Polizeipräsident will Nordstadt mit Partnern in die „unumkehrbar richtige Richtung“ führen

rnInterview mit Polizei-Führungsspitze

Polizeipräsident Gregor Lange ist seit fünf Jahren im Amt. Mit seiner neuen Stellvertreterin Alexandra Dorndorf steht er weiter vor sehr großen Herausforderungen. Ein Interview.

Dortmund

, 06.03.2019, 10:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Seit fünf Jahren ist der Jurist Gregor Lange Polizeipräsident in Dortmund. Neue Stellvertreterin ist Alexandra Dorndorf. Redakteur Peter Bandermann befragte sie zu aktuellen Themen, die wichtigen Einfluss auf das Sicherheitsgefühl in Dortmund haben.

Die Zahl der Straftaten in der Nordstadt sinkt. Welche Fallzahlen soll die Polizei dort in zehn Jahren erreichen?

Gregor Lange: Es ist unrealistisch zu glauben, dass man die Zahlen bei der Polizei wie in einem Unternehmen steuern kann. Wir müssen stets angepasst an die aktuelle Lage denken. Zumal wir nicht die einzigen Akteure sind, die in der Nordstadt eine Wirkung erzielen. Ohne die Beiträge anderer Partner geht es nicht.

Dennoch werden Sie mit Zielen arbeiten. Wie lauten die?

Gregor Lange: Langfristig wollen wir unseren Beitrag dazu leisten, dass die Nordstadt unumkehrbar in die richtige Richtung geführt wird, dass die Anwohner sich sicher fühlen, dass Investoren Spaß haben an diesem Bezirk, dass das Nordwärts-Programm der Stadt Dortmund gelingen kann, dass junges Wohnen wachsen und ein attraktives Hafenquartier mit Kreativwirtschaft entstehen kann. Wir suchen permanent nach Lösungen, um die Kriminalitätsbelastung weiter zu senken und die Aufklärungsquote weiter nach oben zu bringen. Dass die Aufklärungsquote bei 60 Prozent liegt, müssen wir auch auf die sehr intensive Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft und anderen Partnern zurückführen.

Bei den Kontrollen in der Nordstadt berichten Sie immer wieder über Vorfälle im Keuning-Park. Den Park nutzen Drogenhändler für ihre Geschäfte, während Kinder und Jugendliche das Keuninghaus aufsuchen. Gibt es dort keine Fortschritte?

Gregor Lange: Polizeikontrollen allein helfen nicht. Die Stadt plant eine weitere Abzäunung und will Bäume zurückschneiden, um Verstecke sichtbar zu machen. Wir brauchen da auch mehr Beleuchtung. Der Masterplan Sicherheit kann sich positiv auch in diesem Bereich auswirken.

Mit 1584 Einbrüchen ist die Zahl immer noch hoch. Auch hier die Frage: Wo wollen Sie 2029 stehen?

Alexandra Dorndorf: Der Trend geht nach unten, und wir halten den Druck gegen Einbrecher weiter hoch. Auch die strategische Fahndung setzen wir ein. Das hat abschreckende Wirkung. Die Täter merken: Die Polizei ist in Dortmund unterwegs. Das Risiko, nach einer Tat kontrolliert oder gefasst zu werden, ist sehr hoch. An dieser Entwicklung haben auch die Bürger einen großen Anteil: sei es durch technisches Aufrüsten der eigenen vier Wände oder durch aufmerksames „Zeuge sein“.

Polizeipräsident will Nordstadt mit Partnern in die „unumkehrbar richtige Richtung“ führen

Dortmunds stellvertretende Polizeipräsidentin Alexandra Dorndorf: „Einbrecher merken: Das Risiko, nach einer Tat in Dortmund kontrolliert oder gefasst zu werden, ist sehr hoch.“ © Polizei Dortmund

Die strategische Fahndung setzen Sie aktuell in der Innenstadt und in Lütgendortmund ein. Gibt es Ergebnisse?

Gregor Lange: Wir hatten bereits 700 Kontrollen in nur einer Woche. Das hat zu intensiven Maßnahmen und wichtigen Erkenntnissen geführt. Die strategische Fahndung ist wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Wir wollen, ausgestattet mit neuen Befugnissen, Einbrecherwerkzeug oder Beute finden. Für den Blick in eine Tasche oder den Kofferraum braucht es keinen konkreten Anfangsverdacht. Obwohl wir uns im Januar noch in der dunklen Jahreszeit befunden haben, sind die Einbruchszahlen noch einmal um 30 Prozent zurückgegangen. Auf einer der letzten wöchentlichen Führungskonferenzen hat unser Direktionsleiter Kriminalität über sechs Einbrüche an einem Wochenende in ganz Dortmund berichtet. Das ist extrem wenig und hoffentlich nicht nur eine Momentaufnahme.

Schon bevor das neue Polizeigesetz verabschiedet wurde, hat die NRW-Datenschutzbeauftragte die strategische Fahndung scharf kritisiert. Sie hält an der Kritik fest.

