Die Pink-Floyd-Ausstellung eröffnet am 15. September im U. Zeit für Erinnerung also: Vor 37 Jahren spielte die Band „The Wall“ in Dortmund. Hier erzählen die Menschen, die dabei waren.

Dortmund

, 07.09.2018, 14:42 Uhr / Lesedauer: 6 min

Dortmund 1981: Auf Gneisenau und Minister Stein qualmen die Schlote. Unter dem U wird Union-Bier gebraut. Der Benzinpreis steigt auf 1,50 Mark, deswegen ordnet der Innenminister an, die Dortmunder Polizisten sollten weniger fahren und mehr zu Fuß gehen. Dortmund ist damals nicht pink, sondern stahlgrau, biergelb, und international eher blass.

Dortmund hat etwas, das kaum eine andere Stadt besitzt

Pink Floyd dagegen ist eine der berühmtesten Bands überhaupt. Ihre 1981er „The Wall“-Tour ist für London, Los Angeles und New York geplant. Die Band sucht noch nach einem Auftrittsort auf dem europäischen Festland.

Dabei kommt sie - jetzt bitte nicht lachen - auf Dortmund.

Wir Dortmunder wissen natürlich: Dortmund ist eine super Stadt, vermutlich sogar eine der besten Städte überhaupt. Aber wir wissen auch: Außerhalb Dortmunds weiß das nicht jeder.

Pink Floyd jedenfalls sind schon mal hier gewesen, 1977 mit ihrer „Animals“-Tour, sie kennen die Westfalenhalle. `77 waren sie noch mit kleinerem Besteck unterwegs, fünf Sattelschlepper reichten aus. Jetzt, 1981, sind es 18 Sattelschlepper.

„Die Halle gehörte Anfang der 80er-Jahre zu den größten Veranstaltungshallen Europas“, sagt Westfalenhallen-Sprecher Andreas Weber heute. „In Deutschland ging für Veranstalter an der Halle eigentlich kaum ein Weg vorbei.“ Und außerhalb Deutschlands auch nicht viele. Nur die Westfalenhalle bot damals die Voraussetzungen, das riesige Equipment für „The Wall“ händeln zu können. Also kamen Roger Waters, David Gilmour, Nick Mason und Rick Wright nach Dortmund.

Das Plakat zur Show in Dortmund.

Das Plakat zur Show in Dortmund. © Archiv Westfalenhalle

Die „The Wall“-Tour war weltweit nur 31-mal zu sehen

Insgesamt gibt es wegen des enormen technischen Aufwands und der immensen Kosten nur 31 Live-Darbietungen dieser audio-visuellen Mega-Show. Sieben davon in Dortmund.

Vom 13. bis 19. Februar 1981 führen Pink Floyd die monumental ausstaffierte, von ihrem Mastermind Roger Waters erdachte Geschichte eines entrechteten Rockstars namens Pink auf.

Rund 170 Arbeiter bauen die Show damals fast zwei Wochen lang auf. Rund 80.000 Besucher kommen, der damalige Veranstalter sagte hinterher, die Nachfrage hätte für eine weitere Konzertwoche gereicht. Im Vorverkaufsbüro erinnert man sich an acht Arbeiter von der Bohrinsel Alpha 2 in Norwegen, die Karten „für einen schichtfreien Tag“ buchten.

„Dark Side Of The Moon“ im Ford Transit in Asien gehört

„Ich habe seitdem eine Menge Konzerte gesehen, aber das ist immer noch das Grandioseste“, sagt Birgit Debus (damals 29). „Diese intensive Musik, die man körperlich spürte, und diese Show. Die Show war damals ja auch viel besser als das meiste heute. Nicht so beliebig.“

Ende der 70er war sie mit ihrem damaligen Freund mit einem Ford Transit durch Asien gereist. Das Kassettendeck spielte die Pink-Floyd-Alben „Dark Side Of The Moon“ und „Wish You Were Here“ rauf und runter. 1981 ging sie ohne Karte zum Konzert, jemand bot ihr eine zum Originalpreis an, Tribünenplatz, gute Sicht, Glück gehabt. „Neben mir saß jemand, der als Tontechniker beim WDR arbeitete. Der kam aus dem Schwärmen gar nicht mehr raus.“ „Wish You Were Here“, sagt Brigitte Debus, höre sie heute noch ab und an.

Eigentlich hörte er lieber T.Rex - egal, hier musste er dabei sein

„Das war ein einzigartiges Erlebnis für Auge und Ohr. Der technische Aufwand, der für die akustischen und visuellen Effekte betrieben wurde, war für die damalige Zeit absolut spektakulär“, sagt Michael Kalies.

Der über viele Jahre in Dortmund bekannte DJ (erst „Birds“, dann „Holliday“) war gerade 21 Jahre alt und hörte eigentlich lieber Slade, Sweet und T. Rex als den Kunst-Rock von Pink-Floyd. „Dieses mehrtägige Live-Gastspiel war aber so eine große Nummer, dass ich als Musikliebhaber einfach dabei sein musste“, so Kalies.

