Original-Akten zum Prozess um Mord an Nicole-Denise Schalla verschwunden

rnPost sucht Paket

Für die Eltern der 1993 getöteten Nicole-Denise Schalla entwickelt sich der Mordprozess gegen den mutmaßlichen Täter zum Endlos-Martyrium. Jetzt waren Original-Akten verschwunden. Das hat Folgen.

Dortmund

, 01.07.2020, 17:17 Uhr / Lesedauer: 3 min

Aktualisierung 2. Juli 2020, 11.17 Uhr:

Das verschwundenen Aktenpaket ist wieder aufgetaucht. Das teilte das Landgericht am Donnerstag mit.

So berichteten wir bisher:

Nichts, wirklich gar nichts läuft glatt im Prozess gegen den mutmaßlichen Mörder von Nicole-Denise Schalla. Eigentlich sollte der Prozess am 7. Juli neu beginnen. Daraus wird nichts: Auf dem Weg vom Dortmunder Landgericht zur Kanzlei eines Pflichtverteidigers in Düsseldorf verschwand ein Paket mit Original-Akten. Eine Folge: Der Prozess kann nicht im Juli starten, sondern erst am 4. August. Zweite Folge: Jetzt muss das Oberlandesgericht entscheiden, ob der angeklagte Ralf H. weiter in Untersuchungshaft bleibt.

Es ist der vorläufige Höhepunkt eines Verfahrens, das seit Dezember 2018 im Schneckentempo vor sich hindümpelte, ehe es im März 2020 komplett abgebrochen wurde. Eine Richterin war langfristig erkrankt. Der Prozess muss also von vorne starten. Genau das sollte am 7. Juli geschehen, doch dann kam es zum Zerwürfnis zwischen dem Angeklagten Ralf H. und seinen Verteidigern. Anfang Juni bestellte das Landgericht zwei neue Pflichtverteidiger für den Angeklagten.

Zwei sehr große Pakete verschickt, nur eines kam an

„Die haben natürlich das Recht auf Akteneinsicht“, sagt Dr. Thomas Jungkamp, Pressedezernent am Landgericht Dortmund. Man habe daher zwei sehr große Pakete gepackt, jeweils prall gefüllt mit Aktenordnern: Im ersten steckte die „Hauptakte“, die die zentralen Unterlagen zum Prozess enthält, im zweiten die „Beiakte“ mit weiteren für das Verfahren wichtigen Dokumenten.

„In beiden Fällen handelt es sich nicht um Kopien, sondern um die Original-Akten“, sagt Jungkamp. Das sei so vorgeschrieben, denn nur so könnten sich Verteidiger selbst davon überzeugen, dass ihnen nichts vorenthalten werde, sagte Jungkamp. Im Landgericht sei ein „Aktendoppel“, also eine Kopie beider Akten, verblieben. Wenn das Original nicht wieder auftauchen solle, würde man diese Kopie zur Original-Akte erklären. Für immer verloren sind die Unterlagen trotz der Panne also nicht.

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Beide Pakete schickte das Landgericht per Post auf den Weg nach Düsseldorf, in die Kanzlei eines der beiden Pflichtverteidiger. Dass man auch sensible Dokumente mit der Post verschicke, sei absolut zulässig und üblich, sagt Jungkamp. In Düsseldorf sei allerdings nur das Paket mit der Beiakte angekommen, sagt Jungkamp. Für das zweite Paket habe man einen Nachforschungsantrag bei der Post gestellt. Wieder aufgetaucht ist die Akte bisher nicht. Näheres war am Mittwoch bis Redaktionsschluss dieses Textes um 17 Uhr auch von der Post nicht zu erfahren.

Das Problem der Untersuchungshaft

Klar ist: Durch das Verschwinden der Akte war der für den 7. Juli angesetzte neue Prozess-Beginn nicht zu halten, denn: „Die Verteidiger brauchen ja Zeit, um sich einzulesen“, sagt Jungkamp. Damit taucht ein neues Problem auf: Denn Ralf H. sitzt seit seiner Festnahme im Juni 2018 in Untersuchungshaft, mehr als zwei Jahre.

Das Prozessrecht sieht vor, so Jungkamp, dass es höchstens sechs Monate dauern darf, ehe die Hauptverhandlung gegen einen Untersuchungshäftling beginnt. Für eine Verlängerung braucht man triftige Gründe. Dabei werden die Flucht- und Verdunkelungsgefahr ebenso berücksichtigt wie die Schwere des Verbrechens und die zu erwartende Höhe der Strafe. „Es gilt das Gebot der Verhältnismäßigkeit“, sagt Jungkamp.

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Im Fall Ralf H. läuft die bisherige Fristverlängerung Mitte Juli aus. Da der neue Prozess erst im August beginnt, muss jetzt das Oberlandesgericht Hamm über eine Fortdauer entscheiden. Das dürfte aller Voraussicht nach eine Formsache sein, denn nach wie vor besteht dringender Tatverdacht gegen den mehrfach vorbestraften Ralf H., der die Tat energisch bestreitet.

Die Anklage wirft ihm vor, die damals 16-jährige Nicole-Denise Schalla am Abend des 14. Oktobers 1993 erwürgt zu haben, als sie in der Nähe ihres Elternhauses im Jungferntal an der Haltestelle aus einem Bus stieg, um die letzten Meter nach Hause zu laufen.

Eine Hautschuppe führte auf die Spur des mutmaßlichen Täters

Seither hatte die Polizei vergeblich versucht, das Verbrechen aufzuklären. Erst im Juni 2018 brachte die an der getöteten Nicole-Denise 1993 sichergestellte DNA einer Hautschuppe die Ermittler auf die Spur von Ralf H.. Im Dezember 2018 begann der Prozess. Er sollte sich zu einer zähen Angelegenheit entwickeln.

Befangenheitsanträge sorgten ebenso für Verzögerungen wie die Auswechslung von Verteidigern, mit denen sich H. zerstritten hatte. Und dann stellte die Verteidigung zahlreiche neue Beweisanträge. Dazu gehörte etwa die – später durch einen Gutachter widerlegte – Behauptung von Ralf H., er habe nicht die Kraft gehabt, um Nicole-Denise zu erwürgen, da seine Hände nach einem Sportunfall in seiner Jugend beschädigt seien.

Schlamperei bei Ermittlungen

Dann traten Schlampereien in der polizeilichen Ermittlung zu Tage. In den Akten fanden sich 18 am Tatort gefundene Haare, die nie untersucht worden waren. Was mit ihnen ist, dazu hatte das Gericht noch im Dezember 2019 eine DNA-Untersuchung in Münster in Auftrag gegeben. Das Ergebnis sollte Anfang 2020 vorgelegt werden. Dazu kam es nicht, weil die Richterin erkrankte und der Prozess platzte. Die Ergebnisse werden erst im neuen Prozess vorgelegt.

Jetzt also von vorne. Die Eltern von Nicole-Denise müssen erneut all das durchleben, was mit dem Verbrechen an ihrer Tochter zusammenhängt. Nur darauf, dass der zweite Prozess nicht so lange dauert wie der erste, dürfen sie hoffen, denn: Alle bisher erhobenen Gutachten liegen jetzt vor – obwohl Akten verloren gingen.

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