Mitglieder der Gülen-Bewegung spüren sozialen Druck

Nach Putschversuch in der Türkei

Der türkische Staatspräsident Erdogan wirft der Bewegung des in Amerika lebenden Predigers Fethullah Gülen vor, für den Putschversuch am 15. Juli 2016 in der Türkei verantwortlich zu sein. Gülen bestreitet das. Die Gülen-Bewegung betreibt in Dortmund mehrere Institutionen. Wir haben mit Mehmet Özcan (46) über Gülens Ziele in Dortmund gesprochen.

DORTMUND

, 29.09.2016, 02:56 Uhr / Lesedauer: 3 min
Mitglieder der Gülen-Bewegung spüren sozialen Druck

Mehmet Özcan vom Westfalia-Bildungszentrum spricht im Interview über die Folgen des Putschversuchs Mitte Juli in der Türkei für das Zusammenleben der Türken in Dortmund.

Herr Özcan, welche Ziele verfolgt die Gülen-Bewegung lokal?

In einem familiären Arbeitsumfeld fördern wir Bildung, Dialog und Zusammenleben. Das sind für uns die drei wichtigsten Säulen. Frieden, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit kommen nur durch Bildung zustande. Mit guten Schulabschlüssen und Bereitschaft zum Dialog geht das am besten.

Welche Einrichtungen betreibt die Gülen-Bewegung in Dortmund?

Es gibt das Westfalia-Bildungszentrum, den Frauenverein Sofia, das Interkulturelle Dialogzentrum an der Kampstraße und einen Deutsch-Türkischen Unternehmerverband.

Welchen Einfluss nimmt Fethullah Gülen?

Wir lesen seine Bücher und akzeptieren seine Ideen. Indirekt hat er also doch Einfluss. Gülen ist Wegweiser und Ideengeber. Wir entscheiden hier vor Ort unabhängig.

Wie erklären Sie die Entwicklungen in der Türkei?

Gülen und Erdogan waren Weggefährten. Bis 2010. Erdogan und seine Partei, die AKP, stellten zunächst die Demokratie in den Vordergrund. Mit einer Wende in der AKP trennten sich dann die Wege. Die Türkei entwickelt sich zurzeit zu einem Staat mit nur einem Mann an der Spitze, hin zum Despotismus. Zum Putsch kam es nicht am 15. Juli, sondern am 16. Juli. Das war ein ziviler Putsch der AKP-Partei mit Erdogan an der Spitze. Die Sporthallen sind voll mit verhafteten Menschen.

Das Meinungsspektrum über Fethullah Gülen ist groß: Ihm wird vorgeworfen, als konservativer Islamist einen Gottesstaat aufbauen zu wollen. In Amerika ist er dagegen als moderner Reformierer des Islams anerkannt. Wie entsteht dieser Kontrast?

Die Amerikaner gehen mit anderen Kulturen besser um als die Europäer. Aber: Die Gülen-Bewegung hat in Deutschland Fehler begangenen. Einige haben sich hier abgeschottet.

Vor wem mussten sie sich in Deutschland verstecken?

Viele von uns haben negative Erfahrungen aus der Türkei nach Deutschland mitgebracht. Wer zur Bewegung gehörte, war praktizierender Moslem. Wer eine muslimische Identität besaß und dann auch noch mit der Gülen-Bewegung sympathisierte, wurde von den Ultra-Nationalisten und -Kemalisten sozial und beruflich diskriminiert, wie heute. Deshalb stellten einige ihre Ansichten nicht in den Vordergrund. So vorbelastet gehen wir lieber auf Distanz. Dies wurde seit Jahren als Intransparenz empfunden. Die Bewegung öffnet sich seit längerem.

Namhafte Politiker sind in Deutschland auf Distanz zu Gülen-Institutionen gegangen. Stehen Sie uneingeschränkt zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung?

Ja. Es gibt nichts Besseres als die Demokratie. Fethullah Gülen sagt: Es gibt kein Zurück von der Demokratie. Sie ist, ohne Wenn und Aber, die im Moment beste Staatsform.

