Polizei warnt vor privater Internet-Fahndung

Soziale Medien

Das Gesetz in die eigene Hand nehmen oder ihm zumindest auf die Sprünge helfen, mutmaßliche Opfer schützen und Straftätern das Leben schwer machen – das Internet macht’s möglich. Auf Social-Media-Kanälen ist ein Foto schnell verteilt und eine Behauptung aufgestellt. Die Polizei registriert, dass Online-Fahndungen zunehmen und rät dringend vom digitalen Pranger ab.

DORTMUND

, 29.07.2017, 15:16 Uhr / Lesedauer: 6 min
Polizei warnt vor privater Internet-Fahndung

Mit dem Smartphone lassen sich einfach private Öffentlichkeitsfahndungen initiieren. Doch schnell machen Nutzer sich selbst strafbar.

Es sind die letzten Schultage, von denen es für gewöhnlich heißt, an ihnen geschehe nicht mehr viel. Die fünf Polizisten – zwei in Uniform, drei in Zivil, dafür mit entsprechenden Westen ausgestattet – kommen gegen 11.30 Uhr an die kleine Grundschule draußen in Asseln. Sie besprechen sich kurz miteinander, dann nehmen sie ihre Unterlagen – viele Sammelmappen für Kindersicherheit im Medienalltag und viele Din-A4-Zettel mit der Überschrift „So können Sie Ihr Kind schützen“ – und gehen in Richtung Schulgebäude. Dahin, wo die Kinder herausströmen. Und also auch dahin, wo die Mütter stehen.

Die Mütter warten schon. Sie haben Gesprächsbedarf. Klaus Beisemann ist Polizeioberkommissar im KKKPO, was für „Kriminalkommissariat Kriminalprävention und Opferschutz“ steht. Opferschutz ist das, was die Eltern wollen. Beisemanns Job ist an diesem Vormittag in Asseln, wenn man so will, die Kriminalprävention. Deeskalation. Ruhe reinbringen. Wie bringt man Ruhe in aufgebrachte Eltern? Beisemann hört zu. Lächelt offen. Lässt die Menschen sich Luft machen. Und dann reagiert er.

14-Jähriger ließ seine Hose herunter

„Ich“, sagt eine Mutter, „lasse mein Kind nicht mehr vor die Tür.“ „Und“, erwidert Beisemann, „wie lange wollen Sie das machen? Die ganzen Sommerferien?“ Die Sorge der Mutter hat diesen Grund: Ein 14-Jähriger hatte – das ist inzwischen klar – vor zwei Mädchen, Grundschülerinnen dieser Schule, seine Hose heruntergelassen. Ein Kind soll er aufgefordert haben, mit ihm Sex zu haben. Das ist nicht schön. Das will niemand, erst recht keine Mutter, kein Vater. Beide Mädchen rannten weg. Und so kann man die Aufgebrachten verstehen. Fest steht aber auch: Die Mädchen wurden nicht angefasst. Sie haben sich genau richtig verhalten. Der Täter ist bekannt.

Am Tag der zweiten Tat stand abends die Polizei vor seiner Tür, der 14-Jährige hatte sich da schon in Garagenhöfen versteckt, weil er eine Idee hatte, warum die Polizisten da waren. Er habe sich, sagt ein Polizist, geschämt und sei dann im Beisein seiner Eltern vernommen worden. „Der wird“, sagt Beisemann zu der Mutter über den 14-Jährigen, „so etwas nicht mehr tun.“ „Können Sie das“, fragt die Mutter zurück, „garantieren?“ Wie sollte er? Er hat nur seine Erfahrung aus vielen Jahren Polizeiarbeit. Wie jeder Polizist weiß er, dass es solche Fälle immer mal wieder gegeben hat. Dass man sie nicht ausschließen kann. Aber dass, wenn ein Verdächtiger bekannt und vernommen und noch relativ jung ist, die Wahrscheinlichkeit, dass er erneut die Hose vor kleinen Mädchen herunterlassen wird, sehr gering ist.

Schulleiter Hans-Ulrich Sommer ist auch vor die Schule gekommen, optisch erinnert er an einen freundlichen Alt-68er. So steht er vor dem Zaun, der das Schulgelände vom Bürgersteig trennt. Am Zaun hinter ihm drängeln sich Schulkinder, ab und an greifen sie dem Schulleiter ins weiße, längere Haar. Sie sind aufgeregt, die Ferien vor der Tür und die Polizei vor dem Tor, dann ruft ein Junge zu einem Polizisten: „Ich weiß, wo der wohnt. Soll ich dir sagen, wo der wohnt?“ Wo der – also der 14-Jährige – wohnt, wissen hier alle. Die Polizei weiß es, die Eltern wissen es, der Schulleiter weiß es, die meisten Kinder wissen es und dass das so ist, liegt an Whatsapp. Ein Nachrichten-Dienst, über den man Texte, Bild-, Video- oder Tondateien zwischen zwei Menschen oder in Gruppen teilen kann.

