Nazi-Scherge oder Gegner? Podcast zu Admiral Canaris erschienen

rnStraßennamen in Dortmund

Darf eine Straße im Dortmunder Süden nach jemandem benannt sein, der ein führender Nazi war? Ja, sagen Experten. Denn Wilhelm Canaris war auch im Widerstand. Ein Podcast soll aufklären.

Aplerbeck

, 27.08.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Ein Straßenname, an dem sich die Geister scheiden. Es geht um die Canarisstraße in Aplerbeck. Benannt nach Admiral Wilhelm Canaris. Fakt ist, dass die Straße nicht umbenannte werden soll. Die Aplerbecker Politik hat so entschieden. Fakt ist auch, dass in Kürze ein erklärendes Legendenschild unter dem Straßennamen angebracht werden soll.

Aber wird das die Diskussion beenden? Denn Canaris war Leiter des militärischen Nachrichtendienstes des Deutschen Reiches im Zweiten Weltkrieg. So die eine Seite des Menschen Canaris. Aber er war auch Unterstützer des Widerstandes gegen Hitler.

Wer war Canaris wirklich?

Aus diesem Grund wurde Canaris von einem SS-Standgericht 1945 im Konzentrationslager Flossenbürg zum Tode verurteilt und erhängt. Wer aber war dieser Mann wirklich? NS-Scherge oder doch Widerstandskämpfer?

Der Archäologe und Vorsitzende des Aplerbecker Geschichtsvereins Dr. Georg Eggenstein hat sich schon lange mit Wilhelm Canaris und seiner Geschichte beschäftigt.

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Zusammen mit Heiko Suhr, der die Biografie des Wilhelm Canaris über Jahre erforscht hat und auch darüber promoviert hat, hat Eggenstein einen Podcast aufgenommen. Im Tonstudio der Jugendfreizeitstätte in Schüren. Zu hören ist der Podcast bei dem Audio Streaming Dienst Spotify.

Wertung aus der demokratischen Gesellschaft

„Heiko Suhr hat darin noch einmal sehr deutlich gemacht, wie Canaris als historische Figur zu bewerten ist“, sagt Eggenstein. „So etwas nur den Rechten zu überlassen, die irgendwelche ideologischen Dinge in die Vergangenheit projizieren, das kann ja nicht Sinn und Zweck der Sache sein. Diese Wertung muss aus einer demokratischen Gesellschaft kommen.“

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Sicher sei Canaris kein Demokrat aus heutiger Sicht gewesen. Für ihn sei sicher das Führen von Kriegen ein legitimes Mittel gewesen. „Aber Canaris stand dem Hitler-Regime sehr kritisch gegenüber“, sagt Georg Eggenstein. „Aus zwei verschiedenen Gründen. Erstens, weil er den Krieg nicht mehr für gewinnbar hielt, zweitens aus moralischen Gründen.“

Canaris hatte eine behinderte Tochter

Canaris hatte eine Tochter mit Behinderung, die nach der Euthanasie-Gesetzgebung ermordet worden wäre, wenn er sie nicht beschützt hätte. Zudem habe Canaris 1939 schon die Gräueltaten auf dem Polenfeldzug beobachtet. Auch daher stamme seine ablehnende Haltung gegen das NS-Regime.

Trotz seiner hohen Stellung unter Hitler als Geheimdienstchef unterstützte Canaris von da an den Widerstand. „Durch seine geheimdienstlichen Kanäle hat er den Beginn des Frankreichfeldzuges und auch des Russlandfeldzuges an die Alliierten verraten“, so Eggenstein.

Er habe sehr massiv gegen Hitler gearbeitet. An dem Attentat gegen Hitler sei er nicht direkt beteiligt gewesen. „Er hat aber einen seiner engsten Mitarbeiter, Hans Oster, frei gewähren lassen. Und Oster war so etwas wie der Geschäftsführer des militärischen Widerstands. Bei Oster liefen alle Fäden zusammen.“

Mit Bonhoeffer und Oster hingerichtet

Generalmajor Oster sowie Dietrich Bonhoeffer und Admiral Wilhelm Canaris wurden am 8. April 1945 gemeinsam zum Tode verurteilt und im KZ Flossenbürg erhängt.

„Es ist wichtig, durch den Podcast jetzt auch etwas zu haben, das zeigt, wie man sich einer historischen Figur wie Canaris nähern kann“, sagt Eggenstein. Die Diskussion um die NS-Zeit müsse einfach in der Mitte der Gesellschaft bleiben - das sei sehr wichtig.

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