Viele Wege führen aus der Langzeitarbeitslosigkeit. Ralf Richter-Engemann nahm den Umweg über eine Cannabis-Plantage und den Knast. Allen anderen empfiehlt er eine Abkürzung zum Wendepunkt.

Dortmund

, 20.09.2018, 04:38 Uhr / Lesedauer: 6 min

2006 zählte das Jobcenter in Dortmund noch mehr als 23.000 Langzeitarbeitslose. Bis in den August 2018 hat sich die Zahl auf 11.859 beinahe halbiert. Im März 2018 ist auch Ralf-Richter Engemann aus der Statistik des Jobcenters herausgefallen.

Einfach war das für den 42-jährigen Dortmunder aus dem Unionviertel nicht. Denn bevor er seinen persönlichen Wendepunkt erreichte und einen Arbeitsvertag unterschrieb, hatte er Cannabis angebaut. Nicht für den Eigenbedarf mit etwa zwei Gramm pro Tag, sondern für das ganz große Geschäft. Also für den illegalen Verkauf.

Zuletzt reichten die Einnahmen noch für das Honorar des Strafverteidigers. Dann musste der geschäftstüchtige Bürger seine Vorliebe für die Pflanzen mit der wunderlichen Wirkung einstellen und in den Knast umziehen. Nach Gelsenkirchen.

„Ich musste sehr wertvoll sein. Sonst hätte man mich ja nicht in so einen Tresor mit einer besonders gesicherten Tür eingeschlossen“, sagt er mit etwas Galgenhumor. Aber die 15 Monate hätten ihm dann doch gereicht: „Am Ende war es doch nicht so toll. Es ist echt nicht schön, am eigenen Geburtstag oder Weihnachten von der Familie getrennt zu sein. Ich konnte nicht mehr. Ich wollte raus aus dieser Scheiße.“

Ohne Arbeit und von Beruf Sohn

Das mit der Scheiße, das fing in der Schule an. Als Jugendlicher verließ Ralf die neunte Klasse einer Hauptschule mit einem schlechten Zeugnis. „Von Beruf war ich Sohn aus gutem Hause.“ Später eine erste Beziehung und dann wieder getrennt. „Erst habe ich mich hängen lassen. Dann bin ich in ein Loch gefallen“, sagt Ralf Richter-Engemann über sein früheres Leben, in dem er schon viele Geldscheine gezählt hat.

Heute sagt er: „Ich weiß, was es heißt, ganz oben zu sein. Und ich will nie, nie wieder nach ganz unten. Ich will die stabile Mitte. Von da aus noch etwas weiter nach oben, das wäre megageil. Aber nicht wieder so einen steilen Flaschenzug rauf und runter.“

Dass der 42-Jährige nach so vielen Jahren ohne Arbeit die „stabile Mitte“ gefunden hat, liegt an den 15 Monaten im Knast, an den Konsequenzen, die er daraus gezogen hat, und an Dennis Ulrich. Der 35-Jährige aus Werne arbeitet als einer von zwölf Intensivbetreuern beim Jobcenter in Dortmund. Er muss sich an seinem Arbeitsplatz nicht, wie die rund 700 Kolleginnen und Kollegen aus den anderen Abteilungen, um 250 oder 500 Arbeitslose kümmern, sondern um maximal 65.

Dennis Ulrich arbeitet im Projekt „Wendepunkt“. Ralf Richter-Engemann ist einer von diesen 65 Kunden, mit denen der Betreuer und Berater den Weg durch die Mitte sucht.

Ein Behördenbrief ohne Textbausteine

Kontakt zum Jobcenter hatte Ralf Richter-Engemann auch vorher schon. Aber mit den anderen Sachbearbeitern kam er nicht klar. Er fühlte sich verwaltet. Das Jobcenter identifizierte ihn zum Wendepunkt-Kandidaten und ließ Dennis Ulrich von der Leine. Die ersten beiden Termine ließ Ralf Richter-Engemann platzen. Kein Einzelfall.

Dennis Ulrich blieb locker, drohte nicht mit Leistungsentzug und schrieb Briefe, die nicht aus Textbausteinen bestanden, sondern formulierte individuell. Er weiß, worauf es bei der Ansprache ankommt, denn der Kommunikationswissenschaftler selbst war schon einmal „Leistungsbezieher“ und damit ein Behörden-Kunde.

„Da war auf einmal so etwas Zwischenmenschliches“, erinnert sich der Kunde und Bürger Richter-Engemann an die ungewöhnlich menschlichen Kontakte, „da hatte jemand Zeit und zeigte Interesse.“ Das erste Treffen sollte den ersten Eindruck bestätigen: „Wir haben uns beschnuppert und die Chemie stimmte. Ich fühlte mich verstanden und bin an verschiedenen Stellen berührt worden. Dann wusste ich: Hier kannst du was erzählen, was dir auf der Seele brennt. Und schließlich habe ich an meinen eigenen Einstellungen gearbeitet. Mensch, sage ich, da hat es dann Bäääämmmm gemacht.“

Sachbearbeiter erkennt den Notruf seines Kunden

Dennis Ulrich verstand den SOS-Notruf seines sehr individuell auftretenden Kunden. Der Mann, der sich E-Zigaretten-Namen auf die Arme tätowiert und mit seinem Plauderton ohne Umschweife aus seinem Leben zu berichten weiß, muss doch zu vermitteln sein. Ihn als „Lagerpicker“ bei Versandhändlern auf die Reise zu schicken, Müll aufsammeln oder Umzugskartons wuppen zu lassen, hätte schnell zurück auf die Straße geführt.