"Privat initiierte Öffentlichkeitsfahndung"

Whatsapp hat eigentlich fast jeder, der ein Smartphone hat, und es gibt für alles, wo Menschen miteinander zu tun haben, Gruppen. Die Eltern der Schulklasse haben eine Gruppe. Der Fußballverein eines Sohnes hat eine eigene Gruppe. Die Turngruppe der Tochter. Die Parteien in einem Mehrfamilienhaus. Es gibt für alles eine Gruppe. Früher brauchte es eine Telefonkette, wenn Informationen alle erreichen sollten. Heute reicht ein Klick. Das kann sehr praktisch sein. Das kann nerven. Das kann aber auch die Tür öffnen für ein Phänomen, das die Dortmunder Polizei so noch nicht kannte: Die „privat initiierte Öffentlichkeitsfahndung“.

Als die Tat in Asseln geschah und der Jugendliche die Hosen runterließ, wussten einige Mitschüler und Geschwisterkinder, wer der Jugendliche war und wo er wohnte. Was dann geschah, war, dass alarmierte Eltern sich auf den Weg machten, den Übeltäter zu stellen und die Polizei zu verständigen. Dabei muss ein Foto von dem Jugendlichen entstanden sein, das dann in einer Whatsapp-Gruppe weiterverbreitet wurde.

Der Ruf nach Lynchjustiz

Schulleiter Sommer sagt vor seinem Schulgebäude, er sei perplex. Man könne sich kein Bild davon machen, was in seinem Schulleiterzimmer am Vortag los gewesen sei. Aufgebrachte Eltern hätten sich die Klinke in die Hand gegeben, hätten ihm jeweils ihre Handys vor das Gesicht gehalten und wissen wollen, was er jetzt zu tun gedenke. Auf den Handydisplays das Foto des Jungen. Unter dem Bild Nachrichten, von den Eltern geschrieben. Die, sagt der Schulleiter, habe er schnell nicht mehr lesen wollen. Da ging es um Eier, die abgerissen gehörten, um Drohungen, es war letztlich der Ruf nach Lynchjustiz, der sich Bahn brach. Versehen mit dem Hinweis, diese Nachricht bitte nicht auf Facebook zu teilen, da das rechtliche Probleme mit sich bringen könnte.

Das Verbreiten von Bildern von Einzelpersonen ist verboten

Das kann so eine Nachricht, auf Whatsapp verbreitet, genauso. Prof. Dr. Nikolas Guggenberger ist Experte für IT-Recht an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Für ihn sind die privat initiierten Öffentlichkeitsfahndungen „hochproblematisch“. Das hat verschiedene Gründe. Grundsätzlich ist das Verbreiten von Bildern von Einzelpersonen verboten. So regelt es das Kunsturheberrecht. Gegen das man auch verstößt, wenn man eine solche Nachricht nur weiterverbreitet. Und noch etwas spricht für Guggenberger gegen ein Weiterleiten solcher Nachrichten: „Woher wollen Sie wissen, ob das, was Sie da weiterverbreiten, der Wahrheit entspricht?“

Problematisch ist, dass ein solches Vergehen gegen das Kunsturheberrecht nur auf Antrag verfolgt wird. Das heißt, der Geschädigte muss selbst aktiv werden. Aber das ist nicht der einzige Verstoß, der sich aus solchen Nachrichten ergeben kann: „Wenn solche Bilder als Warnhinweis oder als Fahndungsaufruf verbreitet werden, ergibt sich daraus eine Gefährdungslage für den, der auf dem Foto abgebildet ist.“ Woraus sich wiederum verschiedene Dinge ableiten lassen. Da geht es dann schnell um Schmerzensgeld, um Beleidigung, Verleumdung, üble Nachrede, nicht zutreffende Tatsachenbehauptungen. „Lassen sie“, rät Guggenberger, „von solchen Nachrichten die Finger.“

Keine Kontrolle über Weiterverbreitung

Er verdeutlicht das noch an einem Beispiel. Wenn die Polizei eine Öffentlichkeitsfahndung initiiert, wurde zuvor polizeilich ermittelt. Und, vielleicht ist das der wichtigste Punkt: Es gibt einen richterlichen Beschluss, der diese Öffentlichkeitsfahndung juristisch wasserdicht macht. Nun gibt es die Möglichkeit, solche Fahndungsbilder auf den Internetseiten der Polizei herunterzuladen. „Schon, wenn Sie das tun und dann dieses Bild, vielleicht gut gemeint, weiterverbreiten, sind Sie nicht mehr in der Lage, das zu kontrollieren. Wenn die Polizei ihre Fahndung beendet, ist Ihre persönliche Fahndung immer noch im Netz. Und dann können Sie schnell ein Problem bekommen.“

Im Juni gab es an einer anderen Dortmunder Grundschule, sie liegt in Derne, einen weiteren Vorfall: Ein Mann, so veröffentlichte es später die Polizei, hatte ein Mädchen angesprochen und offenbar häufiger beschenkt. Der Mutter war aufgefallen, dass die Sechsjährige, obwohl sie kein Taschengeld bekam, immer wieder mit Gegenständen nach Hause kam. Die Polizei wurde eingeschaltet, das Kind wurde vernommen, eine verwertbare Personenbeschreibung konnte nicht gewonnen werden. Weitere Auffälligkeiten gab es dann nicht mehr. Auf dem Schulweg des Kindes trat kein Mann mehr in Erscheinung.

