Neue Perspektiven für die Nordstadt

Interview mit Ludwig Jörder

Jahreswechsel ist Anlass Bilanz zu ziehen – auch in der örtlichen Politik. Oliver Volmerich hat dazu mit den Bezirksbürgermeistern der drei Innenstadt-Bezirke gesprochen. Zum Abschluss: Der SPD-Politiker Dr. Ludwig Jörder, Bezirksbürgermeister in der Innenstadt-Nord.

NORDSTADT

, 30.12.2016 / Lesedauer: 5 min
Neue Perspektiven für die Nordstadt

60.000 Einwohner zählt die Nordstadt zwischen Hafen (oben links) und der Westfalenhütte mit dem Quartier rund um den Borsigplatz (rechts). Sie ist der internationalste Stadtbezirk in Dortmund.

Die Nordstadt gilt für viele als das Problemquartier der Stadt. Neulich wurde die Nordstadt in einem ZDF-Beitrag als kommendes In-Viertel mit großem Potenzial als Wohnstandort gewürdigt. Sehen Sie mehr Probleme oder mehr Chancen?

Die Chancen werden größer, wenn man die Probleme angeht. Ich teile durchaus die Ansicht, dass es viele Chancen gibt. Die Nordstadt hat hochinteressante Wohnquartiere, in denen viele Leute gerne wohnen. Es gibt eine große Vielfalt. Die Nordstadt ist ja eine mittlere Kleinstadt mit fast 60 000 Einwohnern. Insgesamt gibt es gute Möglichkeiten für eine positive Entwicklung. Der Oberbürgermeister hat ja mal von einem Kreuzviertel eigener Art gesprochen. Das gefällt mir, wenn man „eigener Art“ unterstreicht. Es gibt ja durchaus Parallelen etwa mit der Jugendstil-Bausubstanz mit den Ursprüngen als Wohnquartier für nahe Industriebetriebe, mit einer ansprechenden Architektur. Das kulturelle Angebot hat sich toll entwickelt. Aber es gibt halt auch viele Probleme, um die man sich kümmern muss.

Schauen wir mal in die Quartiere. Der Hafen ist mit Verkehrsproblemen verbunden. Haben Sie die Hoffnung, dass sich mit dem Verkehrskonzept Hafen etwas verbessert?

Es sind ja erst einmal kleine Maßnahmen umgesetzt. Wobei die Probleme des Hafenverkehrs ja nicht nur das Hafen-Viertel betreffen, sondern das durchzieht in Ost-West-Richtung den ganzen Stadtteil. Zumindest gibt es jetzt Perspektiven und Bewegung in der Sache, wenn ich an die Nordspange von der Brackeler Straße zum Hafen denke. Es läuft die Untersuchung zum Anschluss der Westfaliastraße an die Hafenbrücke. Wir legen großen Wert darauf, dass die Anbindung des Hafens in erster Linie an die dafür vorgesehenen Fernstraßen, also über die OWIIIa, erfolgt und nicht mitten durch den Stadtteil. Da muss sich noch viel ändern. Aber das ist jetzt angestoßen.

Auf der anderen Seite bietet der Hafen viele Arbeitsplätze und viel Potenzial. Vor allem für die Speicherstraße gibt es große Pläne. Teilen Sie die Hoffnungen, die damit verbunden sind?

Ja. Man hat den Eindruck, dass es jetzt zum ersten Mal Chancen auf Realisierung hat. Ich finde toll, welche Entwicklung das nimmt. Auch unter dem Aspekt der Wirtschaftsförderung. In der Speicherstraße sollen ja interessante Unternehmen angesiedelt werden. Ich würde mich nach wie vor freuen, wenn man etwas aufgeschlossener an das Wohnen heranginge und an das Thema Freizeitschifffahrt.

Bei beiden gibt es ja die Sorgen, dass es die industrielle Nutzung des Hafens einschränken könnte…

Ja. Aber man sollte es zumindest prüfen, ob es möglich ist. Was würde etwa passieren, wenn man auf den schönen neuen Gebäuden, die an der Speicherstraße entstehen sollen, auch Wohnungen hätte? Darüber würde ich zumindest gern mal nachdenken.

Das Quartier Nordmarkt gilt als besonderes Sorgenkind. Stichworte Drogen- und Alkoholiker-Szene, Zuwanderer aus Südost-Europa, Arbeiter-Strich und Problemhäuser. Kann die Politik da überhaupt etwas bewirken?

Wir können da nur Bewusstsein schaffen. Wir können auf bezirklicher Ebene nicht selbst für Sicherheit sorgen, aber wir haben es, denke ich, gerade auch in diesem Jahr stark in den Fokus gerückt. Es gibt ja in der Kriminalstatistik durchaus erfreuliche Entwicklungen. Aber das allein beruhigt die Leute nicht, wenn es statt 100 Überfällen nur noch 90 gibt. Was wir auch begrüßen, ist die Bündelung der Aktivitäten bei Polizei und Staatsanwaltschaft. Wir hatten bislang immer den Eindruck, die Polizei tut, was sie kann, aber im Übergang zur Justiz gibt es dann Probleme.

Wie läuft es mit dem Quartiersmanagement, das ja auf neue Beine gestellt wurde?

Das funktioniert weiterhin gut. Was neu ist, ist der Schwerpunkt Immobilienentwicklung. Das ist in der Tat ein wichtiges Thema für uns. Die Liste der Problemhäuser wird etwas kürzer, das Bewusstsein dafür größer. Die kaputten Strukturen zerschlagen und Investitionen ermöglichen, das sorgt dafür, dass sich Chancen für die Nordstadt als attraktives Wohnquartier entwickeln. Dazu gehören auch Sicherheit und Sauberkeit im Umfeld.

