Pia Hartmann (35) kämpft mit bunten Perlen gegen Depressionen

rnSuche nach Glück

Eigentlich wollte unsere Autorin mit Pia Hartmann über ihr Schmucklabel „Pärle“ sprechen. Doch es wurde ein Gespräch über Depressionen und die Suche nach dem Glück.

Dortmund

, 31.03.2019, 04:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Hinter den großen dunklen Augen ist viel los. Gedanken. Pia Hartmanns Blick ist freundlich, offen – aber darin liegt auch eine Prise Skepsis. Viele Gedanken.

Pia Hartmann ist 35. Seit sie 16 ist, ahnt sie, irgendwie anders zu sein. „Ich konnte nicht richtig glücklich sein. Ich habe immer alles infrage gestellt, habe an allem gezweifelt“, erzählt die junge Frau mit dem braunen, lockigen Haar. Depressionen begleiten ihr Leben. Das führt dazu, dass sie immer auf der Suche ist: „Nach mir. Nach dem, was mich glücklich macht.“

Mein Problem ist, dass ich immer so viel denke. Vor lauter Denken komme ich zu nix.

So schreibt es die Dortmunderin im vergangenen Sommer in einem Text unter dem Titel „Die Suche nach dem Sinn“. Zu dieser Zeit hatte Pia Hartmann bereits ein Ladenlokal in der Kleinen Beurhausstraße 5 gemietet. Der Schuster war ausgezogen, der Vermieter hatte die Räumlichkeiten saniert – eigentlich war alles startklar für den Einzug von „Pärle“, Pia Hartmanns 2009 gegründetem Schmucklabel.

Pia Hartmann hat im November 2018 in der Kleinen Beurhausstraße den Schmuckladen "Pärle"eröffnet.

Pia Hartmann hat im November 2018 in der Kleinen Beurhausstraße den Schmuckladen "Pärle"eröffnet. © Christin Mols

Doch plötzlich wurde ihr alles zu viel. „Es war, als hätte ich eine Midlife-Crisis.“ Die Schmuckdesignerin quälten Existenzängste, sie fühlte sich einsam. Sie brauchte ganz dringend eine Pause. „Ich hatte mich übernommen. Im Grunde hatte ich schon vor der Eröffnung einen kleinen Burn-out.“ Im November schließlich, passend zum Weihnachtsgeschäft, öffnete der Schmuckladen mit Unterstützung von Familie und Freunden – mit Erfolg.

Vielen in der Stadt waren Pia Hartmanns Schmuckstücke schon bekannt. Bereits vor zehn Jahren hatte die gebürtige Münsterländerin damit begonnen, bunte Perlen auf Schnüre zu fädeln. Damals studierte sie noch. Architektur an der FH Dortmund. Doch sie wusste schnell, dass sie das nicht glücklich machen würde: „Man entwirft etwas am Computer, das vielleicht nie wirklich entsteht.“ Trotzdem zog Pia Hartmann das Studium durch, machte 2011 ihren Abschluss.

So fädelte ich und fädelte und fädelte. Ich fädelte, bis ich gar nicht mehr wusste, wohin mit der ganzen Fädelei.

Das Fädeln hat Pia Hartmann sich selbst beigebracht. Das handwerkliche Arbeiten liegt ihr. „Es hat für mich etwas Meditatives und entspannt mich“, sagt sie. Nachdem die ersten Modelle bei ihren Freundinnen gut angekommen waren, verkaufte sie sie zunächst online und auf ausgewählten Design-Märkten. Bald waren die Ketten, Armbänder und Ohrringe von „Pärle“ auch in den Auslagen angesagter Geschäfte in Dortmund und Umgebung zu finden.

Das Schaufenster von "Pärle" in der Kleinen Beurhausstraße.

Das Schaufenster von "Pärle" in der Kleinen Beurhausstraße. © Christin Mols

Längst sind es nicht mehr nur Perlenkreationen, Pia Hartmann fertigt auch schlichte Designs aus Sterlingsilber oder farbenfrohe Stücke mit Emaille. Seit vier Jahren kann Pia Hartmann von ihrer Kreativität leben. Inzwischen sei die Nachfrage so groß, dass sie ihren Schmuck deutschlandweit vertreiben könnte. Aber ist das der Sinn?

Für Pia Hartmann ist es wichtig, stets ein Ohr nach innen zu richten. „Ich bin hochsensibel und muss ein bisschen mehr auf mich aufpassen“, sagt sie. Zu viel Druck versetzt die 35-Jährige in einen Stresszustand, der sie krank werden lässt.

Vor zwei Jahren, als es ihr richtig schlecht ging, besuchte sie für vier Wochen eine Klinik für Psychosomatik. Inzwischen hat sie eine Therapeutin gefunden, die ihr sehr bei ihrer persönlichen Weiterentwicklung hilft und die sie daher eher als „Mentorin“ ansieht.

Vielleicht ist mein Problem aber auch gar kein Problem, sondern etwas Gutes.

Pia Hartmann weiß, dass ein „normaler“ Job als Angestellte mit einer 40-Stunden-Woche nicht das Richtige für sie wäre: Sie braucht Freiraum, muss sich kreativ entfalten können. Und sie muss Pausen nehmen, wann sie sie eben braucht.

„Ich finde nicht, dass das eine Krankheit ist“, sagt Pia Hartmann, die sich viel zum Thema Hochsensibilität belesen hat. „Das ist eine Gabe. Anders sein heißt nichts Schlechtes.“ Überhaupt sollte in der Öffentlichkeit viel offener darüber gesprochen werden, meint sie und bringt es auf den Punkt: „Eigentlich ist es doch die Gesellschaft, die krank ist, und nicht der einzelne Mensch.“

Pia Hartmann hat 2009 ihr eigenes Schmuck-Label unter dem Namen "Pärle" gegründet.

Pia Hartmann hat 2009 ihr eigenes Schmuck-Label unter dem Namen "Pärle" gegründet. © Christin Mols

Erst Anfang des Jahres hatte sich Pia Hartmann eine Auszeit genommen. Die Eröffnungsphase war intensiv gewesen. Produktion, Verkauf, Auslieferungen. Oft auch sonntags. Die Ladenbesitzerin sah sich am Ende ihrer Kräfte und zog die Notbremse. Eine Fastenkur, Bewegung und Draußensein. „Ich musste Motivation und Energie schöpfen.“

Adios ihr Gedanken, ihr wart trüb und schwer, ich will euch nicht mehr, haut ab.

Seit März hat das kleine Lädchen im Klinikviertel wieder regelmäßig geöffnet. „Ich bin froh, dass meine Kunden mir nicht böse sind. Sie sind froh, dass ich wieder da bin.“ Auch zwei Aushilfen sind jetzt dabei.

Ob Pia Hartmann heute glücklich ist? „Mein bunter Laden macht mich glücklich. Schmuckherstellen macht mich glücklich. Aber das ist nur ein Etappenziel.“ Sie habe lange gebraucht, um zu wissen, wer sie ist und was sie will – und das ist viel. „In meinem Kopf rattert es bereits vor Ideen.“ Sie will noch vieles im Leben ausprobieren. Aber Schritt für Schritt.

Der Weg ist das Ziel, soviel steht fest, wer an sich glaubt, der schafft auch den Rest.

Zur Sache

Das „Pärle“-Ladenlokal befindet sich in der Kleinen Beurhausstraße 5. Öffnungzeiten: dienstags bis freitags 11 bis 18 Uhr, samstags 11 bis 16 Uhr. Weitere Infos auf der Facebook-Seite.
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