Es galt, zuerst das Chaos im Kopf des jetzt angespitzten Kunden zu beseitigen. Ralf Richter-Engemann über diese entscheidende Phase: „Erst sah es zappenduster aus. Da war kein Fundament in Sicht. Der Dennis hat mir klar gemacht, dass man erst das Fundament gießt, dann den Keller hochzieht und nicht, wie ich, mit dem Dach anfängt. Und dann hat er gesagt, dass es auch Häuser ohne Keller gibt.“

Sachbearbeiter ist persönlich erreichbar

Acht Monate lang dauerten die „Bauarbeiten“. Entstanden ist ein Haus mit Fundament und Dach, aber ohne Keller. „Dafür haben wir den auf acht Monate befristeten Beratungszeitraum wohlwollend ausgeschöpft“, blickt „der Dennis“ zurück. Dennis Ulrich und der Kunden sind inzwischen per Du, aber das ist kein Muss vor dem Erfolg und ergibt sich von ganz alleine oder auch nicht.

Seinen Erfolg untermauert der Intensivbetreuer mit einer „wertschätzenden Grundhaltung“, und der persönlichen Erreichbarkeit statt einer Telefonzentrale mit Warteschleife. „Die erste Instanz ist immer Vertrauen. Das ist die Brücke zum Menschen. Wenn ich Vertrauen gewinnen will, dann kann ich nicht mit Sanktionen arbeiten. Und Empathie ist auch wichtig, um einen Menschen ohne feste Tagesstruktur überhaupt verstehen zu können. Am Ende müssen wir die Stärken des Kunden in Arbeit übersetzen.“ So viel zur Theorie.

Stärken und Eigenschaften des Bürger erkennen

Der Intensivbetreuer und sein Kunde kamen dem persönlichen Wendepunkt auch in der Praxis immer näher. Nebenbei gefallene Sätze legte Dennis Ulrich in den Zwischenspeicher, um sie zum richtigen Zeitpunkt hervorzukramen. Er erkannte Ralf Richter-Engemanns Stärken und Eigenschaften. Zum Beispiel, dass sein Kunde „sehr stark im persönlichen Kontakt“ ist, überzeugende Worte finden und authentisch wirken kann - und gerne E-Zigaretten qualmt. An einem Tag im März 2018 fuhr Dennis Ulrich nach der Arbeit im Dortmunder Jobcenter zurück nach Hause. Nach Werne.

Ein Nebensatz führt zum Arbeitsplatz

Auf dem Heimweg holte er die Vorliebe für E-Zigaretten aus dem Zwischenspeicher und hielt spontan am Lager eines E-Zigaretten-Händlers in Werne an und fragte den Chef, ob er im Verkauf einen Arbeitsplatz frei habe. Dennis Ulrich portraitierte den potenziellen Angestellten kurz. Nur einen Tag später schon das Vorstellungsgespräch.

Ralf Richter-Engemann über diesen Termin: „Das war ja erst einmal toll, so ein Gespräch. Aber ich war unglaublich nervös. Dann machte es Plock. Und wieder Bäääämmmm. Hey! Ich hatte den Job. Das war so, als hätte einer auf die große Pausetaste gedrückt … Ich habe das erst gar nicht gerafft.“

Nach Cannabis und Knast den Ausstieg aus der Langzeitarbeitslosigkeit geschafft

Origineller Typ, der sein Leben in die Hand genommen hat: Der Dortmunder Ralf Richter-Engemann arbeitet in Werne als Verkäufer und hat es bis zu einem eigenen Label für E-Zigaretten geschafft. © Peter Bandermann

Seit März arbeitet der 42-Jährige aus dem Dortmunder Unionviertel in dem E-Zigaretten-Laden an der Kamener Straße in Werne. Einige der kleinen Liquid-Flaschen haben ein Label mit seinem Konterfei. In Internet-Netzwerken arbeitet er mit der Kunstfigur „Crazy Vaper“. Bei Instagram hat er es auf fast 1500 Abonnenten gebracht. Nie zuvor in seinem Leben war er einer Arbeit nachgegangen, die in der Gesellschaft als „geregelt“ bezeichnet wird.

