Neue Software bei der Polizei: Kollege Computer sagt den Tatort von morgen voraus

rnKampf gegen Einbrüche

In Steven Spielbergs Science-Fiction-Thriller „Minority Report“ kann die Washingtoner Polizei im Jahr 2054 Morde vorhersagen. Die Dortmunder Polizei macht das jetzt mit Einbrüchen.

Dortmund, Lünen

, 19.01.2019, 04:43 Uhr / Lesedauer: 3 min

Mit „Minority Report“ aus dem Jahr 2002 landete US-Regisseur Steven Spielberg einen Kino-Hit: In dem Science-Fiction-Thriller kann die Polizei in Washington mittels Präkognition die Morde in der Hauptstadt vorhersagen. In der Rolle des Ermittlers John Anderton nimmt Hauptdarsteller Tom Cruise die Täter fest, bevor sie morden. Das ist ausgesprochen angenehm für die Opfer. Mit Medikamenten präparierte und hellseherischen Fähigkeiten ausgestattete „Precogs“ geben der Polizei in dem Hollywood-Streifen die entscheidenden Hinweise.

Seit Anfang Januar arbeitet auch die Dortmunder Polizei mit Tatort-Prognosen. Zwar anders, aber erfolgreich. Das „Gehirn“ dafür arbeitet in einem Computer des Landeskriminalamtes in Düsseldorf.

Nur 2 statt der erwarteten 15 Einbrüche fanden statt

Bei einem Testbetrieb im Dezember 2018 zählte die Kriminalpolizei im Präsidium tatsächlich bis zu 15 Einbrüche in prognostizierten Bezirken. Das Verfahren: Das LKA sagt montags voraus, wo in den kommenden sieben Tagen Einbrecher zur Tat schreiten werden.

Nach nur zwei Wochen Echtbetrieb im neuen Jahr steht fest: Mit dem von Computern errechneten Wissen kann die Polizei durch Präsenz in gefährdeten Bereichen die Einbruchszahlen weiter senken. Wo 15 Einbrüche zu erwarten gewesen wären, gab es nur 2. Kriminaldirektor Bernd Scholz ist zuversichtlich, den Rückgang der Fallzahlen insgesamt beschleunigen zu können.

Kurzer Prozess am Montagvormittag

Ein Besuch in einem Büro für Kriminalitätsanalyse im Polizeipräsidium. Anbau, zweite Etage. Kurz vor dem Ende eines langen Behördenflures machen Kriminalhauptkommissar Christian Esser und Kriminaloberkommissarin Angela Cramer immer montags innerhalb von 60 Minuten mit Einbrechern „kurzen Prozess“: Eine E-Mail aus dem Landeskriminalamt (LKA) trifft am Vormittag ein und informiert darüber, dass auf einem Computerlaufwerk im Intranet der Polizei die neue Dortmund-Datei eingetroffen ist. Angela Cramer öffnet die Datei mit der Skala-Software. Skala steht für „System zur Kriminalitätsanalyse und Lageantizipation“. Frei übersetzt: Skala ist eine Glaskugel. Was sie sagt, stimmt.

Sofort baut sich am Monitor ein elektronischer Stadtplan mit meist elf markierten Wohnquartieren auf: In diesen elf Bezirken sollen die Einbrecher in der neu angefangenen Kalenderwoche zuschlagen. Die Kriminaloberkommissarin leitet die Geodaten als PDF an die Wachen in Dortmund und Lünen weiter. Nach wenigen Minuten ist bei Angela Cramer und Christian Esser wieder Alltag: Fälle analysieren, Zusammenhänge erkennen, das Bauchgefühl und Fachwissen zusammenführen. In der dritten Kalenderwoche 2019 waren es diese Stadtteile, in denen Einbrecher laut Skala-Prognose arbeiten sollten:

  • Obernette
  • Oespel
  • Brünninghausen
  • Holzen
  • Sommerberg
  • Aplerbecker Mark
  • Innenstadt-Süd
  • Kirchderne
  • Lünen-Süd

Streifenteams und Bezirksdienste schrecken die Täter ab

Neue Software bei der Polizei: Kollege Computer sagt den Tatort von morgen voraus

Eine Einbruchsspur an einem aufgebrochenen Fenster: Schlecht gesicherte Fenster können Einbrecher in weniger als 20 Sekunden knacken. © Peter Bandermann

