Minister Stein reicht nicht: Warum sitzt in keinem wichtigen Ministerium ein Dortmunder?

rnKolumne: Klare Kante

Wie gut ist Dortmund in der Politik in Berlin und Düsseldorf vertreten? Kaum, einen Minister sucht man vergeblich. Das ist ärgerlich, denn es geht um Einfluss.

von Dietmar Seher

Dortmund

, 05.11.2018, 04:13 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Bayern schicken Minister nach Berlin, um dort Straßenbaumittel für ihre Heimat abzusaugen. Ein Politiker namens Adenauer aus Rhöndorf sorgte dafür, dass die Bundeshauptstadt vor seiner Haustür entstand. Und welche Lobby unter den Politikern hat Dortmund? Keine.

Googeln Sie mal „Minister aus Dortmund“! Der Typ, der dann ganz vorne auf dem Bild erscheint, schaut, sagen wir mal mit allem Respekt, etwas zu rechteckig aus. Er hat was von einem überdimensionalen Roboter an sich. Ihm möchte man nicht im Dunkeln begegnen.

Vor allem: Dass er unsere Stadt verhandlungssicher auf den höchsten Ebenen der Staatskunst vertritt, ist eher schwer vorstellbar. Dabei hat er durchaus einen guten, deutschen Namen. Minister Stein. Seine Heimat ist der Stadtteil Eving und sein auffallendstes Merkmal der Hammerkopfturm. Minister Stein ist eine Zeche, oder besser: Das Industriedenkmal einer Schachtanlage.

Minister können etwas für ihre Stadt tun

Warum ich so händeringend einen Minister aus Dortmund suche? Weil Minister, sind sie denn mehr aus Fleisch und Blut als aus Eisen und Stahl, was für ihre Stadt und ihre Region tun können. Sicher: Sie sind dem Ganzen verpflichtet, vorrangig in ihrem Fachbereich. Auch dem oder der Regierungschef(in). Irgendwo immer der eigenen Partei. Aber wir wissen auch, wohin in den letzten Jahren und Jahrzehnten all die schönen Steuergeld-Milliarden geflossen sind, um Straßen und Autobahnen in Deutschland aus- oder neu zu bauen. Weit in den Süden, konkret: Nach Bayern.

Wie das kam? Weil, halten Sie sich fest, von den 34 Bundesministern für Verkehr seit der Gründung der Bundesrepublik glatte zehn (!) aus dem Alpenland stammten oder stammen. Kein Zufall. Strategie. Alleine unter den CSU-Ministern Ramsauer und Dobrindt sind die Bundesmittel für Fernstraßen, die im Freistaat verbaut werden, um 50 Prozent gestiegen. Ähnliches gilt für den Breitbandausbau und die Förderung der E-Mobilität.

Abfluss von Straßenbaumittel

Der nordrhein-westfälische Grünen-Abgeordnete Oliver Krischer will den Rechnungshof einschalten und schimpft in der richtigen Erkenntnis: „Der Etat wird zielgerecht von Bayern geplündert“. Der Abfluss der Straßenbaumittel ins Land von Laptop und Lederhose ist, aus der Sicht von uns Westdeutschen, schon ein ziemlich dreistes Stück. Aber in Maßen durchaus nicht immer illegal und, sorry, auch irgendwie clever. Er könnte ein Vorbild sein.

Warum können wir so was nicht selbst? Warum ist nirgendwo da oben in einem wichtigen Ministerium, sei es im Bund oder durchaus auch in unserem Bundesland, eine Ministerin oder ein Minister aus Dortmund vertreten? Dortmund hat Gewicht. Eigentlich. Es ist die achtgrößte Stadt des größten und wirtschaftlich einflussreichsten europäischen Staates. In NRW steht sie von der Einwohnerzahl her – tut uns leid, liebe Essener – nach der Millionenmetropole Köln und knapp hinter der Landeshauptstadt Düsseldorf mit 601 000 Menschen auf Platz 3.

