, die dorthin führen?

Ich glaube, am Anfang steht erst mal eine Analyse dessen, was gerade ist. Auch dessen, was falsch läuft. Ich hatte schon den Eindruck, dass in den letzten Jahren nicht immer alle relevanten Positionen in der Gesellschaft zu Wort gekommen sind. Deshalb ist es gut, wenn wir Journalisten uns Gedanken machen: Leben wir vielleicht auch in einer Filterblase? Schaffen wir es, alle gesellschaftlich relevanten Themen in unserer Arbeit aufzunehmen? Diese Frage ist durchaus berechtigt.

Aber diesen Anspruch kann man nicht an einzelne Journalisten stellen. Der kann doch nur von einer möglichst breiten und vielfältigen Medienlandschaft erfüllt werden.

Ja, aber wir müssen auch darüber nachdenken, was in Redaktionen passiert. Der Leipziger Medienwissenschaftler Uwe Krüger hat das in seinem lesenswerten Buch „Mainstream“ auch gut beschrieben: Es gibt auch in Redaktionen abweichende Meinungen, aber die haben keinen ausreichenden Einfluss auf die Berichterstattung und auf die von Tag zu Tag fortgesetzte Erzählung der Geschehnisse in den Hauptnachrichtensendungen und in den großen Zeitungen.

Daran schließen sich viele weitere Fragen an: Wie gehen wir mit Meinungen um, trennen wir Meinung und Bericht sorgfältig genug? Auch da war es den Studierenden ganz wichtig genau hinzuschauen. Das alles meine ich mit selbstkritisch über seine Arbeit nachzudenken, und gleichzeitig selbstbewusst zu sein und zu sagen: Wir wissen, dass der Journalismus wichtig ist und dass es auch viel guten Journalismus gibt in Deutschland.

Die Studierenden stehen ja am Anfang ihres Berufslebens und wollen noch viele Jahrzehnte im Journalismus arbeiten. Gerade für sie sind diese Fragen existenziell wichtig.

Ein entscheidendes Problem in Ihren Augen ist also, dass die großen Medien zu einseitig berichten?

Es gibt ja Analysen von Michael Haller und anderen Wissenschaftlern, die sich zum Beispiel mit der Berichterstattung über das Flüchtlingsthema beschäftigt haben. Und ich glaube schon, dass wir in einer Phase dieser Berichterstattung, vor allem im Jahr 2015, sehr viele Artikel und Hintergrundberichte mit ähnlicher Haltung publiziert haben. Wobei der Begriff Haltung in unserem Buch von der Studierenden Jana Fischer auch sehr kritisch betrachtet wird. Ab 2016 haben viele Medien sich nachträglich Fragen gestellt, der WDR hat kritisch darüber nachgedacht, andere öffentlich-rechtlichen Sender und Zeitungen auch.

Genau so wie man ja fragen muss: Wissen wir heute eigentlich genau, was auf dem Majdan passiert ist? Die Sympathien der meisten, die berichtet haben, waren ja recht eindeutig bei denen, die da demonstriert haben. Die Frage, wie eine bestimmte Position in den Leitmedien entsteht – darüber sollten wir nachdenken.

Diese Selbstkritik gab es im Journalismus ja schon immer. Denken Sie mal an das Gladbecker Geiseldrama 1988 oder Anfang der 90er die Berichterstattung über den Golfkrieg, als mehr oder weniger unreflektiert viele Propagandabilder des US-Verteidigungsministeriums übernommen wurden. Auch danach hat ja ein kritisches Nachdenken über die eigene Arbeit eingesetzt. Und ich glaube, dass so etwas wie die Berichterstattung zu Gladbeck heute nicht mehr möglich wäre.

„Danach“ ist dabei ein wichtiges Wort. Wenn man als Journalist von einem aktuellen, dringenden Ereignis erfährt, ist es oft wichtig, möglichst schnell zu berichten. Seit den 90er-Jahren hat die mögliche Geschwindigkeit, in der man berichten kann, enorm zugenommen, aufgrund der sozialen Medien kann man inzwischen nahezu gleichzeitig berichten. Daraus erwächst auch ein Anspruch an die Medien, diese Möglichkeit auch zu nutzen. Doch je schneller man berichtet, desto weniger sorgfältig kann man arbeiten. Ein Dilemma, oder?

Da haben Sie natürlich völlig Recht. Der Aktualitätsdruck ist mit der Onlineberichterstattung sehr gestiegen und führt dazu, dass die Recherche oft auf der Strecke bleibt. Auf der anderen Seite ist das der Punkt, der dann zurecht kritisiert wird, wenn sich im Nachhinein rausstellt, dass Angaben nicht gestimmt haben.

