Stefan und Sarah sind schwer drogenabhängig, als sie erfahren, dass sie Eltern werden. Sie entscheiden sich für das Kind. Doch ihr Sohn muss direkt nach der Geburt einen Entzug durchmachen.

Dortmund

, 05.12.2018, 17:00 Uhr / Lesedauer: 6 min

Ein Kind zu kriegen, das war für Stefan (39) und Sarah (29) lange unvorstellbar. So unvorstellbar, wie einen geregelten Alltag zu haben. Arbeiten zu gehen. Überhaupt, eine Zukunft zu haben.

Stefan und Sarah waren Junkies. Drogenabhängig. So schwer, dass es eigentlich kaum einen Weg heraus gab. Sie haben gestohlen und sie haben gebettelt. Sie waren obdachlos und in den vergangenen 15 Jahren selten nüchtern. Stefan und Sarah waren ganz unten. Manchmal, da glauben sie, dass sie es immer noch sind.

Ein Kind, das sie verändern könnte

Aber dann kam der März 2017. Und eine Nachricht, die ihr Leben tatsächlich ändern sollte. Sarah war schwanger. Und tief in ihrem Herzen spürten die beiden, dass dieses Kind sie verändern könnte. Sie suchten sich Hilfe, lernten das Angebot „Start mit Stolpern" am Klinikum Dortmund kennen und zum ersten Mal in ihrem Leben hatten sie einen Grund, sich mit aller Macht gegen ihre Sucht zu wehren.

Heute ist Noah 13 Monate alt. Er ist ein ziemlich lebendiger Junge. Und abgesehen von den ersten schweren Wochen seines Lebens ist er ein gesundes Kind. Wer es nicht besser wüsste, der würde Stefan, Sarah und Noah für eine ganz normale Familie aus Dortmund halten. Aber der Weg dahin war alles andere als einfach – und er ist noch nicht zu Ende.

Der Weg in den Strudel der Sucht

Die Geschichten von Stefan und Sarah ähneln sich. Es sind die Geschichten von zwei Menschen, die bislang nicht besonders viel Glück hatten, die an die falschen Menschen gerieten, falsche Entscheidungen trafen – und irgendwann nicht mehr rauskamen aus dem Strudel der Sucht.

Stefan ist 15, als er das erste Mal kifft. Und nicht viel älter, als er beginnt, Heroin auszuprobieren. Seine Eltern trennen sich, als er fünf ist. Mit dem Stiefvater kommt er nicht klar, also haut er immer wieder von zu Hause ab. Auf der Straße lernt er Menschen kennen, die ihm das Beste versprechen und ihm das Gegenteil geben. Ein paar Jahre geht das so, dann kommt Stefan für eine Weile von den Drogen los.

„Ich habe für mich nicht den Sinn des Lebens gesehen.“
Stefan

Als er Anfang 20 ist, stirbt seine Mutter. „Und dann ging es erst richtig los“, sagt er. Er nimmt Medikamente, alle möglichen Drogen. Wenn er nicht schläft, dann säuft er. 15 Jahre geht das so. Drei Therapien macht er in der Zeit, aber danach wird er jedes Mal wieder rückfällig. „Ich habe für mich nicht den Sinn des Lebens gesehen“, sagt er. Für ihn habe alles sich einzig und allein darum gedreht, wo er seinen Stoff herbekommt. „Ich war immer auf der Jagd“, sagt er.

Erst Bier und Mariuhana, dann Heroin und Koks

Neben ihm sitzt Sarah. Sie nickt. Sie weiß zu gut, wovon er redet. Elf ist sie, als sie mit dem Kiffen anfängt. Noch ein bisschen jünger, als sie hier und da mal zum Bier greift. Mit 16 kommen die Amphetamine, mit 17 Heroin und Koks. Ihre Mutter ist alleinerziehend, eigentlich nie zu Hause. „Ich war immer auf mich allein gestellt“, sagt Sarah. „Ich musste mein Essen selbst machen und wenn es nur eine Schüssel Cornflakes war.“

Irgendwann beginnt sie eine Ausbildung, bricht sie aber wieder ab. Geld hat sie kaum und wenn, dann braucht sie es für die Drogen. Sie fängt an zu klauen. In manchen Supermärkten könne sie sich bis heute nicht sehen lassen, weil die Sicherheitsleute dort wüssten, wer sie sei. Sarah wird mehrfach erwischt, bekommt vor Gericht eine Bewährungsstrafe wegen Ladendiebstahls. Auch Stefan ist, kurz bevor die beiden von ihrem Kind erfahren, auf Bewährung. Auch er hat geklaut, musste sich zudem wegen Schwarzfahrens und Drogenbesitzes verantworten.

Das Kennenlernen beim Substitutionsarzt

Bis zu ihrer Schwangerschaft hat Sarah 18 Entgiftungen mitgemacht. Keine davon hat etwas gebracht. Zumindest vom Heroin kommen Sarah und Stefan weg, sie werden substituiert. Das heißt, sie bekommen als Teil einer Therapie Methadon als Ersatzstoff für ihre Heroinabhängigkeit verschrieben. Sie haben beide den gleichen Arzt – und lernen sich dort kennen.

