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Nachverdichtung: „Plötzlich war der Garten weg!“

rnSerie „Wohnen in Dortmund“

Wo bisher eine grüne Oase ist, sollen nun Neubauten hin: Nachverdichtungen sorgen immer wieder für Unmut. Die Huckarder Union-Siedlung hat das lange hinter sich. Wie hat sie sich verändert?

Dortmund

, 22.05.2019 / Lesedauer: 5 min

Wenn Luise Wehrmann über ihren alten Garten im Herzen der Union-Siedlung spricht, lächelt sie ein bisschen wehmütig: „Da hatten wir alles, Gemüse, Obst, eine kleine offene Laube, ringsrum Efeu und Rosen“, erzählt die 69-Jährige. An warmen Huckarder Sommerabenden, wenn ihr Mann Rudi von seiner Schicht im Kaltwalzwerk auf der Westfalenhütte zurück war, schmiss er für Luise und Tochter Sylvia den Grill an. Und wenn etwas Knoblauch fehlte, borgte man sich den bei einem der Türken aus den Nachbargärten. Malocher-Romantik.

In den 1940er-Jahren waren für die Arbeiter der Hüttenunion und später von Hoesch im Westen von Huckarde große Mehrfamilienhäuser hochgezogen worden, luftig drapiert auf damals noch freiem Feld. Im Innern des Straßengevierts von Aspey-, Mamertus-, Servatius- und Unterfeldstraße war massig Platz für über 20 langgezogene Gartenparzellen, die die Nachbarn für ein paar Mark pro Jahr pachten konnten.

„Plötzlich war der Garten weg!“

Fast dreißig Jahre ging das so. Doch dann, um das Jahr 2000 herum, kamen die Bagger. „Es war schon komisch“, erinnert sich Luise Wehrmann, „plötzlich war der Garten weg!“ Ein Jahr später blickten die Wehrmanns von ihrer Wohnung im 1. Stock nicht mehr ins Grüne, sondern auf eine neue Siedlung: Dicht an dicht stehen dort nun 42 Eigenheime entlang der neuen Straße „Reithof“.

Im Gegenzug verpflichtete sich die Eigentümerin der Fläche, die Veba (eine Vorgängerin der heutigen Vonovia), in einem Vertrag mit der Stadt, die umliegenden Mietshäuser für insgesamt 11 Millionen Mark zu sanieren: 50 der 183 Wohnungen in den Häusern bekamen bessere Fenster, und Wärmedämmung, dazu neue Bäder. Die Wohnung der Wehrmanns gehörte nicht dazu. „Immerhin hat man unsere Außenwände gestrichen“, sagt Rudi Wehrmann, heute 77.

Aktuell laufen mehrere große Nachverdichtungen in Dortmund

Das, was in der Union-Siedlung in Huckarde um die Jahrtausendwende passiert ist, nennt sich in der Fachsprache des Städtebaus Nachverdichtung. Gemeint ist damit die Nutzung noch freistehender Flächen zwischen bereits bestehender Bebauung.

Von politischer Seite wird Nachverdichtung ausdrücklich favorisiert gegenüber der Neuschaffung von Bauland: „Seit Jahren forciert der Gesetzgeber Innenverdichtung anstatt Außenentwicklung“, erklärt Thomas Rohr, der seit 25 Jahren als Raumplaner im städtischen Planungsamt arbeitet und auch beteiligt an den Planungen der Reithof-Siedlung war. Nachverdichtung sei kostengünstiger, weil sie auf bestehende Infrastruktur zurückgreife, und schone Freiflächen.

Rainer Stücker, Geschäftsführer des Mietervereins Dortmund, nennt noch einen anderen Grund: „Immer, wenn es auf dem Wohnungsmarkt eng wird, kommt das Thema Nachverdichtung verstärkt auf.“ Auf bestehenden Wohnflächen kann schneller gebaut werden. Aktuell fehlen Dortmund laut einer Studie der NRW-Bank über 2000 Wohnungen pro Jahr.

Und so wundert es nicht, dass es aktuell gleich mehrere große Nachverdichtungsprojekte in Dortmund gibt, in Hombruch, im westlichen Kreuzviertel oder in Scharnhorst. All diese Projekte werden oder wurden begleitet vom Protest überrumpelter und verärgerter Anwohner.

Nachverdichtung: „Plötzlich war der Garten weg!“

Andreas Wüstenhöfer zog 2001 mit seiner Familie in sein neues Eigenheim. Zu seinem kleinen Reich gehört ein Garten und eine große Garage. © Thomas Thiel

Doch wie verändert sich eine Nachbarschaft, wenn die Neubauten stehen und die neuen Nachbarn eingezogen sind? Andreas Wüstenhöfer erinnert sich gut: „Die erste Zeit war schwer.“ Der heute 53-Jährige bezog 2001 mit seiner Familie als einer der ersten sein neues Eigenheim am Reithof: 120 Quadratmeter auf drei Etagen, kleiner Garten, kein Keller, dafür aber eine große Garage.

