In Dortmunder Firma muss jedes Autoteil eine harte Prüfung überstehen

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Ein Testbetrieb für Autoteile, Brunel Car Synergies, ist von Bochum nach Dortmund gezogen. Was später einmal auf die Straße soll, muss in den Klimaschock-Kammern in Wickede bestehen.

Dortmund

, 14.05.2020, 18:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Diese Firma überlässt rein gar nichts dem Zufall. Die Brunel Car Synergies GmbH testet alle möglichen Teile, die in Autos verbaut werden, auf Herz und Nieren. Sensoren für die elektronischen Komponenten einer Lenkung etwa, müssen hier den Daueraufenthalt in einer Temperaturschock-Kammer überstehen.

So unscheinbar die mannshohe, graue Box auch aussieht, sie hat es in sich. „Im oberen Teil haben wir 140 Grad, im unteren minus 40 Grad. Mit einem Lift werden Bauteile wie Sensoren, Kontakte oder Leitungen innerhalb von Sekunden von unten nach oben und umgekehrt bewegt“, sagt Geschäftsführer Peter Bolz. Auf diese Weise werden Wärmespannungen erzeugt. Bauteile, die in einem Auto eine Zukunft haben wollen, müssen da heile wieder rauskommen.

Nicht alle Bauteile überstehen die Härtetests

Die meisten Komponenten, die in dem neuen Brunel-Entwicklungszentrum in Wickede ankommen, bestehen die Härtetests. „Bei Prototypen liegt die Ausfallquote bei rund 30 Prozent. Bei Bauteilen, die kurz vor dem Serienanlauf stehen, nur noch bei unter fünf Prozent, häufig bei null Prozent“, so Peter Bolz.

Peter Bolz von Brunel Car Synergies in Dortmund

In den Büroräumen ist Peter Bolz derzeit allein. Die Mitarbeiter der Verwaltung arbeiten im Home Office. © Peter Wulle

Mitten in der Corona-Krise ist der Geschäftsführer mit seinen 45 Mitarbeitern von Bochum nach Wickede umgezogen. Sein Unternehmen ist derzeit wohl der spannendste Neuzugang in der Dortmunder Wirtschaft.

Angelockt wurde die Brunel Car Synergies GmbH, die mit einem Wachstumsversprechen gekommen ist, durch den hiesigen Flughafen. „Wir hatten in Bochum keine Erweiterungsmöglichkeiten mehr und haben daher einen neuen Standort gesucht. Dortmund hatten wir dabei wegen des Flughafens und der guten Flugverbindung nach München, wo viele unserer Kunden sind, schon länger im Blick“, sagt Peter Bolz.

Brunel-Experten prüfen bis zu 1000 Stunden

Anfang Mai hat die Firma eine 4.915 qm große Halle am Fränkischen Friedhof 1 im Gewerbegebiet Wickede-Süd bezogen. Der im Vergleich zu Dortmund mehr als 1000 qm kleinere Bochumer Standort ist komplett aufgegeben worden.

„Mit unserem Umzug an den neuen Dortmunder Standort bauen wir unser Geschäft mit Test und Validierungsdienstleistungen für die Fahrzeugindustrie massiv aus“, erläutert Peter Bolz. „Diese Investitionen in Infrastruktur, Portfolio und Digitalisierung ist – erst recht in Zeiten des Umbruchs – eine bewusste strategische Entscheidung.“

Insgesamt 30 graue Klimakammern stehen in zwei Reihen in der riesigen Halle. „Jede ist programmierbar und fährt dann die vorgegebenen Feuchtigkeits- und Temperaturprofile nach. Wir prüfen streng nach den vorgegebenen Werksnormen“, sagt Peter Bolz.

Und weil für viele Bauteile - etwa für alle Stoßdämpfer-Komponenten - Dauerbelastungstest vorgeschrieben sind, sind die Klimakammern oft tagelang belegt. Die Prüfungen dauern 140 Stunden, manche sogar bis zu 1000 Stunden.

