Peinliche Hits der 90er: Im „Weinkeller“ feiern Backstreet Boys und Co. späte Triumphe

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Für viele firmiert die Musik der 90er unter Geschmacksverirrung, bei der Party im „Alten Weinkeller“ ist sie Trumpf. Wer tanzt dort zum „Müll“ von gestern? Ein Ortsbesuch.

Dortmund

, 16.09.2019, 11:54 Uhr / Lesedauer: 2 min

Vorweg: Die ganz großen Peinlichkeiten vom Schlage Blümchen, Schlümpfe-Tekkno oder „Pump ab das Bier“ haben wir nicht gehört auf der Trash-Party am Samstag im „Weinkeller“ an der Märkischen Straße. Der Abend entpuppte sich auch nicht als feucht-fröhliche Freakshow, wo schrill Kostümierte auf der Tanzfläche die Sau raushängen ließen und sich vorsätzlich zum Deppen machen.

Ja, gespielt wurden auch musikalische Schmankerl von Formationen, als deren Fan man sich nicht outen will, nennen wir mal die Backstreet Boys oder die Spice Girls. Geschmacksverirrungen des Eurodance („Boom, boom, boom, boom, I want you in my room“) mischen sich aber mit alten Hits, die man okay finden darf - von Weezer oder den Ärzten.

DJ Mats Grawunder orchestriert von seiner Kanzel unter dem Gewölbe eine Party für junge Leute, die die Gnade der späten Geburt für sich reklamieren können. Die teils gruseligen Entgleisungen der Popgeschichte haben sie (wenn überhaupt) als Kinder erlebt. So wie Frederick Hagen, der mit seinen 33 Jahren schon zu den älteren Gästen zählt.

Erinnerungen ans Auto der Eltern

Im Auto mit seinen Eltern habe er viel 90er-Musik gehört, erzählt er im kleinen Hof hinter der Tanzgrotte, Anlaufpunkt für Raucher und Frischluft-Schnapper.

Frederick kommt aus Beckum und ist zum ersten Mal im Weinkeller, begleitet von einer achtköpfigen Freundeskohorte.

„Die Spice Girls finde ich ja einigermaßen okay, aber das meiste ist mir zu sehr Mainstream“, sagt er. Mehr Rock fände er gut, Guns’n’Roses zum Beispiel.

Tja, Pech gehabt. Mitgegangen, mitgefangen: Dass ihm heute die Jedermann-Hits blühen, hat er vorher nicht gewusst.

Peinliche Hits der 90er: Im „Weinkeller“ feiern Backstreet Boys und Co. späte Triumphe

Die 90er-Party im Weinkeller gibt es monatlich. © Philipp Bückle

Allerdings ist die Stimmung im Weinkeller alles andere als schlecht. Wo sonst ernten Djs Beifall für ihr Tun? Nicht selten wird applaudiert, sicher 80 Prozent der Besucher im großen Saal tanzen oder sind sonstwie in Bewegung. Mädels schnappen ihre Freundin bei der Hand, schleppen sie Richtung Raummitte und trällern Lieder, die sie auswendig können.

Immer wieder erstaunlich, wie textsicher das Publikum ist und welche Songs für sinnstiftend erachtet werden. Das hat etwas von Rudelsingen, wenn die jungen Damen aus voller Kehle einstimmen und sogar olle Kamellen wie Totos „Africa“ (eigentlich aus den 80ern) lautstark abfeiern.

Der Motor sind die Mädels

Überhaupt sind die jungen Damen der Motor dieser Party. Die gehen enthusiastisch mit, die Jungs sind reservierter, kommen aber bei Zeilen wie „Bettina, pack Deine Brüste ein“ (Fettes Brot) auch auf ihre Kosten.

Was nicht heißt, dass die Klänge von „Macarena“ nicht auch männliche Witzbolde auf den Plan rufen, die bei YouTube ein paar Moves aus Videos aufgeschnappt haben, die sie fröhlich feixend zelebrieren: Hände aufs Gesicht, Hände auf die Brust, Hände auf die Hüften.

Mehr als einmal müssen wir grinsen, wenn die Laune auf dieser Party Purzelbäume schlägt, wenn Schmalztexte von PUR („Funkelperlenaugen“) überkandidelt zelebriert werden, als handele es sich um tiefsinnige Poesie.

Was ist Trash?

Was ist schon „Trash“, wenn im Auge einer Generation, die die 90er nur aus Erzählungen kennt, vieles den Retro-Schleier des Evergreens trägt? Im Vergleich mit den Ballermann-Stumpfhits von heute wirken die Musiksünden der 90er längst nicht mehr so schlimm und verboten.

Auch unter der Überschrift „bad taste“ (schlechter Geschmack) mutet die Trashparty im Weinkeller wie eine Schüler- oder Studentenfete an, wo ein junges Publikum sich produziert und ausprobiert, und die Musik im Grunde Gebrauchsmusik ist: Ein Soundtrack zum Sehen und Gesehenwerden, zum Feiern und Flirten.

Es ist eine Party, die sich nicht an Subkultur-Styler wie Metaller, Grufties, „Emos“ wendet, sondern an die „Normalos“, um es salopp zu sagen. Jeden zweiten Samstag im Monat. Weitere Infos unter weinkeller-dortmund.de.

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