„So langsam verstehe ich, dass das hier die Realität ist. Hartz 4 ist zwar auch die Realität, aber kein Leben, denn von den 345 Euro bleibt nicht viel übrig. Es ist auch ein verdammt schönes Gefühl, in der Mitte des Monats noch Geld zu haben. Auch daraus habe ich gelernt, dass es falsch war, 32 Marihuanapflanzen anzubauen. Und ich will nicht noch einmal eingesperrt sein.“

Arbeitgeber erhalten Zuschüsse

Seit Ende 2015 konnte das Wendepunkt-Team des Dortmunder Jobcenters 680 weitere Langzeitarbeitslose in Arbeit vermitteln. Ein halbes Jahr lang erhalten die Arbeitgeber auch Zuschüsse: Bis zu 75 Prozent vom Bruttolohn und bis zu 20 Prozent bei den Sozialversicherungsabgaben.

Dazu kommt die „assistierte Vermittlung“: Die Wendepunkt-Betreuer begleiten die Bewerber zu den Vorstellungsgesprächen und lassen selbst dann nicht los, wenn ihre Auftrag per Gesetz eigentlich zu beenden ist: So intensiv wie nötig beraten und begleiten sie Arbeitgeber und Arbeitnehmer nach Vertragsabschluss.

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Das Wendepunkt-Projekt ist eine Querdenker-Idee, die nicht ins enge Personal-Korsett passt. Das Fazit von Jobcenter-Geschäftsführer Frank Neukirchen-Füsers nach drei Jahren: „Das Beispiel von Herrn Richter-Engemann zeigt, wie wichtig es ist, dass Menschen in der Phase der Langzeitarbeitslosigkeit intensiv begleitet werden. Wir haben Wendepunkt als Modellprojekt eingeführt, um zu beweisen, dass sich eine geringere Betreuungsrelation lohnt.

Die guten Integrationsergebnisse geben uns Recht und zeigen: Mehr Personal kann mehr bewirken. Bessere Betreuung und Beratung mit mehr Personal, bessere Integrationsergebnisse und das bei geringeren Kosten – das macht ein erfolgreiches Modell aus. Wir sind von dem Ansatz nach wie vor überzeugt und würden uns freuen, wenn diese Erfahrungen bei dem allgemeinen Betreuungsschlüssel Berücksichtigung finden würden.“

2019: Etwa 700 Arbeitsplätze fördern

Der Wendepunkt-Erfolg lässt sich auch in Euro beziffern: Die Projektkosten liegen bei 100.000 Euro pro Monat – das Projekt spart 120.000 Euro an Sozialleistungen ein. Und die Zahl der Langzeitarbeitslosen soll durch gezielte Förderung weiter sinken. Das Jobcenter rechnet mit 700 Arbeitsplätzen, die im kommenden Jahr zu vergeben sind. In diesem Jahr stehen dafür 4,9 Millionen Euro zur Verfügung.

2019 sollen es 14,9 Millionen Euro sein. Für die Vermittlung arbeitet das Jobcenter mit 16 Projektpartnern zusammen. Die Initiative „Arbeit in Dortmund“ will Betriebe dazu bewegen, motivierten Langzeitarbeitslosen eine Chance zu geben.

Arbeitgeber: „Es ist egal, was vorher war“

Das will auch der Dortmunder Friseur Marcel Kamin, der im September 2018 vom aus 16 bestehenden Partnern bestehenden „Bündnis Arbeit in Dortmund“ der Stadt Dortmund für sein Engagement für Langzeitarbeitslose ausgezeichnet worden ist.

Sein Grundsatz: „Das wichtigste ist der Mensch, so, wie er ist, und er sich bei uns im Betrieb wohlfühlt. Uns ist egal, was jemand vorher gemacht hat, welchen Abschluss er hat. Wir laden die Menschen einfach ein und geben ihnen eine Chance. Im Job setzen wir dann auf regelmäßige Fortbildungsmaßnahmen, damit die Personen mit anderen in Kontakt kommen und sehen was andere vielleicht schon geschafft haben. Das gibt dem Mitarbeiter die Motivation, weiterzumachen.“

Jobcenter Dortmund: Zahlen und Kontakt
  • Das Jobcenter Dortmund beschäftigt an fünf Standorten aktuell 1087 Angestellte, darunter 427 Vermittlungs- und Integrationsfachkräfte.
  • Im Wendepunkt-Projekt arbeiten zwölf Intensivbetreuer und drei Jobcoaches.
  • 2017 verzeichnete das Jobcenter Dortmund mehr als 14.000 Arbeitsaufnahmen.
  • Kontakt für Arbeitgeber, die sich über Arbeitnehmer aus dem Wendepunkt-Projekt informieren möchten: 0231 / 842 9900.
Hinweis: Nach Abschluss der Recherchen haben wir erfahren, dass gegen den Arbeitgeber in Werne wegen Insolvenzverschleppung ermittelt wird. Die Ermittlungen zielen auf seine Geschäftstätigkeit in einer anderen Firma in Bergkamen ab. Er ist inzwischen nicht mehr Inhaber des E-Zigaretten-Geschäfts in Werne. Wir haben uns dennoch für eine Berichterstattung entschieden, da diese Information die Leistungen des Projekts „Wendepunkt“ und des Jobcenter-Kunden nicht schmälert.
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