„Ich behandle immer nur einen Patienten. Ich mache nicht die Welt besser.“

rn12 Stunden Notaufnahme

Ferry Martin (43) ist Unfallchirurg und arbeitet regelmäßig nachts in der Notaufnahme des Klinikums Nord. Warum man da manchmal warten muss und was ihn die Arbeit über Menschen gelehrt hat.

Dortmund

, 19.02.2019 / Lesedauer: 9 min

Irgendwann gegen 6 Uhr morgens geht Ferry Martin noch mal raus an die frische Luft. In der blauen Funktionskleidung spürt man die Kälte der Nacht. „Kennst du Sarah Lesch?“, fragt er. Sarah Lesch ist eine Songwriterin aus Leipzig. „Die hat eine Textzeile geschrieben, die ich hier manchmal passend finde.“

Und irgendwie hat uns dann der Gedanke beruhigt, dass wir in hundert Jahren alle tot sind. ( Sarah Lesch, aus dem Lied Fünf Minuten Bitte)

Als seine Zigarette aufgeraucht und der Rest Kaffee so kalt ist wie die Luft drum herum, geht der Mann in Blau wieder rein in die Notaufnahme. Die letzten zwei Stunden Nachtschicht wegarbeiten.

Zehn Stunden früher – es ist kurz nach 20 Uhr – steht Ferry Martin im Schockraum. Ein Patient ist angekündigt, der laut Rettungsdienst über drei Meter tief gestürzt ist. Im Schockraum landen Patienten, bei denen schwere Verletzungen zu erwarten sind. Als der Patient eingeliefert wird, erfährt Ferry Martin zuerst von den Mitarbeitern des Rettungsdienstes, wie der Unfall abgelaufen ist und welche Verletzungen sie vermuten. Dann wendet er sich dem Patienten zu und stellt ihm Fragen. Sie folgen einem klaren Ablauf, der darauf zielt, möglichst schnell und präzise zu klären, was die nächsten notwendigen Schritte sind.

Binnen Minuten wird der Mann auf der orangen Liege, an die noch seine Schuhe gebunden sind, zum Computertomografen (CT) in den nächsten Raum gebracht. „Ihre Aufgabe ist jetzt, gar nichts zu machen“, sagt Ferry Martin. Der Patient macht gar nichts – und hat offenbar Glück gehabt: Als die Ärzte die Aufnahmen des CT betrachten, finden sie keine ernsthaften Verletzungen. Zur Beobachtung wird der Patient trotzdem stationär aufgenommen. In den kommenden zwölf Stunden werden einige Patienten Glück haben. Und einer nicht.

Menschen treffen im Klinikum Nord viele aufeinander. Das Krankenhaus ist Anlaufstelle für Schwerstverletzte aus der ganzen Region, für junge Menschen, die an diesem Samstag ein Glas zu viel getrunken haben, und für alte Menschen, die sich heute nicht mehr so auf ihre Körper verlassen können wie damals, als sie ab und an auch noch ein Glas zu viel getrunken haben. In dieser Nacht wird rund die Hälfte aller Patienten ein Fall für die Unfallchirurgie sein.

Die ganze Nacht lang sieht er Patienten kommen und gehen

Kein neuer Mitbewohner, kein neuer bester Freund, nur ein Reisender in deinem Wohnungsflur. (Sarah Lesch, aus dem Lied Fünf Minuten Bitte)

„Ferry Martin von den Unfallchirurgen, habt ihr noch ein Bett frei?“ Einige Patienten später sitzt Ferry Martin in Behandlungsraum eins und telefoniert mit einer der Stationen. Auch das gehört zur Nachtschicht: Organisationsarbeit. Oder Berichte schreiben für den weiterbehandelnden Arzt.

Fast alle, die in die Notaufnahme kommen, wollen vor allem schnell wieder weg. Sie werden dorthin getrieben vom Schmerz oder von der Ungewissheit und vom Vertrauen, dass ihnen geholfen wird.

„Ich behandle immer nur einen Patienten. Ich mache nicht die Welt besser.“

Ferry Martin an seinem Arbeitsplatz in Behandlungsraum eins. Über das Computersystem kann er auf Patientendaten, Röntgenbilder und Bettenpläne zugreifen. © Bastian Pietsch

Mehr als 37.000 Patienten hatte die Notaufnahme des Klinikums Nord im Jahr 2017. Über 10.000 mehr als zehn Jahre zuvor. Dahinter steht nur zum Teil, dass der Altersdurchschnitt in Deutschland stetig steigt. Es sind auch nicht alle von ihnen Notfälle. Manche sehen die Notaufnahme als Alternative zum Hausarzt, wenn der abends oder am Wochenende geschlossen hat oder die Wartezeiten auf einen Termin monatelang sind. Rund drei Viertel aller Patienten brauchten nicht sofort behandelt zu werden, heißt es in einer Präsentation des Rettungsdienstes der Feuerwehr Dortmund.