Doch dafür entwickelte die Geschichte ein Eigenleben, wie es die Dortmunder Polizei, so sagt es ein Sprecher, bisher noch nicht erlebt hatte. Wo der Eintrag zuerst auftauchte, ob bei Facebook oder bei Whatsapp, ist heute nicht mehr ganz klar zu eruieren. Aber es kursierten dann sehr schnell verschiedene Fotos eines Mannes. Die Bilder, eine Art Serie, wurden offenbar von einem Balkon aus aufgenommen und so, wie sie aussehen, bemerkte der Mann nicht, dass er aufgenommen wurde. Die Bilder waren mit einem Text versehen, demzufolge dieser Mann der sei, der das Kind angesprochen habe. Man sah hier, so suggerierte die Nachricht, einen Kinderschänder vor sich, vor dem die Welt zu warnen sei. Man solle die Polizei verständigen, wenn man den Mann sieht. Und selbstverständlich dauerte es nicht lange, bis es die entsprechenden Kommentare gab: Wozu man da die Polizei brauche, das ginge auch anders, vornehm ausgedrückt.

Heischen um Aufmerksamkeit

Es gibt verschiedene Motivationen, warum Menschen solche Beiträge verfassen. Das kann tatsächlich das gut gemeinte Warnen sein. Das kann auch, so vermutet es ein Polizist, das Heischen um Aufmerksamkeit in der digitalen Welt sein. Vermutlich ist das in diesem Fall so, denn das Problem, das sich hinter dem Fall aus Derne verbirgt, ist folgendes: Der Mann, dessen Foto hundertfach verbreitet und angeschaut wurde, das mal hier und mal dort wieder hochkam, hat, soviel ist inzwischen sicher, mit der Sechsjährigen nichts zu tun. Hat sie nie angesprochen. Hat ihr nie etwas geschenkt. Kennt sie nicht und dennoch kursiert sein Abbild in Dortmund und darüber hinaus im Internet und er gilt als potenzieller Kinderschänder. Es gibt wenige Vorwürfe, die schlimmer wiegen. Vielleicht gar keinen. Aber seine Bilder stehen im Netz und werden dort auch nicht mehr verschwinden.

Im Moment ermittelt die Polizei, wer die erste Nachricht mit den Bildern des Mannes verbreitet hat. Der Fall liegt jetzt bei der Staatsanwaltschaft. Was wäre, wenn jemand diesen Mann sieht und ihn von Fotos, die er im Netz gesehen hat, wiedererkennt? Was, wenn dieser jemand meint, die Gerechtigkeit in die eigenen Hände zu nehmen? Was, wenn dann plötzlich jemand am Boden liegt?

Vor der Asselner Grundschule stehen nach wie vor die Eltern, fast ausschließlich Mütter, und diskutieren mit den Polizisten und untereinander. Schulleiter Sommer sagt, Asseln sei doch ein Dorf, jeder kenne hier jeden. Man muss, sagt der Schulleiter, ein Spießrutenlaufen doch verhindern. Auf den Einwand, dass das doch schon ein Spießrutenlauf sei, nickt Sommer. Froh sei er, sagt er, dass seine Kinder noch ohne solche Entwicklungen groß geworden seien. Auch damals habe es mal Geschichten gegeben von Männern, die Kindern etwas antun wollten. Davon habe man in der Zeitung gelesen und war dann froh, dass das nicht im eigenen Stadtteil passiert sei. Jetzt, hier, hat er es, seitdem der 14-Jährige die Hosen runtergelassen hat, mit einer permanenten Aufgeregtheit zu tun. Sommer hofft, dass die Sommerferien die Situation ein wenig entspannen und den Druck vom Kessel nehmen.

Die Polizei warnt

Polizist Beisemann sagt noch, dass auf dem Zettel „So schützen Sie Ihr Kind“ ein Absatz hinzugefügt werden soll. Thema: Warnung vor selbst initiierten Fahndungen. Das Innenministerium in Düsseldorf lässt über einen Sprecher sagen, dass man vor dem Verbreiten solcher Nachrichten nur warnen kann. Fahndungsaufrufe seien den Profis zu überlassen. Mit der Problematik umzugehen, könne aber nicht nur Thema des Innenministeriums sein. So etwas müsse zum Beispiel Thema an Schulen werden, Mediennutzung und -kompetenz, Aufklärung. Da seien verschiedene Ansprechpartner gefragt. Welche genau, bleibt im Unklaren.

Die Dortmunder Polizei ihrerseits erwartet, mit dem Thema in Zukunft häufiger zu tun zu haben. Sie kann im Moment nur appellieren. Denn eine private Öffentlichkeitsfahndung kann Ermittlungsarbeiten erschweren. Mehrarbeit verursachen. Und ganz neue Baustellen aufmachen. „Wen Sie Bilder und Hinweise haben, geben Sie die zur Polizei“, sagt ein Sprecher. „Wir wissen, was wann zu tun ist.“ 

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