„Die Leute sind mir lieber als viele Deutsche“ – Nordmarkt ist der Orient-Basar der ganzen Region

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Dienstags und Freitags ist Nordmarkt-Tag. Schon um 6 Uhr herrscht auf dem Marktplatz reges Treiben. Die Nachfrage von Händlern und Kunden ist groß - auch, wenn sich nicht alle sicher fühlen.

Dortmund

, 07.02.2020, 04:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wäre es nicht so kühl, düster und klamm - man könnte sich gemütlich mit einer Tasse Kaffee an eine Hauswand lehnen und dem geschäftigen Treiben zuschauen. Denn los ist so einiges: Männer stecken scheppernde Zeltstangen ineinander oder karren kistenweise Obst mit Hubwagen heran, Frauen drapieren Textilien und Nüsse auf den Verkaufsständen. Doch wie gesagt: Es ist noch verdammt kühl und düster, morgens um 6.21 Uhr auf dem Nordmarkt.

„Die Leute sind mir lieber als viele Deutsche“ – Nordmarkt ist der Orient-Basar der ganzen Region

Bevor die Obst- und Gemüsekisten zu den Ständen transportiert werden, türmen sie sich am Straßenrand. © Michael Schuh

Es wäre übrigens ein Leichtes, die Idee mit dem Kaffee in die Tat umzusetzen. Cafés haben hier in aller Herrgottsfrühe ebenso geöffnet wie Kioske und eine Döner-Bude. Vor dem Diakonie-Kiosk ist sogar schon was los: Ab 6 Uhr halten hier die ersten Markthändler ein wärmendes Getränk in Händen. Der kleine Becher für 50 Cent. Eine bezahlbare Erholung.

Rund um den parkähnlichen Platz parken Kleinlaster und Transporter, aus deren Innerem die Händler ihre Waren holen: Fisch und Fleisch, Obst und Gemüse, Haushaltswaren, Schuhe, Taschen, Textilien.

Für ein wenig Helligkeit sorgen neben den Straßenlaternen auch die Werbeleuchten der angrenzenden Läden sowie die Ampeln an der Mallinckrodtstraße. Und natürlich die öffentliche Toilette, aus der bläuliche Strahlen nach außen dringen, die an die Rotlichtviertel von anderen Großstädten erinnern. In der Nordstadt ist eben vieles ein bisschen anders.

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Von den 80 Händlern, die hier dienstags und freitags ihre Waren feilbieten, kommen längst nicht alle aus Dortmund. Die Nummernschilder der Transporter verraten, dass der Nordmarkt auch bei Kaufleuten in Duisburg, Unna, Recklinghausen, ja selbst in Gelsenkirchen einen guten Namen besitzt. „Das liegt daran, dass die Leute hier nicht nur spazieren gehen, sondern auch verweilen“, sagt ein Verkäufer von Damentextilien. Verweilen bedeutet in diesem Zusammenhang: Geld ausgeben.

Da man hier, im Gegensatz zu vielen anderen Märkten der Region, offenbar noch etwas verdienen kann, sind fast alle Stellplätze belegt - sommers wie winters. Und wenn er mal im Urlaub sei, erklärt ein türkischer Gemüsehändler, dann gebe es genügend andere, die sich in dieser Zeit um seinen Platz bewerben. Marktwirtschaft im wortwörtlichen Sinne.

„Die Leute sind mir lieber als viele Deutsche“ – Nordmarkt ist der Orient-Basar der ganzen Region

Händler Sebastian Fischer kommt aus Hagen und hat schon auf so manchem Markt gestanden. Trotzdem - oder vielleicht gerade deshalb - schätzt er den Nordmarkt besonders. © Michael Schuh

Sebastian Fischer gehört zu denen, die einen festen Jahresplatz ihr eigen nennen: „Darauf musste ich lange warten.“ Während der Hagener den Stand aufbaut und darauf seine Waren platziert - die Palette reicht vom Duschgel über die Brotdose bis hin zur Bratpfanne („Nur 5 Euro - ein Schnäppchen!“) -, schildert er seine Erfahrungen in der Nordstadt.

Klar, die meisten Käufer und Verkäufer seien Ausländer - Türken, Marokkaner, Bulgaren. „Doch wenn das Eis erst mal gebrochen ist, dann sind mir die Leute lieber als viele Deutsche.“ Und während der Hagener das erzählt, verkauft er die nächste Pfanne. Die Kochutensilien zum Schnäppchenpreis gehen tatsächlich weg wie warme Semmeln.

Der Marktmeister als Pluspunkt

Ach ja, und der Marktmeister, der hier die Fäden in der Hand habe, sei ebenfalls ein Pluspunkt des Normarktes, sagt Fischer, der schon auf so manchem anderen Gelände stand: „Der Mann ist fair und hat Herz. Richtig gut.“

Aber es gibt auch Menschen, die etwas auszusetzen haben an diesem ganz besonderen Markt, der ein bisschen an einen orientalischen Basar erinnert. „Es wird mittlerweile zu viel geklaut“, sagt eine Händlerin, die schon seit 30 Jahren herkommt und ihren Namen nicht nennen will: „Früher war das besser.“

„Keine Fotos, ich werde gesucht“

Wie zur Bestätigung guckt ein vorübergehender Mann grimmig, als er die Presse-Kamera erblickt. „Keine Fotos, ich werde gesucht“, kommt es ihm über die Lippen. Macht er einen Scherz oder meint er das ernst? Man weiß es nicht. Beides ist möglich.

„Die Leute sind mir lieber als viele Deutsche“ – Nordmarkt ist der Orient-Basar der ganzen Region

Maiskolben werden direkt vor Ort aus der Hand gegessen. © Michael Schuh

Nach und nach füllen sich die Stellplätze, nur einige wenige Lücken sind noch zu sehen. Damit auch die nicht leer bleiben, trifft sich der Marktmeister um 7.30 Uhr an einer Ecke des Marktes mit potenziellen Nachrückern. 15 Händler ohne festen Platz sind diesmal gekommen, an manchen Tagen sind es 30. Auf einem Block hat der Organisator exakt notiert, wer diesmal an der Reihe ist und seinen Stand auf den letzten Drücker aufbauen darf.

Die Auserwählten sind sichtlich zufrieden, wenngleich sie - im Gegensatz zu den festen Händlern - die Gebühr von 1,55 Euro pro Quadratmeter Verkaufsfläche nicht per Dauerauftrag, sondern bar bezahlen müssen. Obwohl noch eine Kosten- und eine Strompauschale hinzukommen, scheint sich das Geschäft zu lohnen. „Ich liebe den Nordmarkt“, sagt ein Obstverkäufer, „er bringt mir Geld.“

Ein jähes Ende um 13 Uhr

Um 8 Uhr sind die letzten Stände aufgebaut, nun kommen auch die Kunden. In den Vormittags- und frühen Mittagsstunden ist am meisten los - es werden Nüsse und Sonnenblumenkerne probiert, Auberginen auf ihre Festigkeit geprüft und gekochte Maiskolben aus der Hand gegessen.

Um 13 Uhr ist plötzlich Schluss. Dann müssen die Händler laut Vertrag abbauen, denn um 14 Uhr erscheinen die Mitarbeiter der EDG, um für Sauberkeit zu sorgen. In wenigen Tagen findet er ja wieder statt, dieser ganz besondere Markt in der Nordstadt.

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