Für diese Patienten ist eigentlich der kassenärztliche Notdienst zuständig. Er sitzt am Klinikum Mitte mit einer eigenen Ambulanz. Spät- oder Wochenenddienste der niedergelassenen Allgemeinärzte gibt es in Dortmund keine, allerdings von Augenärzten, HNO-Ärzten und Zahnärzten. Die Rufnummer des kassenärztlichen Notdienstes 116 117 kennen wenige. Von Kindheit an lernt man, dass die 112 die Nummer für Notfälle ist. Und wem es schlecht geht, der ist ein Notfall. Mindestens für sich selbst.

In dieser Nacht ist es ungewöhnlich ruhig in der Notaufnahme. Ärzte und Pfleger finden zwischendurch Zeit, für einige Minuten im Pausenraum zu sitzen. Auf dem Tisch steht Pizza. Es gebe auch Nächte, da habe man kaum Zeit sich überhaupt zu setzen – zuletzt am vorherigen Donnerstag. Bis zum frühen Morgen geht die Sorge um, das dicke Ende komme noch. Doch es wird nicht kommen. In dieser Nacht werden nur knapp 40 Patienten den Weg in die Notaufnahme nehmen.

Zwei Polizisten bringen einen Mann rein, der an der rechten Hand und am Kopf verletzt ist. Er sagt, er sei Syrer und in der Nordstadt angegriffen worden. Der Mann spricht Deutsch, bei komplizierten Zusammenhängen kommt er ins Stocken. „Alkizaz? Vaccination?“ fragt Ferry Martin. Alkizaz heißt Tetanus. Das einzige Wort, das er auf Arabisch kennt. Bei der Untersuchung fallen ihm Narben am Körper des Patienten auf. „Die sehen schon älter aus. Vermutlich alte Wunden aus Syrien“, erklärt er später. Der junge Mann ist freundlich und ein wenig verunsichert, fragt viel. Seine Hand muss genäht werden. Als Ferry Martin eine Spritze mit Betäubungsmittel aufzieht, zuckt der Patient heftig zusammen.

„Ich lerne die Menschen hier in einer Ausnahmesituation kennen“, sagt der 43-jährige Assistenzarzt. „Es gibt in jeder Schicht und aus jedem Hintergrund Menschen, die freundlich sind und die es nicht sind.“

„Ich behandle immer nur einen Patienten. Ich mache nicht die Welt besser.“

Der Gipsraum der Notaufnahme, kurz nachdem einer Patientin ein Gips angelegt wurde. © Bastian Pietsch

Die Nacht hindurch behandelt Ferry Martin Patienten. Angefangen hat sein Tag bereits um 8 Uhr morgens mit einer Schulung zum Thema Strahlenschutz. Die regelmäßige Fortbildung ist Pflicht, dass der Unfallchirurg sie genau an diesem Tag macht, hat er freiwillig so gewählt. Acht Stunden hat die Schulung gedauert – bis 16 Uhr. „Aber das ist ja Freizeit“, sagt er. Um 20 Uhr beginnt die Nachtschicht. Und auch am Sonntag wird er wieder die Nacht in der Notaufnahme verbringen.

Die Versuchung liegt nahe, anzunehmen, Ferry Martin sei auf einer Mission. Das Gegenteil ist richtig: „Ich behandle immer nur einen Patienten. Ich mache nicht die Welt besser.“

Gegen Mitternacht geht Ferry Martin schlafen. Der Raum dafür liegt in der Nähe des Schockraums, im Notfall sind so die Wege kurz. Bis dahin hat er die unfallchirurgischen Patienten zusammen mit seinem Kollegen Jens Scheidgen behandelt. Die nächsten gut vier Stunden übernimmt dieser allein.

Zwischen Leben und Tod hängt ein weißer Vorhang

Mach das Licht aus, mach sofort wieder das Licht aus, Mama. Ich war noch nicht fertig, ey. (Sarah Lesch, aus dem Lied Fünf Minuten Bitte)

Rund zwanzig Minuten später. Es ist ruhig. Ärzte und Pfleger sitzen gerade gemeinsam im Pausenraum. Dann kommt ein Anruf von einer der chirurgischen Stationen. Ein Patient werde reanimiert. Jens Scheidgen rennt los. Von 0 auf 100. Raus aus der Notaufnahme und mit dem Aufzug hoch auf die Station. Der Patient ist über neunzig, bekommt eine Herzdruckmassage und wird beatmet.

