Zurück am Ort der belastenden Erinnerungen: Wolfgang L. aus Dortmund, heute 70 Jahre alt, war in den 60er Jahren Internats-Schüler des Christophorus-Gymnasiums. Er ist einer der Betroffenen der ständigen sexuellen Übergriffe. © Annette Feldmann
Kirchen-Skandal

Missbrauch im Klosterinternat: „Wir sind wieder wehrlos ausgeliefert“

Der Dortmunder Wolfgang L.* wurde als Kind zum Missbrauchs-Opfer. Der Tatort: Ein Kloster-Internat. Heute spricht er über sein Trauma und seine Wut.

Friedlich scheint die Herbst-Sonne auf die Klinkerfassade mit dem Schriftzug „Christophorus Gymnasium“. Wolfgang L.* (70) aus Dortmund kennt sich gut aus auf dem weitläufigen Gelände hier in Werne an der Lippe. Vor allem in den hinter der Schule liegenden Gebäuden des früheren Kloster-Internats. Seine Erinnerungen daran sind aber ganz und gar nicht friedlich.

Erlebnisse von damals kreisen im Kopf

Seit mehr als zwei Jahren kreisen die Erlebnisse des damaligen kleinen Jungen und Internatsschülers wieder in seinem Kopf. „Es ist so, als wäre eine Schublade aufgegangen, alles quillt heraus und sie lässt sich nicht wieder schließen“, beschreibt Wolfgang L. seine innere Unruhe. Sie lässt ihn oft nicht mehr schlafen, wenn er aus Alpträumen aufschreckt.

Es war 2019, als der heute 70-Jährige den Entschluss fasste, seine persönlichen Erfahrungen doch noch zu offenbaren – wie inzwischen weit über 1000 andere Betroffene des Missbrauchs-Skandals in der katholischen Kirche. Im Oktober 2019 nahm er Kontakt zum Missbrauchsbeauftragten für die deutsche Ordensprovinz der Arnsteiner Patres auf.

Er sprach über seine belastenden Erinnerungen, nannte Täter-Namen, beschrieb Situationen, brachte alles zu Papier. Die Antragsunterlagen zur „Anerkennung des Leids“, wie die Kirche es offiziell nennt, sind umfänglich. Was vor mehr als einem halben Jahrhundert im Internat in Werne geschehen und nie vergessen war, nahm nun wieder Raum ein im täglichen Bewusstsein von Wolfgang L. und belastete sein Leben erneut. Dass dies jahrelang so bleiben würde, ohne Aussicht auf ein absehbares Ende, konnte er nicht ahnen.

Familien vertrauten den Patres

Die Arnsteiner Patres hatten das Gymnasium in Werne ebenso wie das angeschlossene Internat mit 140 Plätzen als Jungen-Schule in den 50er-Jahren gegründet. Bis 1982 waren ihnen über die Jahrzehnte hinweg mehrere Generationen Kinder anvertraut. Viele aus katholischen Dortmunder Familien und der Region.

Erste Missbrauchs-Anschuldigungen aus den 50er- bis 80er-Jahren kamen erst 2010 auf. Die Namen von vier Patres wurden genannt, drei lebten schon nicht mehr.

„Wenn man selbst betroffen ist, sind die Erinnerungen natürlich irgendwo immer im Kopf. Aber früher gab es noch kein öffentliches Interesse dafür. Als das Thema sexueller Missbrauch dann hochkam, war das erst ein gutes Gefühl, eine Art Erleichterung: Die Kirche beschäftigt sich damit und stellt sich ihrer Verantwortung – dachte man.“ So beschreibt es Wolfgang L. rückblickend. Heute ist er nur noch wütend.

„Da war das Krankenzimmer“, der Tatort von Pater H. Der Dortmunder findet auf dem ehemaligen Internatsgelände auch das Fenster seines damaligen Schüler-Zimmers sofort wieder.
„Da war das Krankenzimmer“, der Tatort von Pater H. Der Dortmunder findet auf dem ehemaligen Internatsgelände auch das Fenster seines damaligen Schüler-Zimmers sofort wieder. © Annette Feldmann © Annette Feldmann

Warum hab ich das Fass aufgemacht?