Zu dieser Zeit haben sie beide kein Zuhause, leben ein paar Wochen auf der Straße, betteln in der City, um ein paar Euro zu bekommen. Irgendwann finden sie eine Wohnung, bekommen eine Erstausstattung finanziert, „aber unser Lebensstil hat sich nicht geändert“, sagt Sarah. Als sie erfährt, dass sie in der siebten Woche schwanger ist, ist sie schwer kokainabhängig und substituiert. Stefan hat vor allem ein schweres Alkoholproblem.

Geplant ist das Kind nicht. Im Gegenteil. Wie, denken sie, sollen wir denn ein Kind groß ziehen? Mit 17, erzählt Sarah, sei sie schon einmal schwanger gewesen. Damals habe sie abgetrieben. Aber zehn Jahre später ist da, trotz dieses Scherbenhaufens, der ihr Leben sein soll, eine innere Stimme, die ihr sagt, dass sie das Kind behalten sollte. Stefan und Sarah gehen zur Schwangerschaftsberatung, dann zur Drogenberatung. Dort erfahren sie von einem Konzept, das „Start mit Stolpern“ heißt.

Zur Sache

Das Präventionskonzept Start mit Stolpern

Noah musste direkt nach seiner Geburt einen Entzug durchmachen

Das Logo von Start mit Stolpern

Start mit Stolpern gibt es seit 2002 an der Dortmunder Kinderklinik. Jährlich werden zwischen 180 und 230 Kinder und Familien betreut. Drei Mitarbeiterinnen betreuen das Konzept: Anja Krauskopf (Dipl. Pädagogin), Katja Golin (Staatl. Anerkannte Sozialarbeiterin) und Sandra Borgers (Dipl. Sozialarbeiterin). Start mit Stolpern befasst sich vor allem mit Familien, in denen die Eltern ein Suchtproblem haben, psychiatrische Vorerkrankungen oder wenn es Misshandlung und Vernachlässigung geht. Die Eltern werden individuell beraten und über Hilfeangebote informiert. Start mit Stolpern wird über das Jugendamt mitfinanziert. Seit 2018 ist es eine Regelförderung.

Dieses Konzept an der Kinderklinik des Dortmunder Klinikums richtet sich an drogenabhängige Schwangere und Familien und hilft ihnen, sich auf das Leben mit Kind vorzubereiten und vor allem auf die ersten Wochen, in denen das Baby einen Entzug durchmachen muss. Stefan und Sarah lernen Sozialarbeiterin Sandra Borgers kennen und bekommen eine erste Ahnung davon, was ein Leben mit Kind für sie bedeuten könnte.

Die Entscheidung für das Kind

Ein paar Tage später entscheiden sie, dass sie Eltern werden wollen. „Wir haben auf die U-Bahn gewartet und uns gefragt: Was machen wir jetzt?“, erzählt Sarah. „Und dann haben wir uns die Antwort selbst laut gesagt: Wir werden Eltern.“ Trotzdem bleiben viele Fragen, viele Ängste.

Wenn sie Eltern sein wollen, das wissen sie beide, dann müssen sie von den Drogen wegkommen. Sie gehen zur Entgiftung, dann gemeinsam in Therapie. Stefan ist nun seit eineinhalb Jahren komplett clean. Sarah ist noch nicht ganz so weit. Sie nimmt noch Methadon, schafft es aber, die Dosis nach und nach zu reduzieren.

Die Schwangerschaft als Probe

Eigentlich sollte Sarah das Kind in der Nähe der Therapieeinrichtung in Süddeutschland bekommen, doch sie fühlt sich nicht wohl dort, sehnt sich nach einer Geburt in Dortmund. Sandra Borgers und ihre Kolleginnen helfen, wo sie helfen können. Organisieren alles so, dass Sarah ihr Baby im Klinikum zur Welt bringen kann.

Sie führen viele Gespräche mit den werdenden Eltern und sie stellen noch während der Schwangerschaft einen Kontakt zum Jugendamt her. Sarah und Stefan möchten nicht, dass ihnen das Kind weggenommen wir. „Wir wollten begleitet werden. Wir wollen uns wirklich verändern“, sagt Sarah.

Die Schwangerschaft, sagt Sandra Borgers, sei für die betreuten Eltern immer so etwas wie eine kleine Probe. Wenn sie alles mitmachen, dann brauchen sie nichts befürchten. Sarah und Stefan, sagt Borgers, seien zu jedem Termin pünktlich gekommen, immer ehrlich und offen gewesen. Das habe alles sehr erleichtert. Sie habe es häufig genug anders erlebt, sagt Borgers. „Die beiden sind sehr reflektiert. Das erleben wir selten.“

Der Entzug nach der Geburt

Als Noah im November 2017 per Kaiserschnitt auf die Welt kommt, ist er 50 Zentimeter groß und 3010 Gramm schwer. Die ersten zwei Wochen seines Lebens sind seine bislang schwersten. Denn während der Schwangerschaft hat Sarah weiter Methadon genommen, das auch das Baby mitaufgenommen hat.