Nach einigen Minuten bringen Jens Scheidgen und zwei Pfleger den Patienten auf eine Intensivstation. Der Arzt sitzt im Aufzug über dem Patienten, mit ihm zusammen auf dem Bett. Der Einsatz des Körpergewichts macht die Herzdruckmassage etwas weniger anstrengend. Einer der Pfleger trägt einen großen roten Notfall-Rucksack. Im Zimmer der Intensivstation wird der Patient an Monitore angeschlossen, bekommt Medikamente. Zwei ältere Frauen liegen ebenfalls auf dem Zimmer, eine von ihnen ist wach. Zwischen Leben und nahendem Tod hängt in diesem Fall nur ein weißer Vorhang.

„Ich behandle immer nur einen Patienten. Ich mache nicht die Welt besser.“

Jens Scheidgen (28), Assistensarzt am Klinikum. © Bastian Pietsch

„Liegt draußen noch Schnee?“, fragt die Frau über das Piepen der Geräte hinweg in den Raum. „Mhmm“, antwortet eine der Pflegerinnen. Weitere Ärzte und Pfleger kommen dazu, zum Schluss sind es acht Personen, die um das Bett des Mannes versammelt sind. Einer ist immer damit beschäftigt, durch Druck auf den Brustkorb des Patienten das zu leisten, was sein Herz nicht mehr tut. Medikamente, Defibrillator, Herzultraschall, Beatmung. Kurz hat der Patient noch mal einen eigenständigen Kreislauf – er ist noch mal „da“, wie die Mediziner an seinem Bett sagen. Nicht stabil, bei Weitem nicht ansprechbar, aber so, dass noch mal Hoffnung aufkommt. Doch nicht für lange: Nach mehr als einer Dreiviertelstunde Kampf stellen die Ärzte schließlich die Bemühungen ein.

„Können Sie hier schon mal das Licht ausmachen?“, fragt die Frau auf der anderen Seite des Vorhangs.

Später in der Nacht wird Jens Scheidgen die Angehörigen des Verstorbenen anrufen. Er bittet sie, ins Klinikum zu kommen. „Es gibt auch Ärzte, die machen so was telefonisch. Ich finde das unmenschlich“, sagt er. Das persönliche Gespräch dauert dann gut zwanzig Minuten. Was besprochen wird, bleibt vertraulich. „So steht ihnen dann wenigstens ein Mensch mit Eigenschaften gegenüber, der ihnen so eine Nachricht überbringt“, sagt Jens Scheidgen. Ob ihm so ein Fall näher geht als ein verstauchter Knöchel? „Natürlich ist das nicht leicht. Vor allem das Gespräch mit den Angehörigen nicht. Ich finde aber, in dem Alter hat man ein Recht zu gehen“, sagt er. Schlimmer sei es, wenn es um das Leben von Kindern geht.

Raus aus der Dunkelheit der Nacht und rein ins Licht

Die Leichtigkeit des Seins ist nur ein Schnaps zu viel in deinem Blut. (Sarah Lesch, aus dem Lied Fünf Minuten Bitte)

Zwischen 2 und 4 Uhr kommen die Betrunkenen rein. Raus aus der Dunkelheit der Nacht, die einen die Welt sehen lässt, wie man sie sich wünscht, rein ins grelle Licht der Notaufnahme, das sagt: So ist es.

Eine junge Frau kommt mit dem Rettungsdienst, begleitet von ihrem Freund. Offensichtlich kommen beide gerade aus dem Club. Sie sei gestürzt und habe sich am Kopf verletzt. Jens Scheidgen untersucht die junge Frau, auch sie bekommt ein CT, um auszuschließen, dass sich hinter dem Alkohol eine schwere Verletzung verbirgt. „Es gibt auch Patienten, die verhalten sich, als wären sie betrunken, haben aber eine Hirnblutung“, sagt der Assistenzarzt. Diese Patientin hatte einfach nur einen guten Abend. Zumindest bisher. Sie wird genäht, muss dafür ein paar Haare lassen und wird noch bis zum frühen Morgen ihren Rausch ausschlafen.

Es ist die stressigste Zeit in dieser Samstagnacht. Ein Mann ist in der Innenstadt aufs Gesicht gefallen und wird von einer Gesichtschirurgin versorgt. Er geht winkend nach Hause. Ein weiterer Patient hatte bereits am Abend einen Arbeitsunfall und kommt nun in die Notaufnahme, weil sein Fuß immer noch schmerzt. Auch er hat noch mal Glück gehabt: Der Fuß ist nur geprellt. Dazwischen Menschen, ältere und jüngere, denen der Alkohol irgendwann zu viel wurde. Eine Peinlichkeit sieht darin niemand.

