Geisterspiel der OB-Kandidaten: „Anspruch ist nicht Gelsenkirchen“

rnPodiumsdiskussion ohne Publikum

Wie soll Dortmund 2025 aussehen? Darüber haben erstmals in diesem Kommunalwahljahr alle fünf OB-Kandidaten diskutiert – ohne Publikum. Die IHK streamte den Schlagabtausch live ins Netz.

Dortmund

, 27.04.2020, 23:45 Uhr / Lesedauer: 2 min

Noch ist das Ausmaß der Corona-Krise für Dortmund gar nicht absehbar, da gaben die OB-Kandidaten am Montagabend ( 27.4.) bereits Einblicke in ihre Krisenbewältigungsstrategien.

„Wir kommen stärker aus der Krise wieder raus, als wir da reingegangen sind“, sagte SPD-Kandidat Thomas Westphal und skizzierte während der großen Podiumsdiskussion der Industrie- und Handelskammer (IHK) ein Sonderinvestitions-Programm, mit dem unter anderem die Gastro-Szene in Dortmund wieder aufgebaut werden müsse.

Groß waren bei der Talk-Runde vor allem der Große Saal der IHK, in dem sich 20 Beteiligte und wenige Pressevertreter bei gebührendem Abstand verloren, und der Aufwand für den Live-Stream ins weltweite Netz.

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Vier Kameras nahmen die OB-Kandidatin Daniela Schneckenburger (Bündnis 90/Die Grünen) und ihre Konkurrenten Andreas Hollstein (CDU), Michael Kauch (FDP), Utz Kowalewski (Die Linke) und eben den derzeitigen Wirtschaftsförderer Thomas Westphal in den Blick.

In ihrem im Halbrund aufgestellten, grünen Sesseln versuchten die Fünf für ihre Ideen zu werben – ohne Applaus, ohne Buh-Rufe. Es war quasi ein Geisterspiel – ganz flott, aber ohne harte Zweikämpfe. Bewusst ging es dabei erst in der Verlängerung um Corona.

Daniela Schneckenburger sagte, dass es für die Stadt nach Corona unter anderem wichtig sei, den massiv leidenden Einzelhandel wieder hochzupäppeln. Westen- und Ostenhellweg dürften dann nicht halb leer stehen. „Es wird darum gehen, einen Aushandlungsprozess mit den Vermietern bezüglich der Mieten zu moderieren. Da müsste für uns als Stadt eine Rolle liegen“, sagte sie.

Verkehrswende und ticketloser Nahverkehr?

FDP-Kandidat Thomas Kauch kündigte an, Gewerbe-, Vergnügungs- und Bettensteuer senken oder darauf auch ganz verzichten zu wollen. „Die Stadt wird Steuerausfälle haben, muss aber dennoch investieren. Wir müssen in die Schulden gehen“, sagte er.

IHK zu Dortmund und die Kommunalwahl

Einen großen technischen Aufwand mit mehreren Kameras betrieb die IHK, um die OB-Kandidatenkür „Mein Dortmund 2025“ ins Internet zu übertragen. © IHK/Stephan Schütze

Andreas Hollstein, Christdemokrat und derzeit Bürgermeister in Altena, trat da auf die Bremse: „Wir werden in vielen Bereichen in ein Krisenmanagement kommen. Ich bin für wichtige Zukunftsinvestitionen, aber wir sollten keine Traumwelten bauen.“

90 Minuten war das Thema Corona zuvor ausgeblendet worden. Es wurden während der von der IHK und weiteren Wirtschaftsverbänden veranstalteten Diskussionsrunde Zukunftsthemen erörtert. Dabei ging es neben der Vereinbarkeit von Familie und Beruf vor allem auch um die Verkehrswende. „Am Ende sollte dabei der ticketlose Nahverkehr stehen“, formulierte Linken-Politiker Utz Kowalewski sein klares Ziel.

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Am weitesten kam ihm dabei Daniela Schneckenburger entgegen. „Wenn wir den Handelsstandort Dortmund stärken wollen, müssen wir vielleicht auch den Öffentlichen Personen-Nahverkehr samstags kostenlos machen. Warum nicht?“, sagte die derzeitige Schuldezernentin.

Breitbandausbau hier, sozialer Sprengstoff da

Hätte es Publikum gegeben, FDP-Mann Kauch hätte selbst in dieser noch wahlkampfmüden Zeit für die folgende Aussage sicher einigen Beifall bekommen: „Die Stadt muss ihre Ansprüche heben. Ich arbeite mit Kunden im Silicon Valley. Das ist mein Anspruch. Mein Anspruch ist nicht Gelsenkirchen.“

Dass bei allem Reden über gelungenen Strukturwandel, Wissenschaftstransfer und Breitband-Ausbau nicht unter den Tisch fiel, welch sozialen Sprengstoff Dortmund nach wie vor birgt, dafür sorgte Utz Kowalewski. „Ein Drittel aller Kinder leben unter Hartz IV. Das zeigt, man muss die gut laufende mittelständische Wirtschaft und die Menschen, die hier leben, wieder zusammenführen.“

Die Herausforderungen für Dortmund, das war am Ende der 90 Minuten plus Nachspielzeit klar, sind in den nächsten fünf Jahren groß. Einig waren sich alle, dass man dabei auf die Mentalität und die Menschen hier bauen kann und muss. Entsprechend lautete das Schlusswort von Moderator Tom Hegermann (ehemals WDR 2): „Das schaffen wir nur alle zusammen – nicht einer oder eine alleine.“

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IHK-Veranstaltung

Diskussion ist im Internet verfügbar

  • In diesem Jahr sollen am 13. September in NRW neue Räte und Oberbürgermeister gewählt werden. In Dortmund endet dann die Amtszeit von OB Ullrich Sierau (SPD).
  • Einige hundert Zuschauer haben den Live-Stream am Montagabend verfolgt. „Wir sind hinter unseren Erwartungen zurückgeblieben“, sagte IHK-Sprecher Gero Brandenburg.
  • Wer Interesse hat, kann sich die Podiumsdiskussion auch im Nachhinein noch anschauen. Die Aufzeichnung wird schnellstmöglich auf der Internetseite der IHK verfügbar sein: www.dortmund.ihk24.de
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