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Wenn alle Teile so extrem und so lange getestet werden, bevor sie in Autos verbaut werden, wieso kommt es hin und wieder dennoch zu Rückrufaktionen. „Wir testen die einwandfreie Funktion und Lebensdauer der Bauteile, bevor die Serienproduktion anläuft“, antwortet Peter Bolz. Rückrufaktionen entstünden häufig aus Qualitätsproblemen, die in der anschließenden Serienproduktion, also der Produktion von mehreren hunderttausend Einheiten pro Tag, entstehen.

„Vor allem die Prüfung von Scheinwerfern ist ein ganz wichtiges Geschäft für uns. Denn über das Design der Scheinwerfer läuft ein wesentlicher Teil des Faceliftings der Automodelle“, sagt Peter Bolz. Wie man sich denken kann, muss die Lichttechnik des Autos nicht nur winterfest und hitzebeständig sein, sie muss auch Erschütterungen aushalten. Dazu verfügt die Brunel Car Synergies GmbH über fünf riesige, schalldichte Shaker-Kabinen für hochfrequente Schwingungen, in denen Vibrationsbelastungen simuliert werden.

Nach der Corona-Krise „wird das Geschäft explodieren“

Dass Peter Bolz die Tür zu einer Shaker-Kabine gerade öffnen und die Versuchsanordnung zeigen kann, hat mit der Corona-Krise zu tun. Normalerweise sind die Kabinen meist rund um die Uhr in Betrieb, derzeit allerdings gibt es weniger Aufträge.

Der Geschäftsführer betrachtet das allerdings als temporäres Tief, das den vor der Corona-Krise gestarteten Transformationsprozess der Fahrzeugbranche nicht aufhalten werde: „Vor der Pandemie war es das Ziel der Hersteller, verstärkt an Elektro- und Hybridantrieben zu arbeiten – dies werden sie weiterhin tun. Nun jedoch unter strengen Auflagen zum Gesundheitsschutz, mit gedrosselter Produktion und lückenhaften Lieferketten.“

Die Messtechniker und Ingenieure haben alles im Blick. In dem Entwicklungs- und Prüfzentrum von Brunel Car Synergies testen sie vor allem Bauteile für Autos.

Die Messtechniker und Ingenieure haben alles im Blick. In dem Entwicklungs- und Prüfzentrum von Brunel Car Synergies testen sie vor allem Bauteile für Autos. © Peter Wulle

Peter Bolz ist sicher, dass die neuen Modelle der Automobilindustrie wie geplant auf den Markt kommen werden. Sein Fazit: „Mobilität ist wichtig. Das Geschäft wird wieder explodieren. Das habe ich schon nach der Finanzkrise 2009/10 mitgemacht. Ob Hersteller oder Zulieferer: Die Unternehmen der Fahrzeugindustrie müssen nun flexibler denn je agieren, was externe Dienstleister wie uns zu einer wichtigen Säule der Branche machen wird.“

Man sei daher froh, in unmittelbarer Nähe zum Flughafen in Dortmund einen Standort gefunden zu haben, an dem noch reichlich Platz für weitere Prüfanlagen und auch für weit mehr als 45 Beschäftigte ist.

Das Unternehmen

Entwicklungszentrum mit Prüflabor

  • Brunel Car Synergies ist eine Tochterfirma des bundesweit vertretenen Ingenieurdienstleisters Brunel GmbH. Die Firma arbeitet seit mehr als 20 Jahren auf werkvertraglicher Basis vornehmlich für die Fahrzeugindustrie und darüber hinaus für Unternehmen der Agrar- und Schienenverkehrstechnik sowie der Luft- und Raumfahrt.
  • Brunel Car Synergies ist ein Entwicklungszentrum mit akkreditiertem Prüflabor. Messtechniker und Ingenieure arbeiten gemäß mehrerer hundert Normen und Spezifikationen, führen Betriebsfestigkeitsprüfungen durch und erbringen unter anderem Nachweise für Rüttel- und Vibrationsbelastungen oder Klimaauswirkungen.
  • Die Brunel GmbH ist Teil der Unternehmensgruppe Brunel International N.V., die mit mehr als 13.000 Mitarbeitern an 120 Standorten in 46 Ländern aktiv ist.
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