Pogromgedenken in Dorstfeld: „Wir geben diesen Stadtteil nicht auf“

rnErinnerung

Rund 200 Menschen haben am Freitagnachmittag in Dorstfeld der Opfer der Reichspogromnacht 1938 gedacht. Eine Handvoll Nazis musste draußen bleiben.

Dortmund

, 08.11.2019, 18:18 Uhr / Lesedauer: 2 min

200 Menschen können sehr still sein. Wie still, zeigt sich am Freitagnachmittag am Wittener Platz in Dorstfeld, als der Kantor der jüdischen Gemeinde das „El Male Rachamim“ anstimmt, das jüdische Gedenkgebet für die Opfer des Holocausts.

Der hebräische Klagegesang hallt zurück von den Fassaden des nahen Wilhelmplatzes, nur untermalt vom leisen Tuckern des Generators für die Lautsprecheranlage.

„Für mein Volk war das kein Vogelschiss der Geschichte!“

Es ist der Tag vor dem 81. Jahrestags der Reichspogromnacht, als in ganz Deutschland Synagogen brannten und zerstört wurden – auch in Dorstfeld. Am Mahnmal für die zerstörte Dorstfelder Synagoge gedenkt Dortmund deshalb dieses Verlusts und der jüdischen Opfer des Dritten Reichs.

„Für mein Volk war das kein Vogelschiss der Geschichte!“, ruft der Rabbi der jüdischen Gemeinde Dortmund, Baruch Babaev, in Anspielung auf die berühmt-berüchtigte Rede des AfD-Bundessprechers Alexander Gauland ins Mikrofon.

Gleichzeitig ist das Pogromgedenken ein Zeichen gegen den aktuell wieder aufflackernden Antisemitismus und Rechtsextremismus. Auf dem Wilhelmplatz haben Dortmunder Schulen und Organisationen wie die Naziopfer-Beratung Back-Up Zelte aufgebaut.

Zeichen gegen Antisemitismus an Wohnort von Nazis

Die Geschichte von Anne Frank wird auf Schauwänden erzählt, nebenan wird über die Strukturen der Dortmunder Naziszene aufgeklärt. Im Zelt des Jugendrings Dortmund lassen sich Dortmunder mit dem Schild „Antisemitismus? Nicht mit mir!“ fotografieren.

Das Dorstfelder Zentrum ist natürlich ein spezieller Ort für eine Veranstaltung gegen Antisemitismus: Rund um den Wilhelmplatz wohnt der harte Kern der Dortmunder Naziszene, lange prangte an Garagen in der Emscherstraße ein großes „Nazi-Kiez“-Graffito, bis es die Stadt vor ein paar Monaten in einer symbolträchtigen Aktion übermalen ließ.

Entsprechend groß ist das Polizeiaufgebot: An jeder Ecke stehen Mannschaftswagen, berittene Polizisten sind unterwegs, alle Zugangsstraßen zum Wilhelmplatz gesperrt. Mehrere Buslinien wurden wegen des Pogromgedenkens umgeleitet. Die Stadtbahnen der U43 und U44 können zwar fahren, ein- und aussteigen kann man aber nicht an der Wittener Straße.

So bleibt das Pogromgedenken frei von Störungen durch Rechtsextreme. Die Polizei wird später von einer „würdevollen Veranstaltung“ sprechen, und sie hat Recht: Neben dem Rabbi tragen Schüler selbst geschriebene Texte gegen Vorurteile und Hass vor. „Wir geben diesen Stadtteil nicht auf“, sagt Bürgermeisterin Bigit Jörder.

Nazis durften sich Pogromgedenken nicht nähern

Ein Versprechen an die Dorstfelder – und gleichzeitig eine Ansage an die Dortmunder Nazis. Eine Handvoll von ihnen steht knapp hundert Meter vom Pogromgedenken entfernt an der Ecke Dorstfelder Hellweg / Thusneldastraße, unter der ständigen Beobachtung von Bereitschaftspolizisten.

Die Polizei habe den Rechtsextremen vorab gesagt, bis wohin sie sich der Veranstaltung nähern dürften, sagt Polizeisprecherin Cornelia Weigandt auf Anfrage unserer Redaktion, daran hätten sie sich gehalten.

So kriegen die Teilnehmer des Pogromgedenkens kaum etwas von den Nazis mit. Als danach eine Stadtbahn voller Kundgebungs-Teilnehmer an der Gruppe vorbeifährt, grüßt einer von ihnen spöttisch, in dem er den Nazi-Gegnern mit einer Bierflasche zuprostet.

Es ist kurz vor vier.

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