Die jahrelange Wartezeit auf eine endgültige Anerkennung des Leids, seiner Folgen und zumindest auf den Versuch einer Wiedergutmachung empfindet er als doppelte Verhöhnung, als Schlag in die Magengrube: „Ich frage mich: Warum hab ich das Fass aufgemacht? Man beschäftigt sich doch jetzt dauernd damit. Man kramt in Details. Und je mehr man sich damit auseinandersetzt, umso mehr wird einem klar, wie ausgeliefert man war – und auch heute wieder ist.“

So sehen es auch die Opfer-Organisationen, die die Interessen der Betroffenen vertreten. Matthias Katsch, Sprecher der Initiative „Eckiger Tisch“, nennt den Umgang der Katholischen Kirche mit den Opfern einen absoluten Tiefpunkt. „Wir haben das Thema Missbrauch im Winter 2009 öffentlich gemacht. Bis heute ist keine wirkliche Aufarbeitung absehbar.“

Dunkelziffer im sechsstelligen Bereich

Er ist der Überzeugung: „Eine Institution kann sich nicht selbst aufarbeiten. Sie können sich ja auch nicht selbst den Blinddarm herausnehmen. Man hört auf, sobald es weh tut.“ Die Initiative geht aufgrund von Datenmaterial, auch aus der gerade veröffentlichten französischen Studie, von einer Dunkelziffer im sechsstelligen Bereich aus.

Aber zurück nach Werne an der Lippe. Der Dortmunder Wolfgang L. zeigt den Weg vorbei am Gymnasium zu den damaligen Unterkünften der Internatsschüler. Er findet sofort das Fenster seines Zimmers im Erdgeschoss. Und auch das des Krankenzimmers, mit dem er besonders ungute Erinnerungen verbindet.

Fast täglich sexuelle Übergriffe

Vier Jahre lebte er hier, nur rund 25 Kilometer von zu Hause entfernt. Bis die ahnungslosen Eltern nach vier Jahren endlich dem verzweifelten Drängen nachgaben und ihren inzwischen 14-jährigen Sohn zurück nach Dortmund holten. Wolfgang L. ist heute immer noch aufgewühlt, wenn er davon erzählt.

„Man war daran gewöhnt, fast täglich sexualisierte körperliche Berührungen über sich ergehen lassen zu müssen“, erinnert er sich. „Auf unsere kindliche Weise haben wir auch versucht, dem zu entgehen. Den ekelhaften Gute-Nacht-Küssen und dem Betatschen unter der Bettdecke, wenn Pater H. abends in unseren Schlafraum kam. Oder dem intensiven ‚Untersuchen‘ der Genitalien im Krankenzimmer, obwohl man mit Halsschmerzen oder einem verstauchten Fuß gekommen war. Aber man lag ja mehr oder weniger hilflos auf der Untersuchungsliege. Es war ein beängstigendes Ausgeliefertsein. Ich sehe heute noch den kahlen Schädel von Pater H. vor mir auf meinem Bauch. Sowas kriegt man nicht mehr aus dem Kopf.“

Wer sich wehrte, wurde bestraft

Aber Aufbegehren wurde bestraft. Und Pater H. war nicht der einzige Täter. Als der damals elfjährige Wolfgang sich eines Abends gegen die massiven Übergriffe von einem der Internatserzieher zur Wehr setzte, musste er zur Strafe die Nacht allein und voller Angst im dunklen Treppenhaus verbringen.

„Dieser Erzieher war kein Ordensbruder. Er wurde nach dem Vorfall mit mir dann tatsächlich aus dem Internat gewiesen. Aber er war der einzige, für den es damals in meiner Schulzeit Konsequenzen gab. Und es ist völlig unmöglich, dass diejenigen Patres, die selbst keinen aktiven Missbrauch begingen, von den Übergriffen ihrer Ordensbrüder nichts wussten“, ist sich Wolfgang L. sicher.

Wut, Beschämung, Ohnmacht

Das Internat gibt es seit 1982 nicht mehr. Das Gymnasium ging vom Orden in die Trägerschaft des Bistums Münster über und steht seither in keinem Zusammenhang mehr mit den damaligen Vorfällen. Die Arnsteiner Patres sind als Konvent aber noch vor Ort vertreten und rufen auf ihrer Webseite Missbrauchs-Opfer dazu auf, sich zu melden. Provinzialoberer Pater Martin Königstein ist die erste Adresse, an die sich Betroffene wenden, wenn sie einen Antrag stellen wollen.