Gregor Lange: Der Gesetzgeber stellt uns ein wichtiges Instrument zur Verfügung, mit dem wir in diesem Fall die Einbruchskriminalität bekämpfen wollen. Die Datenschutz-Bedenken sind im Gesetzgebungsverfahren abgewogen worden. Würden wir dieses Instrument jetzt nicht anwenden, würden wir den Gesetzgeber ins Leere laufen lassen. Das ist nicht Aufgabe der Polizei.

Wechseln wir ins Verkehrs-Ressort. Die Polizei kontrolliert immer öfter. Fahrzeuge werden technisch sicherer. Trotzdem steigen die Unfallzahlen. Arbeiten Sie an den richtigen Stellen?

Gregor Lange: Diese Frage ist wichtig, die stellen wir uns täglich. Wir kontrollieren unsere Maßnahmen und analysieren die Zahlen. Die Teams in den Autobahnwachen machen sich Gedanken und entwickeln Ideen, wie sie die Unfallzahlen mit Todesopfern senken können. Wir bohren viele dicke Bretter, um Verhaltensveränderungen bei den Verkehrsteilnehmern zu bewirken. Wir müssen Gewohnheiten durchbrechen, wenn es um die Nutzung von Smartphones während der Fahrt geht: Wo ist das Problem, mal keine Nachricht auf dem Handy zu lesen und sich voll auf den Verkehr zu konzentrieren? Ist eine SMS wichtiger als ein Menschenleben? Wir brauchen eine Kampagne gegen diese Gewohnheiten.

Ein Leser spricht von sinnlosen „Laserangriffen“ der Polizei um 21 Uhr auf der Bundesstraße 1, wo Tempo 50 gilt. Um diese Zeit gehe es an diesem Ort nicht um Sicherheit, sondern um „Abzocke“. Er selbst passe sein Tempo nach der Messstelle wieder „angemessen“ an.

Alexandra Dorndorf: Es ist immer ärgerlich, wenn jemand persönlich betroffen ist. Unsere Messstellen sind konzeptionell ausgesucht. Sie dienen dazu, Regeln durchzusetzen. Blitzer stellen wir nicht nach Zufallsprinzipien auf. Schon gar nicht, um damit Geld zu machen. Mit welcher Berechtigung darf dieser Autofahrer eigentlich schneller fahren, wenn da auch um 21 Uhr noch Tempo 50 gilt? Nur, weil er für sich entschieden hat, dass die Straße jetzt frei und ungefährlich ist?

Gregor Lange: Ausreden sind immer schön. Ich zitiere unseren Leiter der Direktion Verkehr: „Wenn sich alle an die Regeln halten würden, gingen die Unfallzahlen drastisch zurück.“

Die Gewerkschaft der Polizei und der Bund deutscher Kriminalbeamten sagen, dass die Polizei am Limit arbeite. Allein die Einsätze gegen die Clan-Kriminalität führten zu immer mehr Arbeit in den Kommissariaten. Wie können Sie das Personal verstärken?

Gregor Lange: Für die vielen Aufgaben müssen wir mehr Personal aufbauen. NRW bildet jetzt pro Jahr 2500 Polizisten aus. Pro Jahr gibt es zusätzlich 500 Regierungsbeschäftigte. Auch wir in Dortmund profitieren langfristig davon. Von heute auf morgen wird es keine Lösungen geben. Unsere Konzepte müssen dazu führen, dass die Kriminalitätszahlen weiter zurückgehen oder besser: dass wir Straftaten verhindern. Seit 2014 sind es schon 22.000 Straftaten weniger. Ohne diesen Rückgang hätten wir noch ganz andere Probleme.

Wie ist die Arbeitsatmosphäre bei der Polizei?

Gregor Lange: Wir arbeiten in vielen Bereichen an der Belastungsgrenze. Viele Mitarbeiter reiben sich auf. Wir können die Ressourcen nicht immer nur quetschen, sondern müssen die Mitarbeiter mitnehmen. Deshalb müssen wir auch wertschätzend miteinander umgehen. Nicht nur innen. Wertschätzung brauchen Polizisten auch von außen. Unsere Führungskräfte wissen, dass sie sich darum kümmern müssen. Fest steht aber auch: Die hohe Belastung kriegen wir nicht weg, aber wir arbeiten intensiv daran, richtig damit umzugehen. Eine Mitarbeiterbefragung soll dabei helfen.

Was können Sie über die Belastung auf der Straße sagen?

Gregor Lange: Die Teams stehen unter einem großen Druck in Einsätzen. Ich habe häufig Kontakt zu verletzten Kollegen. Manche werden in Einsätzen so schwer verletzt, dass sie sich Angst um ihre Polizeidiensttauglichkeit machen. Das sind Existenzsorgen. Wir stehen hinter ihnen. In 99 Prozent aller Fälle zeige ich jeden Fall von Widerstand und Gewalt gegen Polizisten persönlich an und lasse mich über den Ausgang des Verfahrens informieren.

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