Nach Flucht aus Syrien: Mahmoud (19) schafft es in drei Jahren zum 1,0-Abi

rnSyrischer Geflüchteter

Als der Syrer Mahmoud Amer Kabouh (19) nach Dortmund kam, sprach er kaum ein Wort Deutsch. Jetzt hat er sein Abitur mit einer Traumnote abgeschlossen - und das nächste Ziel vor Augen.

Dortmund

, 24.06.2020, 10:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Mahmoud Amer Kabouh (19) kommt aus Aleppo in Syrien. Er war immer ein fleißiger Schüler, seine Familie war recht wohlhabend, er hatte es gut. Die sechsköpfige Familie flog regelmäßig in den Urlaub.

Als sich 2012 der Konflikt in Syrien immer weiter verschärft, ist Mahmoud 11 Jahre alt. Sein Vater entscheidet, dass die Familie nach Ägypten fliegt. Ein Monat Urlaub. Abwarten, bis sich die Lage wieder beruhigt. Das tut sie aber nicht, auch heute herrscht in Syrien immer noch der Krieg.

Krieg zwingt die Familie zur Flucht

Acht Jahre ist es her, als aus dem Urlaub eine gezwungene Flucht für die Familie Kabouh wird. Eine Rückkehr nach Syrien ist keine Option. Das war ihnen klar, als Mahmouds Onkel entführt und die Familie erpresst wird. Ägypten wird vom Urlaubsziel zur provisorischen neuen Heimat.

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Mahmoud geht dort weiter zur Schule. Denn er hat ein Ziel: „Schon seitdem ich klein bin, wollte ich Medizin studieren“, erzählt er in einem Gespräch mit unserer Redaktion. Nach einem Jahr ist der verlängerte „Familien-Urlaub“ in Ägypten vorbei. Die Kabouhs trennen sich, Mahmouds Schwestern bleiben in Ägypten. Er reist mit seinen Eltern und dem Bruder in die Türkei.

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Dort bleiben sie vier Jahre. Harte Jahre. Denn die Kabouhs müssen arbeiten, um sich zu versorgen. Mit schlechter Bezahlung, unter schlechten Arbeitsbedingungen. Mahmoud ist weiter fleißig und lernt, schreibt gute Noten, im Blick immer das Medizin-Studium. Nach der Schule gibt er Nachhilfe.

Anfang 2017: Familie Kabouh trifft die Entscheidung, die Türkei hinter sich zu lassen. Sie wollen ihr Glück in Deutschland versuchen. Sie hoffen, dort wieder ein Stück Normalität in ihr Leben zu bringen.

Mahmoud hat in der Zwischenzeit die 10. Klasse beendet.

Mahmoud darf nicht aufs Gymnasium

Das Datum, an dem er eingereist ist, kennt er noch ganz genau – der 21. Juni 2017. Damals ist Mahmoud 16, Deutsch spricht er zu der Zeit kaum, „nur Basics“. Die Familie fasst in Dortmund-Huckarde Fuß. So richtig nach Zuhause fühlt sich die Stadt aber noch nicht an.

„Das erste Jahr hier war nicht so schön“, erzählt Mahmoud. Denn sein großer Traum, das Abitur und damit das Stadium, droht zu zersplittern. Das Amt für Bildung sagt ihm, dass er nicht aufs Gymnasium darf.

„Das erste Jahr hier war nicht so schön.“
Mahmoud Amer Kabouh (19) über die erste Zeit in Deutschland

Er wäre zu alt, er dürfe nur auf ein Berufskolleg. Mahmoud ist frustriert. Er fürchtet, dass der Aufenthalt in Deutschland vorbei ist. Der damals 16-Jährige überlegt, wieder in die Türkei zu gehen. Vielleicht klappt der Spagat zwischen viel Arbeit und Schule irgendwie, denkt er sich.

Eine Sozialarbeiterin empfiehlt ihm, dass er direkt bei den Dortmunder Gymnasien sein Glück versuchen soll, unabhängig von zentralen Stellen wie dem Amt. Und siehe da: Das Gymnasium an der Schweizer Allee in Aplerbeck nimmt Mahmoud als Schüler auf.

Deutsch wird zur Herausforderung

Aber nicht ganz ohne Haken. Er muss die 10. Klasse wiederholen und kommt in die „Internationale Klasse“ – also zu einer Gruppe von Schülern, für die Deutsch auch eine Fremdsprache ist. Mahmoud gefällt das nicht.

Das Lern-Tempo ist ihm zu langsam, schließlich will er Mediziner werden. Und da müssen gute Noten her. Über das Hochschulsystem hatte er sich schon ausreichend informiert. Mindestens ein Notendurchschnitt von 1,3 soll am Ende auf seinem Abi-Zeugnis stehen.

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Mahmoud spricht mit der Schulleitung, ein Kompromiss wird gefunden: Er nimmt am regulären Unterricht teil, ist also mit deutschsprachigen Schülern in einer Klasse. Nur das Fach Deutsch wird weiterhin im Förderunterricht Teil seines Lehrplans.

Nach einem halben Jahr verbessern sich seine sprachlichen Fähigkeiten so sehr, dass er auch Deutsch im „normalen“ Setting unterrichtet bekommt. Mahmoud erzählt, dass das Fach Deutsch aber weiter schwierig für ihn war. Durch die Zwischenprüfung schafft er aber trotzdem. Die Schule unterstützt ihn, indem er mehr Zeit bei den Klausuren bekommt und die Lehrer ihn beim Verständnis der Aufgaben unterstützen.

Rückschläge versus Selbstdisziplin

In den nächsten beiden Schuljahren, die entscheidend für seinen Abi-Schnitt sind, gibt es allerdings keine Sonderleistungen mehr für Mahmoud. Trotzdem verbessert er sich immer mehr.

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Dazu gehörte aber auch eine Extraportion Selbstdisziplin: Pflichtlektüre wie Goethes Faust liest er mehrfach durch, die Bücher vom B1-Sprachkurs seines Vaters studiert er in seiner Freizeit.

Als er in der elften Klasse ist, stirbt sein 64-jähriger Vater.

Das wirft Mahmoud aus der Bahn. Hinzu kommt, dass sein Notendurchschnitt nicht zu seinem Ziel passt. Verzweiflung macht sich breit, seine Erwartungen an sich selbst sind hoch. Soziale Kontakte, um seinen Frust loszuwerden, findet er nur schwierig. Die Sprache ist noch zu sehr eine Hürde. „Zwischendurch war ich echt einsam“, so Mahmoud.

Nächster Schritt: Herzchirurg

Doch Mahmoud fängt sich wieder. Die Abiturprüfungen in diesem Sommer meistert er mit Bravour: Dreimal 15 Punkte, einmal 14 Punkte. Sein Ziel hat er erreicht: Ein Abiturzeugnis mit einem Notendurchschnitt von 1,0 hat der 19-Jährige am 20. Juni überreicht bekommen. Einen Tag vor seinem dreijährigen Jubiläum in Dortmund. Davor sprach er kaum ein Wort Deutsch.

Nun geht es für ihn in die nächste Etappe – das Medizinstudium. Er will Herzchirurg werden.

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