Rätselhafte Gift-Rohre stammen von alten Kokerei-Gasleitungen

rnFund bei Bauarbeiten

Die Stadt rätselt noch, woher die Leitungen und Teile eines Tanks an unerwarteter Stelle in Hombruch stammen. Ein Hombrucher Experte für historischen Bergbau hat bereits eine Erklärung.

Hombruch

, 04.08.2020, 20:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Nachdem bei Tiefbauarbeiten in Hombruch eine giftige Substanz aufgetaucht war, versuchen Experten der Stadt Dortmund und externe Fachleute herauszufinden, woher die Verunreinigung stammt. Gefunden wurden Rohre und Teile eines Tanks, die mit dem gesundheits- und umweltschädlichen Stoff Naphthalin behaftet waren.

Die Baustelle Harkortstraße/Fichtenstraße ruht, bis der Giftfund geklärt ist.

Die Baustelle Harkortstraße/Fichtenstraße ruht, bis der Giftfund geklärt ist. © Susanne Riese

Wo genau die belasteten Elemente verlaufen, wird derzeit geklärt. Rätselhaft ist bislang auch, warum die Leitungen bei den Vorbereitungen der Donetz-Baustelle nicht bekannt wurden. Offenbar waren weder Tank noch Rohrsystem in den benutzten Unterlagen aufgetaucht.

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Heinz-Ludwig Bücking hat das Rätsel aber längst gelöst. Der 68-Jährige Hombrucher ist Vorsitzender des Dortmunder Arbeitskreises beim Förderverein Bergbauhistorischer Stätten, verfügt über ein beeindruckendes Archiv zu dem Thema und kennt die bergbauhistorische Vergangenheit Hombruchs wie kaum ein Zweiter.

Heinz-Ludwig Bücking vom Bergbauhistorischen Verein hat eine umfangreiche Dokumentensammlung zum Bergbau in Hombruch.

Heinz-Ludwig Bücking vom Bergbauhistorischen Verein hat eine umfangreiche Dokumentensammlung zum Bergbau in Hombruch. © Susanne Riese

Die Sache mit dem Tank, von dem bisher nur der Domschacht gefunden wurde, hat er schnell gelöst. Obwohl der Tank laut Bücking mit dem historischen Bergbau gar nichts zu tun hat. „Der Tank gehörte zum Haus Nollmann auf der Ecke Kieferstraße/Harkortstraße“, ist er sicher.

Die Familie Nollmann, Farben- und Tapetenhändler, habe über eine Ölzentralheizung verfügt, und es gibt Zeitzeugen, die sich an die Befüllung des unterirdischen Heizöltanks erinnern.

Die Zeche Kaiser Friedrich besaß eine Großkokerei mit 200 Öfen und ab 1913 eine Benzolfabrik. 1925 wurde das Bergwerk stillgelegt, die Kokerei blieb noch bis 1930 in Betrieb.​

Die Zeche Kaiser Friedrich besaß eine Großkokerei mit 200 Öfen und ab 1913 eine Benzolfabrik. 1925 wurde das Bergwerk stillgelegt, die Kokerei blieb noch bis 1930 in Betrieb. © Archiv Norbert Meier

Die Gasleitungen, die bei den Arbeiten auf der Ecke Kieferstraße/ Harkortstraße überraschend auftauchten, sind schon etwas schwieriger zuzuordnen. Auch an ihnen wurden kristalline Spuren von Naphthalin gefunden.

Für Bücking ist das nicht allzu überraschend: „In Stadtgasleitungen waren immer Naphthalinanbackungen zu finden, das Gas wurde damals nicht so effektiv gereinigt“, sagt er. Bis Ende der 80er-Jahre habe es Naphthalin ohnehin fast in jedem Haushalt gegeben, in Form von Mottenkugeln. „Das Zeug stinkt ganz fürchterlich.“

System verbindet Kokereien miteinander

Laut Recherche des Bergbauexperten gehörten die relativ dicken Leitungen zu einem sieben Kilometer langen Verbundsystem, das die örtlichen Kokereien mit dem Hüttenwerk Union verband und bis etwa 1930 existierte. „Um 1900 gab es drei Kokereien Hombruch. Der Vorort war einer der dreckigsten in ganz Dortmund.“

Das Eingangsgebäude zur Kokerei Kaiser Friedrich um 1920

Das Eingangsgebäude zur Kokerei Kaiser Friedrich um 1920 © Archiv Norbert Meier

Kokereigas zu verdichten war schwierig, wollte man keine Explosion riskieren, deshalb der große Durchmesser der Rohre. Sie leiteten das Gas mit sehr niedrigem Druck direkt von der Kokerei an die großen Abnehmer.

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Eine Karte der ehemaligen Hombrucher Seilbahnanlagen zeigt auch den Verlauf der Gasleitung: Von der Zeche Kaiser Friedrich an der Straße Am Spörkel führte die Gasleitung in einer langen Kurve über den Rüpingsbach, querte die Bahnlinie - wo noch das Gas der Kokerei Glückauf Tiefbau eingespeist wurde - und verlief dann parallel zur Bergisch-Märkischen Bahn. Sie bog darauf scharf nach rechts, querte die Harkortstraße, lief am Baroper Walzwerk und der Zeche Louise vorbei Richtung Werk Union.

Heinz-Ludwig Bücking vermutet, dass auch das Walzwerk wegen seines hohen Bedarfs an diese Gasversorgung angeschlossen war.

Das erste Gaswerk in Hombruch lag am Bahnhof Barop.

Das erste Gaswerk in Hombruch lag am Bahnhof Barop. © Picasa/Archiv Klaus Winter

Eine zweite auffällige Leitung, die bei den Arbeiten von Donetz in der Harkortstraße auftauchte, führt der Bergbauhistoriker auf eine Verbindung zwischen dem städtischen Gaswerk und der Gasverteilstation in der Ginsterstraße zurück, wo heute die Postfiliale liegt.

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Das erste Hombrucher Gaswerk befand sich jenseits des Baroper Bahnhofs Am Hedreisch. 1868 erfolgte eine deutlich Vergrößerung des Werkes und die Verlegung ans Ende der Straße Luisenglück. An der lag auch die Gasanstalt der Zeche Louise.

Bücking vermutet, Gasleitungen führten vom Gaswerk über die Harkortstraße zur Verteilstation, von wo aus das Gas weiter in umliegende Stadtteile geführt wurde - immer begleitet von einem Anteil Naphthalin.

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