Die Frage, welche persönlichen Gefühle er empfindet, wenn er den Internatsschülern von damals zuhört, beantwortet er ohne Umschweife: „Wut, Beschämung, Ohnmacht. Wenn die Menschen so vor mir sitzen, erlebe ich, wie sich das auf ganze Lebensläufe ausgewirkt hat. Ich sehe meine Aufgabe jetzt darin, innerhalb meiner Ordensgemeinschaft die Strukturen aufzuzeigen, die so etwas ermöglichten und die wir ja noch nicht überwunden haben.“

Superior war selbst ein Täter

Dass damals, zu Wolfgang L.‘s Internatszeit, nichts bekannt wurde, lag vielleicht auch daran, dass der damalige Superior, Pater L., selbst zu den genannten Beschuldigten gehörte. Sein „Tatort“ war die Turnhalle, in der auch Wolfgang L. sexuellen Übergriffen ausgeliefert war. „Und in meinem Fall vier Jahre lang“, erinnert er sich. „Darum hatte ich auch immer große Angst. Ich fühlte mich emotional zunehmend schlechter. Hilflos und benutzt.“

Warum erzählt ein Kind so etwas nicht seinen Eltern? „Zunächst mal waren damals Sexualität, Schwächen und Ängste Themen, über die man gar nicht sprach. Schon gar nicht als Kind. Natürlich habe ich immer wieder gesagt: Ich will nach Hause. Aber meine Eltern waren sehr katholisch und hatten großes Vertrauen in das Internat. Und die Patres schafften es jedes Mal, durch ihre eloquente, sympathische Art meine Eltern zu beruhigen.“ Und schließlich gab es ja auch die Briefzensur.

Briefe an die Eltern zerrissen

Jeden Sonntag von 11 bis 12 Uhr war die sogenannte Brief-Schreibstunde. „Der Aufsicht führende Pater wusste definitiv von den Übergriffen. Wenn ihm meine dem damaligen Alter entsprechenden Andeutungen, die ja Hilferufe waren, nicht gefielen, zerriss er den Brief vor meinen Augen.“ Und so vertrauten die Eltern weiter auf die katholische Erziehung im Werner Internat.

Bis das ehemals lebensfrohe und intelligente Kind Wolfgang dann die fünfte Gymnasialklasse nicht mehr schaffte. Weil „seine schulischen Leistungen in keinem Verhältnis zu seiner guten Begabung“ stehen würden, wie der Internatsleiter attestierte. Dieses Schreiben hat Wolfgang L. bis heute aufbewahrt.

Das Kind braucht dringend Hilfe

Auf dem Dortmunder Gymnasium, das ihn dann glücklicherweise aufnahm, wurden die Ursachen sofort erkannt und klar benannt: Das Kind brauche dringend therapeutische Hilfe. „Der Direktor der Schule hat sich damals sehr stark dafür gemacht“, erinnert sich Wolfgang L.

„Sehr authentisch und kraftvoll“ nennt der Missbrauchsbeauftragte für die Arnsteiner Patres, Hans-Peter Kuhnen, die Schilderungen des Dortmunders. Insgesamt 13 Missbrauchs-Fälle aus dem Bereich der Arnsteiner Patres hat er auf seinem Tisch. Alle aus dem Internat in Werne.

Erst ein einziger Antrag entschieden

Aber erst ein einziger Antrag ist von der Kommission abschließend entschieden. „Wir haben eine weitere Aufstockung der Kommission gefordert. Das reicht nicht aus. Es müssen einigen die Augen geöffnet werden, dass dringender Handlungsbedarf besteht“, fordert er.

Bis zu 50.000 Euro sind als Anerkennung des Leids im Einzelfall vorgesehen. Hauptsächlich sollen die Zahlungen aber weit unter 10.000 Euro liegen. Nach einem halben Jahr Tätigkeit hatte die 2021 neu eingesetzte Kommission erst knapp 20 Prozent der bis dahin schon weit mehr als 1000 Anträge bearbeiten können.

Das Problem langsam sterben lassen

Zurzeit sichtet die Kommission vorrangig die Anträge von über 80-Jährigen und kranken Antragsstellern. „Insofern macht es für die Kirche vielleicht Sinn, nicht zu schnell zu sein“, mutmaßt Wolfgang L. mit Bitterkeit: „So kann man das Problem langsam sterben lassen.“

*Der Name ist der Redaktion bekannt.