Das Verhältnis zu den alteingesessenen Bewohnern der Mietshäuser war anfangs ziemlich angespannt, sagt Wüstenhöfer: „Die dachten, da ziehen welche ein, die sich für was besseres halten.“ Eine Befürchtung, die sich zumindest bei Wüstenhöfer schnell erledigt hatte: Der gebürtige Martener war selbst Bergmann und arbeitet inzwischen auf dem Rangierbahnhof der Bahn direkt südlich des Westfalenhütten-Geländes.

Alteingesessene beschwerten sich über Kinderlärm

Im April 2001 verteilte der Mieterbeirat der „Union-Siedlung“ einen Brief in der Neubausiedlung, mit dem die neuen Nachbarn „herzlich Willkommen“ geheißen wurden. In dem Schreiben zählten die alteingesessenen Bewohner aber auch die Sachen auf, die sie störten: etwa die „zu viel und zu dicht angebauten Garagen an die Mietshäuser“ und das Nutzen eines Weges als nicht vereinbarte zweite Zufahrt zum Neubaugebiet.

Außerdem beschwerten sich die Alteingesessenen über den Lärm der vielen Kinder aus der Neubausiedlung, die auf den Wiesen zwischen den Mietshäusern spielen würden: „Wäsche- bzw. Trockenwiesen sind keine Fußballplätze“, schließt der Brief.

Durch Nachverdichtung prallten Welten aufeinander

Durch die Nachverdichtung am Reithof prallten nicht nur Mieter- und Eigentümerwelten aufeinander, sondern auch zwei Generationen: Die klassische Eigenheimkäufer-Generation mit kleinen Kindern traf auf eine etablierte Arbeiter-Siedlung, die im Laufe der Jahrzehnte gealtert war.

„Für die alten Mieter war der Kinderlärm ungewohnt, schließlich waren deren Kinder schon längst aus dem Haus“, sagt Wilfried Ludin. Der 74-Jährige ist seit 2001 Vorsitzender der Siedlergemeinschaft Reithof.

Nachverdichtung: „Plötzlich war der Garten weg!“

Wilfried Ludin ist seit 18 Jahren Vorsitzender der Siedlergemeinschaft Reithof. Für den 74-Jährigen ist das Neubaugebiet „eine der schönsten Kleinsiedlungen Dortmunds“. © Thomas Thiel

Ludin selbst wohnt gar nicht im Neubaugebiet, kennt das Viertel jedoch wie kaum ein anderer. Seit 1977 lebt er an der Aspeystraße, in einem vom Efeu zugewachsenen Einfamilienhaus aus den 1940er-Jahren. Dort zogen Ludin und seine Frau vier Kinder groß. Eine seiner Töchter ist die Frau von Andreas Wüstenhöfer, er gab den beiden den Tipp mit dem Eigenheim am Reithof. „Es ist eine der schönsten Kleinsiedlungen Dortmunds“, findet Ludin.

Das Neubaugebiet habe der Union-Siedlung gut getan, sagt Ludin: „Das ganze Viertel hat sich verschönert.“ In den 1990er-Jahren sei die Union-Siedlung auf dem absteigenden Ast gewesen: „Die Nachbarschaft war überaltert.“ Viele Gärten im Innenhof waren zu dem Zeitpunkt verwildert. Der Niedergang des Innenhofs war auch gut am Spielplatz in dessen Zentrum zu sehen. „Der war am Ende echt ätzend“, erinnert sich auch Alt-Mieterin Luise Wehrmann, „voller Scherben und Hundekot, da trafen sich nur noch die Kiffer.“

Nachverdichtung: „Plötzlich war der Garten weg!“

Schnell gab es Beschwerden aus den alten Mietshäusern (links) über spielende Kinder aus dem Neubaugebiet (rechts). „Wäsche- bzw. Trockenwiesen sind keine Fußballplätze“, hieß es in einem Rundbrief. © Thomas Thiel

Insofern wirkte die Nachverdichtung wie eine Bluttransfusion für die Union-Siedlung: Es kam frisches Leben hinein. „In der Hochzeit Mitte der Nullerjahre lebten hier um die 50 Kinder“, erinnert sich Eigenheim-Besitzer Wüstenhöfer.

Mieter und Hauseigentümer haben sich aneinander gewöhnt

Im Laufe der Jahre gewöhnten sich die alten Mieter und die neuen Hausbesitzer aneinander. Nachbarschaftsfeste halfen, Kontakte zu knüpfen, auch wenn „beide Siedlungen eigentlich unter sich geblieben sind“, wie Luise Wehrmann erzählt, die 2016 mit ihrem Mann wegzog. Draußen die teilweise etwas herunterkommen wirkenden Mietshäuser, wo auch schonmal Plastikmüll verteilt auf der Wiese zur Straße liegt, drinnen die properen Reihenhäuschen mit ihren Klinkerfassaden und ihren penibel gepflegten Vorgärten.

Heute leben die beiden Siedlungen in friedlicher Koexistenz miteinander. „Wenn wir im Urlaub sind, passen unsere Nachbarn aus den Mietshäusern auf unseren Garten auf“, sagt zum Beispiel Hausbesitzerin Yvonne Künnemann. „Man hilft sich eben.“ Und Klaus Kreuzberg, seit 2004 Mieter an der Aspeystraße, sagt: „Wir haben hier keine Probleme. Mit wem will man hier auch Stress haben?“

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