Oper hinter Gittern: Mit Arien und „YNWA“ gegen die Einsamkeit

rnOper Dortmund

Mitglieder der Oper Dortmund haben einen denkwürdigen Auftritt hingelegt. Sie sangen Opern-Arien auf dem Innenhof der JVA Dortmund. Das Publikum hinter Gittern reagierte speziell.

Dortmund

, 04.09.2020, 06:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Mit der Aktion „Musik auf Rädern“ bringt die Oper Dortmund seit Ausbruch der Corona-Pandemie die Musik zu den Zuhörern, wenn diese schon nicht ins Opernhaus kommen können. Bisher führte das die Dortmunder Musiker in Seniorenwohnheime und auf verschiedene Terrassen in der Stadt.

Doch bei diesem Auftritt ist die Kulisse damit nicht vergleichbar. Im Innenhof der Justizvollzugsanstalt (JVA) Dortmund unterscheidet sich an diesem sonnigen Nachmittag vieles vom normalen Gefängnisalltag. Techniker bauen Mikrofone und Boxen auf, eine große Zahl von Journalisten sucht nach dem besten Platz zum Filmen und Beobachten.

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Den viereckigen Hof umgeben gleichförmige Fenster mit Gittern und Draht vor den Öffnungen. Dahinter sitzen Menschen, die eine Haftstrafe an der Lübecker Straße absitzen.

JVA-Beamter vor dem Opern-Konzert: „Es kann gut gehen, es kann aber auch nicht gut gehen.“

Sie wissen nur, dass hier an diesem Nachmittag etwas passiert. Was genau, wissen sie nicht. Thomas Zimmermann, Freizeitkoordinator in der JVA Dortmund sagt vor Beginn des Opern-Intermezzos: „Es kann gut gehen, es kann aber auch nicht gut gehen. Wir wissen nicht, wie die Leute reagieren.“

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Opernsänger singen in der JVA Dortmund

Die Dortmunder Opernsänger Mandla Mndebele und James Lee sind mit einigen Stücken im Hof der JVA Dortmund aufgetreten. Die Inhaftierten hörten von aus ihren Zellen zu.
02.09.2020
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Mitglieder der Dortmunder Philharmoniker sind im Hof der JVA Dortmund aufgetreten.© Felix Guth
Mitglieder der Dortmunder Philharmoniker sind im Hof der JVA Dortmund aufgetreten.© Felix Guth
Opernsänger Mandla Mndebele singt auf dem Gefängnishof. © Felix Guth
Opernsänger Mandla Mndebele singt auf dem Gefängnishof. © Felix Guth
Opernsänger Mnaka Ndebele singt auf dem Gefängnishof. © Felix Guth
Opernsänger Mnaka Ndebele singt auf dem Gefängnishof. © Felix Guth
Mitglieder der Dortmunder Philharmoniker sind im Hof der JVA Dortmund aufgetreten.© Felix Guth
Mitglieder der Dortmunder Philharmoniker sind im Hof der JVA Dortmund aufgetreten.© Felix Guth
Opernsänger Mandla Mndebele singt auf dem Gefängnishof. © Felix Guth
Opernsänger James Lee bei seinem Auftritt.© Felix Guth
Opernsänger Henry Lee bei seinem Auftritt.© Felix Guth
Opernsänger Henry Lee bei seinem Auftritt.© Felix Guth
Opernsänger James Lee bei seinem Auftritt.© Felix Guth
Mitglieder der Dortmunder Philharmoniker sind im Hof der JVA Dortmund aufgetreten.© Felix Guth
Mitglieder der Dortmunder Philharmoniker sind im Hof der JVA Dortmund aufgetreten.© Felix Guth
Mitglieder der Dortmunder Philharmoniker sind im Hof der JVA Dortmund aufgetreten.© Felix Guth
Mitglieder der Dortmunder Philharmoniker sind im Hof der JVA Dortmund aufgetreten.© Felix Guth
Mitglieder der Dortmunder Philharmoniker sind im Hof der JVA Dortmund aufgetreten.© Felix Guth
Mitglieder der Dortmunder Philharmoniker sind im Hof der JVA Dortmund aufgetreten.© Felix Guth
Mitglieder der Dortmunder Philharmoniker sind im Hof der JVA Dortmund aufgetreten.© Felix Guth
Blick in die JVA Dortmund.© Felix Guth
Blick in die JVA Dortmund.© Felix Guth
Blick in die JVA Dortmund.© Felix Guth
Mitglieder der Dortmunder Philharmoniker sind im Hof der JVA Dortmund aufgetreten.© Felix Guth

Rufe in mehreren Sprachen und Klopfgeräusche hallen über den Hof, hinter den Fenstern herrscht gespannte Unruhe. Es ist trotzdem ruhiger als sonst. Außerhalb des Hofgangs und der Gemeinschaftszeiten sind die Fenster in der JVA Dortmund einer der wichtigsten Kommunikationskanäle.