Fritz Eckenga: „Die Show hätte mich so oder so aus den Schuhen gehoben“

„Überwältigend.“ So hat es der Autor, Theatermacher und Bühnenmensch Fritz Eckenga in Erinnerung. Eigentlich wollten seine Freunde und er, damals 26, das Konzert boykottieren, wegen der „wahnsinnigen Eintrittspreise“ und „diesem ganzen kapitalistischen Ansatz“. Aber wegen Problemen mit dem Vorverkauf wurden die Preise leicht reduziert. „Das war unser Alibi“, da konnten sie dann doch hingehen.

Fritz Eckenga fand das Konzert, mit einem Wort, „überwältigend“.

Fritz Eckenga fand das Konzert, mit einem Wort, „überwältigend“. © www.fsr-online.de

„Was mir am eindrücklichsten in Erinnerung geblieben ist - abgesehen von den Knalleffekten, und Knall ist bei Pink Floyd wörtlich gemeint - war tatsächlich die Optik. Diese Riesenmauer quer durch die Halle, und darauf haben sie wunderbare Animationen und Cartoons projiziert, die die Geschichte erzählten.

Ich glaube, auch wenn ich nicht total auf die Musik gestanden hätte, die Show hätte mich so oder so aus den Schuhen gehoben.“

„Das hatte die Welt noch nicht gesehen“

„Die Show“, sagt Eckenga, „war, dafür gibt es kein anderes Wort, Avantgarde. Das hatte die Welt noch nicht gesehen, zumindest, wenn sie aus Dortmund kam, die Welt.“

Die Mauer stand im Zentrum der Live-Präsentation des 1979 erschienenen Konzept-Doppelalbums „The Wall“. Die Steine in der Mauer symbolisierten Schlüsselerlebnisse des problembeladenen Musikers Pink.

Richard Ortmann erlebte das Konzert „backstage und mit Scheißakustik“

Mit Richard Ortmann erinnert sich ein weiterer Dortmunder an die Show. „Ich war an einem Montagabend in der Westfalenhalle. Jemand hatte mir kurzfristig seine Karte für 20 D-Mark überlassen. Ich saß hoch oben hinter der Bühne, sah das Ganze also backstage und mit einer Scheißakustik.“

Ortmann betreibt heute mit Hans Schreiber das Archiv für Popkultur in der Alten Kolonie am Evinger Nollendorfplatz.

Richard Ortmann beobachtete das Konzert von einem Platz hinter der Bühne.

Richard Ortmann beobachtete das Konzert von einem Platz hinter der Bühne. © Christin Mols

An jenem Montag war er 25 Jahre jung, war Musiker und Komponist – „und mit der musikalischen Urgewalt eines Peter Brötzmann groß geworden“, wie er sagt. Peter Brötzmann ist ein Saxofonist aus Remscheid, der großen Einfluss auf den europäischen Free Jazz hat.

Standing Ovations für die Licht- und Tonleute

Ganz andere, sehr komplexe und improvisierte Musik gewohnt, landete Richard Ortmann also in dieser minutiös durchkonzeptionierten, pompösen Rock-Show von Pink Floyd.

Weniger bei sich, umso mehr aber bei den etwa 10.000 Menschen im großen Rund spürte er die enorme Vorfeude. „Die Halle war im Innenraum bestuhlt. Es war wie bei einer Kino-Aufführung. Alles wartete gebannt. Und als zehn Leute für Licht und Ton auf die Bühne sprangen, gab es schon Standing Ovations“, erzählt Ortmann.

Ortmann beobachtete, wie zu Beginn des Konzerts etwas schiefging, einige Pappsteine der Mauer runterfielen und mit Gabelstaplern wieder aufgebaut wurden. „Da war hektischer Betrieb hinter der Bühne. Das konnte ich ja alles genau sehen. Und dann zappelte ganz dicht vor mir plötzlich so eine riesige Lehrerpuppe“, sagt Ortmann.

Der Schülerchor sang: „Another brick in the Wall“

Kurz nachdem diese gut zehn Meter hohe Lehrerpuppe aufgeblasen war, muss dann der Mega-Hit „Another brick in the wall“ mit dem Schülerchor, der lauthals „We don‘t need no education“ („Wir brauchen keine Erziehung“) singt, erklungen sein.

Der Song mit dem prägnanten Gitarren-Solo von David Gilmour ist bis heute – zum Bedauern der Fans jener Pink Floyds aus der Psychodelic-Rock-Ära in den 60ern – so etwas wie die Hymne der Band.

Hans Schreiber: „Das war mir viel zu kommerziell“

„Die Westfalenhalle war damals ein Anziehungspunkt für alle großen Bands und Künstler“, sagt Hans Schreiber vom Archiv für Pop-Kultur in Eving. „Die Stones waren hier, Tina Turner, Stevie Wonder oder auch James Brown.“

Er hat sie alle live erlebt, aber „The Wall“ hat er nicht gesehen. Bewusst. „Da waren mir Pink Floyd schon lange viel zu kommerziell“, sagt der heute 70-Jährige.

Hans Schreiber (r.) mit Richard Ortmann.