Ein Entzug während der Schwangerschaft wäre zur risikoreich gewesen – für die Mutter und für das Kind. Denn das hätte zu einer Fehlgeburt und später zu vorzeitigen Wehen führen können. Zudem ist ein Entzug äußerst schmerzhaft. Noah kommt darum nicht herum. Denn mit seiner Geburt ist er automatisch auf Entzug, weil er jetzt das Methadon, das er im Mutterleib aufgenommen hat, nicht mehr bekommt.

„Wenn die Eltern da sind und viel kuscheln, ist der Entzug viel leichter.“
Sandra Borgers

Er ist zittrig, unruhig, schreit schrill. Wie groß seine Schmerzen sind, weiß niemand so genau. Mit einem Medikament, das nach und nach abgesetzt wird, wird Noah behandelt. Was ihm aber vor allem hilft, ist die Liebe und Zuneigung seiner Eltern. „Wenn die Eltern da sind und viel kuscheln, ist der Entzug viel leichter“, sagt Sandra Borgers.

Schon während der Schwangerschaft hat sie Sarah eine Spieluhr geschenkt, die sie auf ihren Bauch gelegt hat. Als Noah auf der Welt war, konnte sie ihn mit der Musik beruhigen. Auch das gehört zum Konzept von „Start mit Stolpern“. Stefan weiß, wie sehr der Körper unter einem Entzug leidet. Sich vorzustellen, dass sein Sohn das durchmachen muss, tut ihm selbst weh. Nach zwei Wochen hat Noah das Schlimmste überstanden. Er ist gesund, bleibende Schäden hat er wahrscheinlich nicht. Dennoch ist er, durch diese frühe Suchterfahrung, gefährdeter als andere Menschen, selbst einmal drogensüchtig zu werden.

„Ich bin so glücklich darüber“

Mit der Entlassung aus dem Krankenhaus endet die Betreuung von Sandra Borgers und ihrem Team. Aber Sarah und Stefan halten weiterhin sporadisch Kontakt, rufen immer mal wieder an, wenn sie eine Frage haben.

Auf sich allein gestellt sind sie aber auch nach der Geburt nicht. Die Familie lebt im ambulant betreuten Wohnen. Sarah und Stefan haben beide einen Betreuer, der nach ihnen sieht. Eine Familienhebamme hilft ihnen bei der Erziehung von Noah. Stefan hat mittlerweile sogar einen Zwei-Euro-Job. „Manchmal kann man es selbst nicht fassen“, sagt er.

Noah geht zu einer Tagesmutter, er kann schon laufen und brabbelt die ersten Worte. „Unser Kind hat wirklich Hummeln im Hintern“, sagt Sarah. Sie schweigt kurz, dann fügt sie leise hinzu: „Ich bin so glücklich darüber.“

Die Angst vor dem Rückfall

Angst vor einem Rückfall haben Sarah und Stefan nicht. Zumindest im Moment nicht. „Aber wir haben das immer im Hinterkopf“, sagt Sarah. Manchmal, da reiche ein Gedanke und es gehe ganz schnell zurück. „Aufbauen dauert lange“, sagt Stefan, „aber das Kaputtmachen geht schnell.“

„Ich fange jetzt erst an zu leben.“
Sarah

Noah, sagt Stefan, habe ihm den Sinn des Lebens gezeigt, den er so lange gesucht habe. Und als er das sagt, spricht nicht der Mann, der auf der Jagd nach dem nächsten Kick ist, sondern ein Vater, der seine Familie sehr liebt. „Wir haben uns radikal geändert“, sagt er. Und trotzdem falle es ihnen noch immer schwer, sich richtig in der Gesellschaft einzuordnen, sich nicht mehr als das zu sehen, was sie einmal waren. „Wir haben uns den Stempel selbst aufgedrückt – den wird man so schnell nicht los“, sagt er.

Vom Junkie zur Mutter

Mit dem, was war, abzuschließen, das ist gerade ihre größte Herausforderung. „Es war viel Elend dabei“, sagt Sarah. „Aber jetzt bin ich kein Junkie mehr. Jetzt bin ich eine Mama.“ Es sei nie zu spät, neu anzufangen. Aber wenn man etwas ändern wolle, dann müsse man sich Hilfe holen. Anders gehe es nicht.

Dann erzählt sie von ihrem Sohn, wie sie manchmal Probleme habe, ihn zum Einschlafen zu bringen, dass es gar nicht so einfach sei, auch als Paar noch Zeit zu finden. Sie erzählt von Problemen, die alle Eltern kennen. Und während sie das sagt, rollen dicke Tränen über ihre Wangen. Sie sei jetzt 29 Jahre alt. „Und erst jetzt fange ich an zu leben.“

Die Namen in dieser Geschichte haben wir zum Schutz der Familie geändert.
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