Manche fordern Capital Bra - sie bekommen Mozart

Wenige Minuten später wissen die Männer hinter Gittern, was passiert. Auf der improvisierten Bühne beginnt der Dortmunder Opernsänger James Lee zu Klavierbegleitung die ersten Töne zu singen.

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Im Gefängnishof wirkt die Magie teils jahrhundertealter Arien. Einige Insassen hätten, wie sie deutlich bekunden, lieber Hip-Hop gehört, jemand ruft nach „Capital Brrra“. Aber die Musik von Mozart oder Puccini bewegt trotzdem etwas bei den Menschen hinter den vergitterten Fenstern.

Die Sänger der Dortmunder Oper legen alles in die Auftritte hinein

James Lee und sein Opern-Kollege Manda Mndebele legen so viel Energie in den Auftritt, als stünden sie in einem ausverkauften Saal.

Sie sehen ihr Publikum nicht. Aber sie spüren, dass es sie feiert sie wie Fußballstars mit Sprechchören und schrillen Schreien. James Lee singt das Stück „Nessum Dorma“ mit voller Gestik und Mimik und erhält dafür donnernden Applaus. Nach Hip-Hop ruft jetzt niemand mehr.

Ein JVA-Beamter lauscht am Eingang zum Gefängnisflur der Musik auf dem Hof. „So ruhig war es hier noch nie“, sagt er zu einer Kollegin. Aus den Hafträumen und von den Fluren ist kein Gerede oder Geschrei zu hören, niemand läuft herum. Dafür dringen sanfte Klängen von draußen hinein – und die meisten hören zu.

Die Gefängnisatmosphäre tritt kurz in den Hintergrund

Dass man noch in einer Haftanstalt ist, daran erinnern die holzverkleideten Türen mit den schweren Schlössern. Es liegt ein Geruch in der Luft, der eine Mischung aus kaltem Zigarettenqualm, Männerschweiß und vielen gleichzeitigen Toilettengängen ist.

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Der Blick in eine leer stehende Zelle gibt einen Eindruck davon, dass sich im Gefängnisleben zwar eine gewisse Normalität erhalten kann. Die aber weit davon entfernt ist, was die meisten Menschen für sich als Freiheit definieren, und deshalb beklemmend wirkt.

„You‘ll Never Walk Alone“ erhält hier eine andere Bedeutung

Gedanken, die sich ein in Freiheit Lebender machen kann, während Mandla Mndebele draußen „You’ll Never Walk Alone“ singt. Jene dem Musical „Carousel“ entstammende Hymne des Zusammenhalts.

James Lee, Sänger an der Dortmunder Oper, beim Finale des Stücks "Nessum Dorma".

James Lee, Sänger an der Dortmunder Oper, beim Finale des Stücks "Nessum Dorma". © Felix Guth

Die meisten verbinden sie mit Fußball, Mndebele sang das Lied schon im ausverkauften Signal Iduna Park. Hier, an einem Ort, an dem Menschen noch für längere Zeit eingesperrt sind, entfaltet die Botschaft – du bist niemals allein, auch in schweren Zeiten – eine andere Wirkung.

In der Beschreibung der Reihe „Musik auf Rädern“ steht: „Gerade Musik kann in den verschiedensten Lebenssituationen Kraft, Zuversicht und Hoffnung geben“. Vielleicht war dieser wohlklingende Satz selten so wahr, wie in diesem Moment in der JVA Dortmund.

Was in den Männern hinter den vergitterten Fenstern wirklich vorgeht, während draußen die Oper läuft, lässt sich nur vermuten. Manchen ist die Hochkultur im Hof vielleicht herzlich egal. Aber viele scheinen es zu genießen, dass an diesem Nachmittag etwas für sie passiert und dass Routinen durchbrochen werden.

Inhaftierter hat sich schick gemacht und freut sich über die Ablenkung

Ein circa Ende 20-jähriger Häftling erzählt aus einem Fenster auf der untersten Etage heraus, dass er sich extra ein gutes T-Shirt für den Nachmittag angezogen habe und posiert für ein Foto. Wie er das Konzert fand? „Es war gut, eine schöne Ablenkung. Endlich mal wieder.“

Der Besuch der Oper ist das erste gemeinschaftliche Ereignis in der Dortmunder JVA seit über einem halben Jahr. Vor Corona gab es hier regelmäßig Besuche von Theater- oder Musikgruppen und eigene kreative Gruppen. Das liegt alles auf Eis. Gerade erst sind Besuche wieder erlaubt worden. Wann es wieder ein festes Freizeitprogramm geben wird, ist noch offen.

Mandla Mndebele muss „YNWA“ noch ein zweites Mal singen, dann endet der Opern-Besuch im Gefängnis. Als die Klassik aus ist, läuft aus einer Zelle doch noch ein Track von Capital Bra. Mozart und Puccini dürften trotzdem noch länger ein Thema sein in der JVA Dortmund.

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