Ohne starke Nerven ist Mama beim Kita-Krippenspiel verloren

rnEltern-Kolumne „Doppelkinder“

Viele Familien sehnen das Krippenspiel an Heiligabend freudig herbei. Zwillingsmama Julia Scharnowski allerdings blickt dem Weihnachtsgottesdienst mit gemischten Gefühlen entgegen.

Dortmund

, 23.12.2018, 04:20 Uhr / Lesedauer: 2 min

Meine Söhne (3) werden in diesem Jahr bei einem Krippenspiel mitwirken. Das wird mir an Heiligabend Schweiß und Tränen bescheren. Ich weiß es, denn ich habe die Generalprobe nur knapp überstanden. Wie ich zu dem zweifelhaften Glück schauspielernder Kleinkinder gekommen bin? Wie die Jungfrau zum Kind. Passenderweise. Ich bin da in etwas hineingeraten, das ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr zu stoppen war. Ich habe die Kontrolle verloren.

„Hey Schatz, wir könnten doch Weihnachten in den Familengottesdienst gehen, den die Kita gestaltet. Für die Kinder wäre das bestimmt schön!“, sagte ich zu meinem Mann. Meine Ziele waren nobel. Der Schatz nickte den Vorschlag ab und so trug ich uns in eine Liste ein. Ein wenig wunderte es mich schon, dass ich uns für einen Weihnachtsgottesdienst anmelden musste.

Flüchtigkeitsfehler

Allerdings habe ich unsere Namen in den vier Monaten, in denen die Kinder jetzt die Kita besuchen, schon in so viele Listen eintragen müssen, dass mein Gehirn den Reflexionsvorgang vorzeitig abbrach. Und den Lesevorgang offenbar auch, denn sonst hätte ich vielleicht noch das Ruder herumreißen können.

„Wenn die Zwillinge beim Krippenspiel mitmachen, können wir Dich dann für den Elternchor vormerken?“, fragte mich einige Tage später eine Erzieherin zwischen Kita-Tür und Garderobenhaken. „Ähm“, stammelte ich und versuchte, meinem müden Gehirn Zeit zu verschaffen, diese Anfrage richtig einordnen zu können. Erfolglos. Man muss es mir angesehen haben. „Du hast die Jungs doch eingetragen“, kam ein anderer Erzieher meinen grauen Zellen zu Hilfe.

Begeisterte Kinder

„Oh…“, gab ich von mir, wohlwissend, heute vermutlich keinen Rhetorikpreis zu gewinnen. „Krippenspiel?“, quietschten die Kinder, die Zeuge dieser Szene geworden waren, „das wollen wir!“ Ok, entschied ich, kleinkindliche Weihnachtsperformance ja, Elternchor nein, und wir zogen unseres Weges – ich und zwei aufsteigende Sterne am Schauspielhimmel: ein weihnachtlicher Hund und eine Katze. Wie auch immer die mit der heiligen Familie in Verbindung stehen mögen, vermutlich sahen es Eltern in der Antike noch nicht so eng mit Tierhaarallergien und Hausstaub.

Wochenlang vergaß ich den Auftritt. Bis zur Generalprobe in der Kirche. Die wird sich für immer in mein Gedächtnis einbrennen. Mit zwei übelgelaunten Kleinkindern, die den Mittagsschlaf quittiert hatten, verbrachte ich etwa ein Drittel der Veranstaltung auf dem Fußboden des Mittelgangs. Die Tatsache, dass eine andere Mutter und nicht ich eine gigantische Dose Kekse mitgebracht hatte und diese andere Mutter die Herausgabe weiteren Gebäcks verweigerte, veranlasste die Kinder zu einem Nervenzusammenbruch mittelschweren Ausmaßes.

Plötzlich doch im Chor

Warum ich mich nach dessen Abklingen trotz meiner vorherigen Entscheidung plötzlich mit einem Liedzettel in der Hand hinter der Kanzel wiederfand, vermag ich nicht genau zu sagen. Vielleicht, weil einer meiner Söhne mich nicht loslassen wollte und dazu verdonnerte, hinter ihm auf dem Podest stehen zu bleiben. Eventuell war ich aber auch abgelenkt, weil sein Zwillingsbruder Hubschrauber spielend, wild mit den Armen rudernd um schwere Messingkerzenständer herum düste und schrie: „Ich will aber ein Hirte sein!“

Also sang ich – oder zumindest versuchte ich es. Ich hielt mittlerweile ein Kind auf dem Arm, das an meiner Schulter rüttelte und rief: „Nicht singen, Mama!“ Gleichzeitig flehte ich innerlich alle an diesem Ort zur Verfügung stehenden Mächte an, sie mögen das andere Kind, das unterdessen auf allen Vieren über die Erde krabbelte und „ich bin ein Esel, ich bin ein Esel“ skandierte, in Schach halten. Irgendwie haben wir diese 45 Minuten den Grauens hinter uns gebracht. Nun bin ich wirklich gespannt auf unseren Auftritt am Heiligen Abend. Wünschen Sie mir Glück!

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ÜBER DIE KOLUMNE

Schicksalsjahre einer Zwillingsmutter

In unserer Kolumne „Doppelkinder“ erzählt unsere Autorin regelmäßig von den kleinen Desastern, den großen Wäschebergen und den Herzensmomenten, die das Leben mit Kindern so mit sich bringt. Julia ist Journalistin, Bloggerin und Coach und lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Zwillingssöhnen in Dortmund.
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