Hans Schreiber (r.) mit Richard Ortmann. © Peter Wulle

Klar, in seinem Fall waren es die Gnade der späten Geburt und sein musikalischer Entdeckerdrang, die ihn Pink Floyd schon 1967 in London hören ließen. Hans Schreiber trampte damals regelmäßig nach London und besuchte den legendären Club UFO.

„Das war der Club für die Londoner Underground-Szene. Da passten nur etwa 100 Leute rein. Der Laden war immer überfüllt und voller Drogen. Pink Floyd waren da damals mit Syd Barrett die Haus-Band“, sagt Schreiber.

Schon in den 60ern hatten Pink Floyd Öl-Lampen-Lichtshows

Syd Barrett war der geniale Kopf von Pink Floyd, der die sphärisch-psychedelischen Klanglandschaften entwarf. „Und der auch schon Wert auf visuelle Effekte legte. Zu Pink-Floyd-Konzerten gehörten damals schon Projektionen und Öl-Lampen-Lightshows“, sagt Schreiber.

Diese erst simplen Bühnen-Hintergründe gipfelten 1980/81 schließlich in dem Bombast von „The Wall“ mit der über zwölf Meter hohen Mauer aus Pappsteinen und den Animationen von Gerald Scarfes in Form von Projektionen und als über zehn Meter hohe Puppen.

Syd Barrett erlebte das als Bandmitglied schon längst nicht mehr. Er war wegen seiner Drogenexzesse schon in den 60ern aus der Band geworfen und inzwischen zum Mythos geworden - von Roger Waters zum Beispiel verewigt in den unvergänglichen Songs „Wish you were here“ und „Shine on you crazy diamond“.

„Wir sind hingefahren, weil wir es nicht glauben konnten“

Wie Hans Schreiber, wäre vielleicht auch Klaus-Peter Busse, Kunstwissenschaftsprofessor an der Uni Dortmund, lieber erst gar nicht hingegangen. Er liebte Pink Floyd in den 70er-Jahren, vor allem wegen des „herausragenden“ Gitarrenspiels von David Gilmour.

1977, mit Mitte 20, fuhr er mit ein paar Freunden nachmittags zur Halle, „man wusste ja von den fünf Sattelschleppern und 120 Mann für den Aufbau. Wir sind hingefahren, weil wir es nicht glauben konnten.“

Klaus-Peter Busse (r.) auf der Hochschuletage des U mit Edwin Jacobs.

Klaus-Peter Busse (r.) auf der Hochschuletage des U mit Edwin Jacobs. © Tilman Abegg

`81 dann war er wieder dabei. „Da war ich dann total enttäuscht. Danach habe ich mich von Pink Floyd abgewandt.“ Busse erinnert sich gut an ein früheres Konzert auf einem Festival in Essen, Pink Floyd war der Headliner. „Das Konzert war episch, lang und psychedelisch.“

Klaus-Peter Busse: „Ich brauchte die ganze Show nicht“

In den 70ern seien die Konzerte der Band immer bombastischer, mainstreamiger, theatralischer geworden. 1981 schließlich war es Busse endgültig zu viel. „Ich brauchte die ganze Show nicht. Ich wollte die Musiker und die Instrumente sehen.“

Dafür war Pink Floyd wahrscheinlich einfach die falsche Band. Bekannt für ihre Unnahbarkeit, hielten sich die Musiker beim Konzert 1981 sehr im Hintergrund, versteckten sich förmlich hinterm Bombast. Übernachtet hat die Band übrigens in Düsseldorf, „man will Ruhe vor den Fans“, wie eine Zeitung damals schrieb.

Nur das Ende, sagt Eckenga, war eine Enttäuschung

Für Fritz Eckenga gab es bei dem Konzert nur einen Moment der Enttäuschung. „Das Ende. Keine Zugabe. Es ging einfach das Saallicht an, und das war schon ziemlich ernüchternd. Und dann gingen wir raus und dann war da wieder nur Dortmund.“

Die Zugabe, hakt sich Martin Koch ein, der Marketingmanager der Pink-Floyd-Ausstellung, die gebe es ab 15. September im U-Turm. Da könne sie so lange dauern, wie man will. Mit dem echten fliegenden Schwein und vielen coolen anderen Dingen, mit einem ganz modernen Kopfhörersystem, das jedem Besucher immer die passenden Sounds und Infos abspiele, je nachdem, wo in der Ausstellung er sich befinde. Und mit einer multimedialen 360-Grad-Konzert-Visualisierung als Höhepunkt.

Fritz Eckenga kennt die Ausstellung schon. Er war zufällig in London, als die Schau dort von Mai bis Oktober 2017 im V&A-Museum zu sehen war. Die sei schon nicht schlecht, sagt er. Und das Multimediakonzert, das komme schon nah ran.

Mit der Ausstellung „Pink Floyd - Her Mortal Remains“ steht Dortmund wieder in einer Reihe mit drei Weltstädten. Die Retrospektive der Kult-Band war bisher in London und Rom zu sehen und wird anschließend nur noch einmal in New York aufgebaut.
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