Am Borsigplatz gibt es ebenfalls Probleme. Welche Hoffnungen haben Sie mit Blick auf neue Bauflächen auf dem südwestlichen Zipfel der Westfalenhütte?

Davon erwarten wir uns viel. Da entsteht ja eine große Zahl an schönen, neuen Wohnungen. Es kann das Problem der Nahversorgung für das Viertel gelöst werden, wenn ein Supermarkt angesiedelt wird. Das alles wird einen sehr positiven Einfluss auf die Gesamtsituation des Borsigplatz-Quartiers haben. Dazu gehört ja als Naherholungsgebiet auch der Hoeschpark. Da muss sich viel tun. Da ist es gut, dass die Betriebsführung und Strategie jetzt in einer Hand zusammengeführt werden. Jetzt muss man Konzepte entwickeln und Probleme beseitigen wie die häufigen Überschwemmungen des Wäldchens. Ganz wichtig ist: Für das Freibad Stockheide muss eine neue Lösung für den Eingang und die Zuwegung gefunden werden.

Zumindest scheint eine Schließung kein Thema mehr zu sein…

Der Bestand wird auf Dauer aber nur gesichert, wenn man das Problem der Erreichbarkeit löst. Da kann dann auch die Nordspange helfen, um eine vernünftige Anbindung zu schaffen. Aber das alles muss in ein Gesamtkonzept eingebunden werden.

Was erhoffen Sie sich vom Nordwärts-Projekt?

Es wird zunächst einmal Bewusstsein dafür geschaffen, dass es im Ruhrgebiet ein Nord-Süd-Gefälle gibt und dass man aktiv etwas tun muss, um das zu verringern. Man muss dann natürlich alle Nordwärts-Projekte daran messen, ob sie einen Beitrag dazu leisten. Das würde ich zurzeit nicht für 100 Prozent so sehen. Besonders wichtig ist da der Bildungsbereich. Wir haben tolle Schulen und Kitas.

Aber die Versorgungsquote bei den Kitas reicht noch nicht aus…

Da haben wir im Vergleich zu anderen Stadtteilen weiterhin die schlechteste Versorgung. Da müssen wahnsinnige Anstrengungen gemacht werden, damit das nicht noch größer wird statt kleiner. Da ist das Problem, genügend Flächen zu finden. Ein wichtiger Maßstab für das, was wir machen, ist ja: Wollen die Leute wegziehen oder wollen sie bei uns bleiben? Das ist die zentrale Frage. Wir sind gerne Stadtteil des Ankommens, aber wir möchten auch gerne ein Stadtteil des Bleibens sein. Da spielt für junge Familien die Frage des Schul- und Kita-Angebots eine große Rolle. Schulen und Kitas leisten eine tolle Arbeit. Die Frage ist aber, ob nicht der Personalschlüssel noch stärker auf die Besonderheiten in der Nordstadt und die Förder-Notwendigkeiten abgestellt werden muss.

Im nächsten Jahr beginnt die Sanierung des Hauptbahnhofs, in diesem Jahr gab es eine Planungswerkstatt für die Bahnflächen im Norden. Glauben Sie noch daran, dass die Nordseite des Bahnhofs mal zur Schokoladenseite wird?

Da habe ich keinen Zweifel daran, auch wenn es noch einige Zeit dauern wird. Die Entwicklung im Norden des Bahnhofs ist eine Riesen-Chance, zumal große Flächen da sind. Ein Vorteil ist sicherlich, dass der Busbahnhof wegkommt und auf den Bahndamm kommt – ob er überhaupt am Hauptbahnhof sein muss, ist eine andere Frage. Ein Aspekt ist, dass das ganze Viertel Westerbleichstraße jetzt schon große Parkdruck-Probleme hat. Da muss auch die Frage des Anwohnerparkens endlich untersucht werden. Dazu gehört auch, dass man prüft, was die Anwohner davon halten.

Eines der jüngsten Projekte ist die Fusion der Sportplätze am Fredenbaum.

Da ist es sehr schön, dass wir eine Lösung gefunden haben mit der Zusammenführung an der Lindenhorster Straße, wo der Platz nun Kunstrasen bekommt und insgesamt saniert wird. Und wir bekommen bei der Gelegenheit eine attraktive Senioren-Wohnanlage am Fredenbaum – mit ein oder sogar zwei Kitas.

Und wie fällt Ihre Jahresbilanz insgesamt aus?

Erst einmal war es ein relativ normales Jahr mit vielen schönen Veranstaltungen. Gut ist, dass sich einige neue Perspektiven ergeben haben etwa mit Blick auf die Entwicklung am Hafen, an der Westfalenhütte oder am Hauptbahnhof. Da ist viel Positives in Bewegung gekommen. Dafür braucht man natürlich den langen Atem. Der Bürger wird das erst wirklich honorieren, wenn es etwas zu sehen gibt.

Ludwig Jörder (70) kann auf eine lange politische Erfahrung zurückgreifen. L Der Jurist war von 1977 bis 1985 für die SPD schon Mitglied des Rates. Von 1985 bis 2011 war er Chef der Westfalenhallen GmbH. Seit 2014 ist der SPD-Politiker, der mit Bürgermeisterin Birgit Jörder verheiratet ist, Bezirksbürgermeister für die Innenstadt-Nord.

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