Neonazis stellen Angeklagten bloß

Missbrauchsfall

Rund 30 Demonstranten aus der rechtsradikalen Szene haben am Dienstagabend unangemeldet vor der Wohnung eines 50-jährigen Mannes in Eving demonstriert. Das war nicht der erste Fall dieser Art in Dortmund.

DORTMUND

von Von Tobias Großekemper

, 09.02.2012, 04:39 Uhr / Lesedauer: 2 min
Vor diesem Fenster wurde am Dienstag demonstriert.

Vor diesem Fenster wurde am Dienstag demonstriert.

Die Rechtsradikalen stellen sich in letzter Zeit in Dortmund als vermeintlich einzige Instanz dar, die die Bevölkerung vor Sexualstraftätern warnt. Die Justiz würde grundsätzlich zu milde Urteile verhängen, heißt es. Bei ihren Demonstrationen fordern sie regelmäßig die „Todesstrafe für Kinderschänder“. Am Dienstag skandierten sie laut Zeugenaussagen weitere Parolen, die deutlich an Lynch- und Selbstjustiz angelehnt sind. Am Mittwoch, am Tag nach der Demonstration vor seiner Wohnung, gestand der 50-Jährige die Taten vor Gericht. Der Missbrauch geschah zuletzt im Jahr 2007 und fand im Familienkreis statt. In Justizkreisen heißt es, vom Angeklagten gehe keine Gefahr für sein Wohnumfeld aus. Weil es keine Verdunkelungs-, Flucht- und Wiederholungsgefahr gebe, sei er nicht in Untersuchungshaft genommen worden. Das Urteil gegen den 50-Jährigen soll am 13. Februar fallen.

 „Ich dachte erst, da draußen gäbe es eine Prügelei“, sagte ein Mann aus dem Nachbarhaus gestern Morgen. Er habe dann aus dem Fenster geschaut und eine Versammlung gesehen. Ein anderer Nachbar habe ihm später erzählt, es sei um einen Sexualstraftäter gegangen.Der 50-Jährige ist nicht der erste angeklagte Sexualstraftäter, vor dessen Tür Rechtsradikale demonstrieren. Auch der ehemals in nachträglich angeordneter Sicherungsverwahrung untergebrachte Sexualstraftäter Heinrich K., dessen Prozess ebenfalls zurzeit läuft, hatte vor seiner Haustür mehrfach Rechtsradikale stehen.

 Es ist eine Masche, die sich in den vergangenen Monaten auch in Dortmund verbreitet hat: Beim Auftakt von Gerichtsprozessen wegen eines Missbrauchsverdachts sitzen Neonazis im Zuschauerraum und hören zu. Wird am Anfang der Verhandlung der Name und die Wohnanschrift von Verdächtigen verlesen, schreiben die Neonazis mit. Laut Polizeisprecher Manfred Radecke ist diese Praxis hier neu und erinnere stark an die USA, wo Menschen öffentlich mit Steckbriefen an den Pranger gestellt werden. Radecke: „In unserem Land gilt bis zu einem Gerichtsurteil immer noch die Unschuldsvermutung – das gilt auch in diesem Fall.“

 Pfarrer Friedrich Stiller vom Arbeitskreis gegen Rechtsextremismus lässt keinen Zweifel daran, dass sexueller Missbrauch ein schweres Verbrechen ist, das zurecht verfolgt werde. Das dürfe aber nicht dazu führen, dass Nazis solche Prozesse instrumentalisieren und sich als Volkes Stimme tarnen. Stiller: „Wir brauchen die Nazis nicht, sie kochen hier nur ihr braunes Süppchen.“

Dortmund am Abend

Täglich um 18:30 Uhr berichten unsere Redakteure für Sie im Newsletter Über die wichtigsten Ereignisse des Tages.

Lesen Sie jetzt