Jens Elberfeld von den Off Road Kids erklärt, warum so viele junge Menschen von Wohnungslosigkeit betroffen sind. Die Hilfsorganisation zieht Bilanz für das Jahr 2018.

Dortmund

, 10.03.2019, 14:41 Uhr / Lesedauer: 3 min

Junge Obdachlose und Wohnungslose stehen auch in Dortmund vor Problemen: Durch den knappen Wohnraum wird es für viele schwer, selbstständig ein Rad auf die Erde zu bekommen. Die Streetworker der „Off Road Kids“ helfen Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die sich auf der Straße aufhalten, bei ihren Schwierigkeiten.

Die Hilfsorganisation veröffentlichte nun ihre Zahlen zu der von ihnen geleisteten Arbeit im Jahr 2018. Allein in Dortmund wurden 169 junge Menschen in Wohnungen oder andere Unterbringungen vermittelt – im gesamten Bundesgebiet waren es 400 Menschen.

Die Lage von jungen Wohnungslosen in Dortmund

Jens Elberfeld von den Dortmunder Off Road Kids versucht zu erklären, wie es sein kann, dass fast die Hälfte aller „Vermittlungen in dauerhaft tragfähige Zukunftsperspektiven“ in Dortmund geschehen sind: „Vermutlich liegt es an der hohen Bevölkerungsdichte des Ruhrgebietes.“

Der Sozialarbeiter, der seit 2005 bei der Organisation arbeitet, findet, dass die Zahl der jungen Obdachlosen und Wohnungslosen „konstant hoch“ sei – jedoch sei laut Elberfeld die Wohnungslosigkeit besonders in den letzten zwei bis drei Jahren angestiegen.

Der Sozialarbeiter tut sich schwer, zu schätzen, wie viele Wohnungslose es in Dortmund geben könne. „Ein großes Problem ist die versteckte Wohnungslosigkeit“, erklärt der Sozialarbeiter, „das sind junge Erwachsene, die entkoppelt sind, die zum Beispiel bei Freunden auf der Couch schlafen und keinen Anschluss an Familie, Schule oder Ausbildung haben.“

In Dortmund gibt es insgesamt 450 Obdachlose

Die Stadt Dortmund schätzt, dass es momentan ungefähr 450 obdachlose Menschen gebe – wie viele davon zu der Zielgruppe der Off Road Kids gehören, also Jugendliche und junge Erwachsene, könne man nicht sagen. Insgesamt sind 530 Menschen ohne festen Wohnsitz, also Wohnungslose, aktuell untergebracht worden. 407 davon sind in Übergangswohnungen der Stadt, 16 in Gemeinschaftsunterkünften, 65 in der Männerübernachtungsstelle und 42 in der Frauenübernachtungsstelle.

Eine Statistik der Landesregierung NRW aus dem Jahr 2015 verlautete, dass es in dem Jahr 20.914 wohnungslose Menschen in Nordrhein-Westfalen gegeben hat. 8,2 Prozent davon, also circa 1.715, sind unter 18 Jahre alt gewesen.

Das Verteilen von Strafzetteln an Menschen, die auf der Straße übernachten, sei zwar problematisch gewesen, aber die Stadt Dortmund würde sich laut Elberfeld trotzdem bemühen, etwas gegen die Wohnungslosigkeit zu tun. So soll das Streetwork-Angebot erweitert werden und eine Notschlafstelle für junge Menschen sei ebenfalls geplant. Der Sozialarbeiter begrüßt außerdem, dass die Männerübernachtungsstelle erweitert und renoviert wurde.

Wieso so viele Menschen nicht aus der Wohnungslosigkeit rauskommen

Laut Elberfeld sei der Hauptgrund für die steigende Wohnungslosigkeit der fehlende bezahlbare Wohnraum: Wie fast überall in Deutschland ist es „auch in Dortmund schwieriger, günstige Wohnungen zu finden.“ Dies würde laut des Sozialarbeiters unter anderem an dem Flüchtlingszulauf in den Jahren 2016 und 2017 liegen. „Die Menschen sind natürlich hiergeblieben und es wurde verpasst, neuen bezahlbaren Wohnraum zu bauen“, erklärt Elberfeld. Er habe das Gefühl, dass zwar in Dortmund gebaut werde, jedoch seien dies „gefühlt nur Luxuswohnungen.“

Zu der problematischen Wohnungslage kommen noch die persönlichen Probleme der jungen Menschen dazu. „Obdachlosigkeit kann prinzipiell jeden treffen“, sagt Elberfeld, „aber es gibt durchaus ein paar typische Themen bei unseren Klienten.“ Häufig würden die jungen Menschen familiäre Probleme haben, kämen aus Pflegefamilien oder Einrichtungen der Jugendhilfe und haben nicht selten auch Erfahrungen mit sexuellem Missbrauch. Daraus resultieren Suchtproblematiken und psychische Erkrankungen, welche häufig zu Schwierigkeiten bei den Themen Schule und Arbeit führen.

Sich dann noch um eine Wohnung zu kümmern, während man auf der Straße lebt oder von Couch zu Couch zieht, sei einfach zu viel: „Viele dieser Jugendlichen sind mit den Anforderungen des Alltags überfordert, beziehen deshalb beispielsweise zusätzlich auch kein Arbeitslosengeld II“, erklärt der Sozialarbeiter.

Zahlen und Fakten zur Arbeit der Off Road Kids in Dortmund

Die Off Road Kids schreiben in ihrer Jahresstatistik, dass im vergangenen Jahr allein 169 Menschen in Dortmund zurück in die Herkunftsfamilie vermittelt wurden, in einer Betreuungseinrichtung oder in einer therapeutischen Einrichtung untergebracht, oder eben in eine eigene Wohnung vermittelt.

Sieben dieser Fälle waren Menschen unter 18 Jahren. 93 Menschen waren in der Kernzielgruppe (18 bis 21 Jahre) der Off Road Kids und 69 Wohnungslose haben das 21. Lebensjahr überschritten. Im gesamten Bundesgebiet wurden 400 Menschen von den Off Road Kids vermittelt. Insgesamt wurden 112 Stunden pro Unterbringung aufgebracht.

Im vergangenen Jahr wurden pro Monat 105 junge Menschen in Dortmund betreut, mit dem Ziel Obdachlosigkeit zu vermeiden. Insgesamt wurden 3.083 Einzelbetreuungstermine geführt – dazu zählen Clearinggespräche, Begleitungen und Nachbetreuungen.

Bundesweit gab es insgesamt 760 neue Straßenkinder, Ausreißer und junge Obdachlose, die bei der Organisation in Erscheinung getreten sind.

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