Doch selbst im gar nicht mehr so neuen schwarz-gelben Landeskabinett von Armin Laschet sitzt kein Dortmunder am Tisch. Dafür sind drei Posten nach Köln gegangen, zwei einschließlich der des Ministerpräsidenten nach Aachen, der für den Arbeitsminister in die bedeutende westfälische Großstadt Riesenbeck und Neunkirchen-Seelscheid hat das Wirtschaftsministerium bekommen.

Werden die Dortmunder nicht gemocht?

Warum dieses Ungleichgewicht? Mögen die übrigen Bundes- und Landesbürger die Dortmunder nicht? Nimmt man ihnen die gelegentlichen Siege des BVB übel? Liegt es am Ruf Dortmunds, die „Herzkammer der Sozialdemokratie“ (gewesen) zu sein? Kaum. Der letzte Sozialdemokrat, der in Dortmund wohnte und wohnt und mal Minister war, heißt Guntram Schneider und war in NRW für Arbeit und Soziales zuständig. Aber auch er kandidierte in einem Wahlkreis weit östlich noch hinter Dortmund-Kurl. In Bielefeld.

Ansonsten: Nie hat es jemand aus der Stadt ins Bundespräsidentenamt (Heinemann war Essener, Rau Wuppertaler) geschafft, nie auch nur an die Spitze einer Bundesregierung. Und, auch nicht, Landesvater oder Landesmutter zu sein. Fritz Steinhoff, der in Düsseldorf in den 1950er-Jahren regierte, wurde zwar in Wickede geboren, machte seine politische Karriere aber in Hagen. Sozialdemokrat Kühn kam, raten Sie mal, wie sein CDU-Vorgänger Franz Meyers und weitere Ministerpräsidenten aus dem Rheinland. Wolfgang Clement hat lange in einer Zeitungsredaktion am Brüderweg gearbeitet, stammte jedoch aus Bochum und lebt heute in Bonn. Hannelore Kraft war immer ruhr-abwärts in Mülheim zu Hause – und ist das noch.

Es ist – mit Ausnahme Bayerns, siehe oben – schwer zu belegen, dass entscheidende politische Persönlichkeiten besonders gut für ihre Heimat sorgen. Aber es gibt eben die Story von Konrad Adenauer, der 1949 die Bundeshauptstadt gleich für die nächsten 40 Jahre vor seine Rhöndorfer Haustür legte und den konkurrierenden Frankfurtern lieber den Großflughafen überließ. Auch die auffallend nahe Aachen erfolgten Ansiedlungen der Werke für den Bau der HighTech-Postautos werden dem Ministerpräsidenten Laschet aus der Printenstadt sicher nicht missfallen haben.

Der lokalen Politik Feuer machen

Doch ein bisschen Feuer sollten wir unserer lokalen Politik schon machen, die es offenbar trotz einer nicht geringen Delegiertenzahl auf Parteitagen prinzipiell versäumt, dafür zu sorgen, wichtige überregionale Positionen in Bund und Land aus den eigenen Reihen zu besetzen. Dortmund braucht nicht nur gelegentliche Ministerbesuche bei der DASA oder anlässlich von Polizeieinsätzen in der Nordstadt. Es braucht eine eigene Lobby. Sozusagen rund um die Uhr.

Hier also der verkappte Appell: Die nächste Bundestagswahl ist regulär 2021, vielleicht aber auch schon viel eher. Die nächste zum Landtag wohl in dreieinhalb Jahren. Die Zeit drängt, Weichenstellungen vorzubereiten. Minister Stein wird nur schwer zu bewegen sein, anzutreten.

Alle Folgen unserer Kolumne „Klare Kante“.

Unser Autor Dietmar Seher (64) hat als Korrespondent in Bonn und Brüssel, als Politikchef der Sächsischen Zeitung und in der Chefredaktion der Westfälischen Rundschau gearbeitet. Heute ist er für das Nachrichtenportal t-online.de tätig. Er wohnt in Dortmund.
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