Welche Folgen hatte der Putschversuch in der Türkei für das Zusammenleben der Türken in Dortmund?

Personen von Diyanet, also das Amt für religiöse Angelegenheiten in der Türkei, Ditib als Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion, die Milli-Görüs-Bewegung und die UETD geben Namen von in Dortmund lebenden Mitgliedern der Gülen-Bewegung an die türkische Regierung weiter, sodass sie ernsthafte Probleme bekommen, wenn sie wieder in die Türkei einreisen. Die Sabah-Zeitung hat Rufnummern eingerichtet, damit Namen verraten werden. 20 unserer Mitglieder sind aus Angst davor ausgetreten. Einem Lebensmittelproduzenten, der türkische Geschäfte in Dortmund beliefert hat, sind die Aufträge entzogen worden. Ihm wurde gesagt, dass ihm vergeben würde, wenn er eine Erklärung unterschreibt, dass er mit Gülen nichts zu tun hat. In den Moscheen werden wir angefeindet. Das ist insofern bemerkenswert, dass wir gemeinsam gebetet und religiöse Abende besucht haben.

Ein Sprecher der Osman-Gazi-Moschee bestreitet derlei Konflikte. Die Ditib-Moscheen seien Orte für den friedlichen Dialog.

Für die Osman-Gazi-Moschee in Huckarde glaube ich das. Aber was ich sage, sind keine Behauptungen. Die Imame greifen uns an, nennen jedoch keine Namen. Sodass jeder weiß, was gemeint und was zu tun ist. Klartext reden sie in vertrauten Kreisen. Es gibt in Moscheen einen enorm großen sozialen Druck. Wir gehen nicht mehr hinein, weil wir Konfrontationen vermeiden wollen.

Sie äußern Kritik an der Türkei – und haben keine Angst vor Repressionen?

Nein. Ob Sie meinen Namen drucken oder nicht: Mein Name ist schon dort. Ich habe keine Familie in der Türkei. Also kann ich mir Kritik leisten. Ich nehme in Kauf, jahrelang nicht in die Türkei einreisen zu können.

Welche Folgen haben die Konflikte für Sie persönlich?

Ich war Leiter der Landesredaktion der Zaman-Redaktion gegenüber von der Staatskanzlei in Düsseldorf. Durch den Druck der Türkei auf Anzeigenkunden und Abonnenten ist uns die wirtschaftliche Grundlage entzogen worden. Die Landesredaktion wurde geschlossen. Ich bin einer der entlassenen Mitarbeiter. Auch die Redaktion am Schwanenwall in Dortmund ist inzwischen zu (Anmerkung der Redaktion: Zaman gehörte bis zum Verbot in der Türkei zur Gülen-Bewegung).

Ihre Einschätzung: Wie geht es weiter in Dortmund?

Der Druck lässt nicht nach. Mitglieder der Gülen-Bewegung werden in den türkischen Medien rund um die Uhr als Terroristen bezeichnet. „Fetö“ lautet seit zwei Jahren das Wort dafür. Solange Erdogan nicht nachlässt, wird sich hier nichts verbessern. Er beherrscht alle Fernsehstationen. Sie sind die einzige Informationsquelle. Sogar die Kinderkanäle unterbrechen für seine Liveübertragungen ihr Programm. Erdogan hält die Stimmung gegen uns hoch, was noch lange Folgen für das Zusammenleben in Dortmund hat.

In einem online veröffentlichten Bericht spricht die „Zeit“ bei Gülen von „Gehirnwäsche im Auftrag des Imam“. Widerspruch werde im streng hierarchisch aufgebauten System nicht geduldet. Wie stehen Sie zu dem Vorwurf, sektenähnlich zu arbeiten?

Wir sind keine Sekte. Wir machen das Gegenteil einer Sekte. Es gibt Studien, die uns bescheinigen, dass wir der Integration von Migranten in Deutschland dienen.

Unterhält Gülen in Dortmund so genannte Lichthäuser?

Ja. Das sind Wohngemeinschaften mit Aktivitäten türkischer Studenten, die auch gemeinsam beten. 

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