Nach den ersten Erkenntnissen im Januar 2019 arbeitet das System in Dortmund so zuverlässig, dass die Polizei damit noch 2019 auch Raubstraftaten vorhersagen lassen will. Bis 2020 soll die Software auch Pkw-Aufbrüche und -Diebstähle und sogar Farbschmierereien erfassen. „Skala ist ein Instrument zur Prävention“, erklärt Bernd Scholz. Die Polizei könne die digitalen Recherche-Ergebnisse nutzen, um Straftaten zu verhindern. Doch das Büro für Kriminalitätsanalyse liefert nicht alle Daten an die Wachen. Aus einem besonderen Grund.

Banden im Visier

„Damit uns die Streifenteams nicht in die Quere kommen“, verrät Angela Cramer. Denn die Kriminalpolizei will Einbrecher nicht nur von den Taten abhalten, sondern sie auch identifizieren und festnehmen. Wenn sie Wohnbezirke ausbaldowern. Dann sollen sie sich unbeobachtet fühlen und nicht von Streifenwagen bei der Arbeit gestört werden – während Zivilfahnder auf der Lauer liegen. Längst ist bekannt: Banden schicken ihre Späher in die Stadtteile. Sie durchsuchen Facebook-Profile nach verräterischen Fotos, die potenzielle Beute zeigen, und analysieren Nachbarschaften, um Komplizen lukrative Anschriften zuzuspielen.

Entscheidend ist für sie auch die Gesamtoptik eines Hauses: Welche Autos stehen vor der Garage? Wie wuchtig ist der Grill auf der Terrasse? Was ist da wohl zu holen? Wer kann die Tat beobachten? Gibt es gute Fluchtwege? Ermittler wissen, worauf Einbrecher achten. Sie sammeln Daten über Banden und erstellen Profile, mit denen die Polizei zum richtigen Zeitpunkt große Tätergruppen hochgehen lassen und Serien aufklären kann. Dafür sitzen die zivil gekleideten Ermittler nicht nur in Autos am Straßenrand. Wo denn noch? Angela Cramer grinst. „Sagen wir nicht.“

Das Wanderungsverhalten der Täter

Der Einsatz der Skala-Software habe schon in den ersten Tagen den erwarteten Verdrängungseffekt gezeigt. „Die Täter sehen uns und lassen von der Tat ab, tauchen aber 100 bis 200 Kilometer von Dortmund entfernt wieder auf“, berichtet Bernd Scholz. Immer mehr Bundesländer setzen Software ein, die Daten über das „Wanderungsverhalten“ von Einbrechern sammelt. Computer gleichen Erkenntnisse der Kriminalpolizei mit den Sozialdaten aus den Wohnvierteln ab, um daraus die Prognosen abzuleiten. Riesige Datenbanken vermengen die Informationen und übertragen sie auf die Stadtpläne.

Früher mit Stecknadeln

Den Verstand und das Bauchgefühl ersetze Skala aber nicht, sagt Kriminalhauptkommissar Christian Esser, der früher noch Stecknadeln in Stadtpläne gesteckt hat, um Tatorte zu markieren: „Wir stochern immer überall herum. Wenn wir Verschiebungen von Tatorten erkennen, geben wir diese Information schon lange an die Kommissariate und Wachen weiter. Skala ist uns dabei ein wirklich gutes Hilfsmittel. Aber es ersetzt kriminalpolizeilichen Sachverstand nicht.“

Ob die Polizei in Dortmund jemals Morde vorhersagen kann? Eine belastbare Aussage gab es dazu im Polizeipräsidium nicht. Dafür gibt es Hollywood und den Minority Report.

Einbrecher: Typen und Tipps gegen sie
  • Banden: Einbrecherbanden gehen planvoll vor. Aufgaben sind aufgeteilt. Sie sind innerhalb Europas mobil.
  • Drogenabhängige: Sie arbeiten spontan, um Beute schnell zu verkaufen und Drogen bezahlen zu können.
  • Mechanischer Schutz: Türen und Fenster austauschen oder nachrüsten. Viel Licht schreckt Täter ab. Weitere Tipps bei der Polizei.
  • Datenschutz: Anschrift nicht bei Facebook veröffentlichen. Fotos etc „nicht öffentlich“ posten.
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