Man bietet in jedem Fall eine Angriffsfläche: Arbeitet man schnell und daher unsauberer, setzt man sich leicht dem Vorwurf der Tatsachenverdrehung aus. Arbeitet man sorgfältig und veröffentlicht erst später, heißt es, man verschweige Informationen. Wie sollte man damit umgehen?

Ich glaube, dass der Weg da hinaus nur in der offenen Betrachtung liegen kann. Viele reagieren ja darauf mit größeren Rechercheverbünden, die zeigen, was der Journalismus kann: hintergründig und investigativ arbeiten. Aber davon bleibt im journalistischen Alltag oft nicht viel übrig.

Aber da könnte erneut der Punkt der Transparenz greifen. Warum nicht den dialogbereiten Kritikern gegenüber offenlegen, wie man arbeitet? Offenlegen, was die Recherchegrundlagen des Artikels waren. Das wird ja mehr und mehr gemacht.

Wie denn? Indem man im Artikel erklärt, wie man recherchiert hat?

Zum Beispiel. Das hat natürlich Grenzen, wenn es zum Beispiel um den Informationsschutz von Informanten geht. Oder man stellt ein Interview komplett online, das man nur in Auszügen gedruckt hat. Es geht ja schon so weit, dass Redaktionen ihre Konferenzen ins Netz stellen, um zu zeigen, wie die Diskussionskultur ist. All das meinen die Studierenden, wenn sie sagen, dass Journalismus keine Einbahnstraße mehr ist. Der Dialog sollte direkt geführt werden. Es gab ja schon viele Journalisten, die die Menschen aufgesucht haben, die sie beschimpft haben. Ins Gespräch kommen, das ist das Ziel.

Das ist vielleicht der einzige Weg, aber er ist steinig. Mit jedem Angebot der Transparenz und des Entgegenkommens läuft man gleichzeitig Gefahr, dass einem Inszenierung vorgeworfen wird. Dass die Recherche, die Redaktionskonferenz in Wirklichkeit anders abläuft. Vielleicht fällt das alles auf einen anderen Begriff zurück: Vertrauen. Stichwort Informantenschutz: Kein Journalist kann immer alles offenlegen. Ein Rest Geheimnis bleibt immer, und an diesem Punkt muss der Leser oder Empfänger dem Journalisten einfach vertrauen.

Genau so ist es. Und die Frage ist: Wie erwirbt man dieses Vertrauen? Man erwirbt es eben auch durch Dialogbereitschaft, auch durch eine Fehlerkultur, auch durch Transparenz. Es ist ein Mosaik, sicherlich, und es ist nicht einfach, aber ich sehe im Moment zumindest keine anderen Wege. Die Menschen, die an Dialog gar nicht interessiert sind, kann man nicht erreichen. Aber diejenigen, und das Beispiel der Mutter von Frau Thobe zeigt das, die noch zugänglich sind für Argumente, die kann man schon erreichen.

Konnte Elisabeth Thobe ihre Mutter denn überzeugen?

Das ist nicht ganz klar geworden. Aber der Prozess, den Elisabeth Thobe durchgemacht hat mit dem Schreiben des Artikels, war ein wichtiger Schritt. Sie hat sich sehr viele Gedanken gemacht und selbstkritisch auf ihren Berufsstand geschaut. Hat aber auch genau herausgearbeitet, warum der Journalismus wichtig ist.

Und zwar?

Sie sagt: Der Journalismus hält der Gesellschaft den Spiegel vor, damit sie sich selbst nicht aus dem Blick verliert. Man muss aber aufpassen, dass es nicht ein Zerrspiegel ist. Sie schließt den persönlichen Brief mit den Worten: „Wir sind nicht dazu da, die Welt zu retten. Aber wir sind da, wenn es geschieht, damit du es erfährst.“

Person und Buch
  • Michael Steinbrecher, geboren 1965 in Dortmund, studierte Journalismus in Dortmund. Mit 26 Jahren wurde er jüngster Moderator des Sportstudios im ZDF. Seit 2009 ist er Professor für Fernseh- und Videojournalismus an der TU.
  • Das Buch „Meinung – Macht – Manipulation. Journalismus auf dem Prüfstand“ (240 Seiten, Westend Verlag, ISBN 978-3-86489-165-6) stellt Steinbrecher mit Günther Rager und Studenten am Dienstag (21. März) um 20 Uhr in der Buchhandlung Transfer, Schlanke Mathilde 3, vor. Karten für 15 Euro) gibt es auf

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