Aber nicht immer ist die Notaufnahme so harmonisch. Wenn es voll wird im Wartezimmer auf der anderen Seite des Tresens, wenn die Wartezeiten in die Stunden gehen, würden die Menschen dort auch schon mal aggressiv, erzählen Mitarbeiter. Es gibt auch einen hausinternen Notruf um Mitarbeiter zur Hilfe zu rufen, Präsenz zu zeigen, wenn die Situation zu entgleiten droht. Erhöhte Glaswände sollen die Patienten davon abhalten, buchstäblich über den Tresen zu springen.

Wie lange Patienten warten müssen, wird im Klinikum mittels eines Triage-Systems entschieden, dem Emergency Severity Index (ESI). Die Triage ist ein Verfahren aus der Kriegsmedizin und hilft, anhand eines klaren Ablaufs von Fragen einzuschätzen, wie dringend ein Patient behandelt werden muss. Dabei spielen die schwere der Verletzung und die benötigten medizinischen Ressourcen eine Rolle. Fünf Stufen gibt es, von ESI-Level 1 für Patienten, die in Lebensgefahr sind und sofort behandelt werden müssen, bis ESI-Level 5 für Patienten, deren Behandlung warten kann.

Gegen halb fünf geht Jens Scheidgen schlafen und Ferry Martin übernimmt wieder für den Rest der Schicht. Etwas mehr als vier Stunden Schlaf. Das muss reichen für diese Nacht. Gegähnt wird weg vom Patienten, in Richtung Monitor und Kaffeetasse.

Wir alle haben einen Plan für unser Leben

Und wie viele Sommer hast du schon versucht festzuhalten? Wie vielen großen Gefühlen hast du schon beim Sterben zugesehen? (Sarah Lesch, aus dem Lied Fünf Minuten Bitte)

Seit 2012 arbeitet Ferry Martin im Klinikum. Regelmäßig in der Notaufnahme steht der gebürtige Bayer seit 2004, seitdem er Arzt ist. Ferry Martin ist Facharzt für Chirurgie und für spezielle Unfallchirurgie. Unter den Assistenzärzten ist er damit einer der erfahreneren. „Mein nächstes Ziel ist eine Oberarztstelle“, sagt er. Von seiner Frau, mit der er drei Kinder hat, lebt Ferry Martin getrennt.

„Ich behandle immer nur einen Patienten. Ich mache nicht die Welt besser.“

Ferry Martin am Anfang (links) und am Ende (rechts) von zwölf Stunden Nachtschicht. © Bastian Pietsch

Am frühen Morgen kommt noch ein älterer Herr in Begleitung seiner Frau in die Notaufnahme. Sie sind länger verheiratet, als Ferry Martin lebt. Ihrem Mann sei öfter schwindlig und diesmal sei er gestürzt, sagt die Frau. Sie spricht ruhig, bedacht, vielleicht ein wenig besorgt, ihr Mann kurz und auf den Punkt, fast lapidar. Ruhrgebiet eben. Der Arzt unterhält sich mit beiden. Die Fragen, deren Antworten er für seine Diagnose braucht, flicht er, wie er es schon die ganze Nacht lang tut, in das Gespräch mit ein.

Patienten, die Ferry Martin aufwendiger behandelt, trägt er in ein kleines Notizbuch ein: Namen, Diagnose und Therapie. Falls er diese Informationen später noch mal braucht, hat er sie so auf einen Blick. „Das ist inzwischen das dritte oder vierte“, sagt er. Dann erzählt er noch von einer Patientin, die ihm vor einigen Jahren auch ohne Notizbuch im Gedächtnis geblieben ist. Einer 23-Jährigen musste er damals an Silvester den Unterschenkel amputieren, weil sie durch illegales Feuerwerk schwer verletzt worden war. Der Fuß der jungen Frau sei völlig zerfetzt gewesen. Als er ihr klargemacht habe, dass sie den verletzten Fuß verlieren würde, habe sie das überraschend gut aufgenommen.

„Man hat ja eine Vorstellung davon, wie das eigene Leben so laufen soll“, sagt Ferry Martin. „Ein Haus mit Garten, Familie, im Beruf, vielleicht auch mal an Silvester Champagner trinken. Nur, dass daraus eben ganz schnell nichts werden kann. Eine der Hauptlektionen, die man hier mitnimmt: Das Leben ist endlich – überall und in jedem Alter.“ Wie in eigentlich allem, was Ferry Martin in dieser Nacht sagt, liegt darin eine ansteckende Gelassenheit.

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