Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung

Proppevolle Notaufnahmen - Notarzt sagt trotzdem: „Kommen Sie her!“

rnKrankenhäuser

Jammerlappen und Weicheier verstopfen am Wochenende die Notaufnahmen? Ein Dortmunder Notarzt räumt auf mit Vorurteilen – und verteidigt Patienten, über die sich andere lustig machen.

Dortmund

, 20.04.2019 / Lesedauer: 3 min

Männergrippe, Ohrläppchenzerrung, Husten, Schnupfen, Heiserkeit: Mit Spott und Häme werden Patienten überschüttet, die sich angeblich nur mit Wehwehchen in die Notaufnahme schleppen und dort den sterbenden Schwan spielen würden. Der Dortmunder Notarzt Dr. Udo Schniedermeier hält nicht viel davon, sich über diese Patienten lustig zu machen.

Gehen nur Jammerlappen und Weicheier in die Notaufnahme? In diesem Video erklärt Dr. Udo Schniedermeier vom Klinikum Dortmund-Mitte, warum Patienten wachsam sein sollten und wie sich deren Ansprüche verändert haben:

Video
Gehen nur Jammerlappen in die Notaufnahme

Über 600.000 Einwohner und nur eine Ambulanzpraxis: Das Angebot der Hausärzte in Dortmund bezeichnet Dr. Udo Schniedermeier als spärlich. Die meisten Patienten würden im Notfall deshalb die Notaufnahmen der Krankenhäuser aufsuchen, um schnellstmöglich behandelt zu werden. Die Notaufnahme des Dortmunder Klinikums in der Innenstadt kann die Hälfte der in der Notaufnahme untersuchten Patienten wieder entlassen und muss sie nicht stationär aufnehmen.

Patienten nicht kritisieren

Kritik an den Patienten in der Notaufnahme will der stellvertretende ärztliche Leiter des Dortmunder Rettungsdienstes und Leiter der Notaufnahme im Klinikum Mitte nicht gelten lassen: „Wie soll ein Laie entscheiden können, wie ernsthaft eine Erkrankung ist?“, fragt der Mediziner und sagt: „Bauchschmerzen können auch ein Hinweis auf einen gefährlichen Darmverschluss sein.“ Wer sich nicht rechtzeitig behandeln lassen, riskiere Schlimmeres.

Mehrheit in Krankenhäusern

Eine Notfallambulanz anzubieten ist zwar eine „Sicherstellungsaufgabe“ der Hausärzte in der Kassenärztlichen Vereinigung. Doch Dr. Schniedermeier rät dazu, dass System endlich anzupassen, denn 80 Prozent der Notfall-Patienten würden sich jetzt schon für die Notaufnahmen der Krankenhäuser entscheiden. Diese Zahl hat die Deutsche Gesellschaft für interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin erhoben.

Gemeinsam arbeiten

Udo Schniedermeier schlägt einen „gemeinsamen Tresen“ von Hausärzten und Krankenhausmedizinern vor: Eine Fachkraft bewertet die Notfälle, vergibt Prioritäten und entscheidet, ob die Hausarzt-Ambulanz oder, in bedrohlichen Fällen, das Notfallteam eines Krankenhaus behandeln. „Dafür benötigen wir Raum und Personal“, sagt Dr. Udo Schniedermeier. Die Politik habe das Problem längst erkannt. Politisch werde das längst diskutiert, aber noch nicht alle Lobbyisten hätten sich dazu geäußert.

Proppevolle Notaufnahmen - Notarzt sagt trotzdem: „Kommen Sie her!“

Der Wartebereich der zentralen Notaufnahme im Klinikum Dortmund-Mitte ist selten so leer. Vor allem abends und an Wochenende ist es voll. Patienten müssen mit langen Wartezeiten rechnen. © Peter Bandermann

Lange Wartezeiten in den Notaufnahmen sorgen immer wieder für Ärger unter Patienten und ungeduldigen Angehörigen. Pflegekräfte und Mediziner rufen die Patienten aber nicht in der Reihenfolge der Ankunft auf, sondern entscheiden nach medizinischer Dringlichkeit. In der Notaufnahme gibt es fünf Stufen für Prioritäten und Wartezeit (Beispiele):

  • Rot = sofort: Schock und schwere Atemnot
  • Orange = 10 Minuten: stabiler Patient mit Brustschmerz oder neurologischen Ausfallerscheinungen
  • Gelb = 30 Minuten: mittelschwerer Schmerz im Bauchraum
  • Grün = 90 Minuten: normaler Notfall mit geschwollenem Fuß
  • Blau = 120 Minuten: Erkältung

Eine ganz andere Frage ist die Bezahlung der Arbeit in den Notaufnahmen. Das Klinikum Mitte erhält von den Krankenkasse pro Patient durchschnittlich 30 Euro. Im Johannes-Hospital sind es im Durchschnitt 37 Euro. Die Krankenhäuser erhalten fünf Pauschalen, die je nach Tageszeit und Wochentag zwischen 5,41 und 21,20 Euro pro Notfall schwanken. Dazu kommen Labor- und Gerätekosten.

Für einen durchschnittlichen Notfall können verteilt auf bis zu drei Stunden etwa sieben Ärzte und Fachkräfte an einem Patienten arbeiten. Die durchschnittlichen Kosten liegen deutlich unter den Preisen von Autowerkstätten.

Die Notaufnahme des Klinikums Dortmund-Mitte behandelt pro Jahr etwa 36.000 Patienten. Im Johannes-Hospital in der Innenstadt es rund 26.000. Das Klinikum Westfalen in Brackel behandelte 2018 ebenfalls 26.000 Patienten.
Lesen Sie jetzt