Die Säulen am Haupteingang des ehemaligen Hoesch-Verwaltungsgebäudes an der Rheinischen Straße sind mit Graffiti besprüht und rund um den schlafenden Immobilienriesen wuchert es wild. Wer küsst das imposante Gebäude wach? Ein Nutzungskonzept gibt es. © Oliver Schaper
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Rundgang: Alte Hoesch-Zentrale atmet immer noch den Charme der goldenen 20er

Die auf dem Markt derzeit wohl größte Immobilie Dortmunds wird gerade für eine Millionensumme angeboten. Innen hat sich in den 100 Jahren seit dem Bau gar nicht so viel verändert.

Der Strom ist abgestellt, Licht gibt es hier nicht. „Siggi“ Kugla, der direkt neben dem ehemaligen Hoesch-Verwaltungsgebäude an der Rheinischen Straße 173 einen Lebensmittel-Kiosk betreibt und sich etwas um die riesige Immobilie kümmert, leuchtet mit einer Taschenlampe den Weg über die breiten Flure aus.

„Verlaufen kann man sich hier nicht“, sagt er, „die Flure verlaufen rund um den Innenhof und man kommt immer wieder am Ausgangspunkt an.“ Mehr Licht wäre trotzdem schön, denn dann könnte man die Marmorpracht des großzügigen Foyers am zentralen Eingang sehen. So kann man sie nur erahnen.

Die Industriebarone haben hier vor 100 Jahren, das wird deutlich, nicht gekleckert, sondern geklotzt. Und sie haben sich auch nicht von einem Weltkrieg aufhalten lassen. Im Gegenteil: finanziert wurde der Bau sogar durch Gewinne aus der Rüstungsindustrie. Das monumentale Hoesch-Gebäude, damals Dortmunder Union, entstand in fünf Jahren Bauzeit – von 1916 bis 1921. Der Grundstein wurde also mitten im Ersten Weltkrieg gelegt.

Lauschen unmöglich. Die Vorstandsbüros hatten doppelte Türen. Der Schließmechanismus, mit dem beide Türen von innen verschlossen werden konnten, wie der Objektbetreuer „Siggi“ Kugla hier zeigt, hat all die Jahrzehnte überlebt
Lauschen unmöglich. Die Vorstandsbüros hatten doppelte Türen. Der Schließmechanismus, mit dem beide Türen von innen verschlossen werden konnten, wie der Objektbetreuer „Siggi“ Kugla hier zeigt, hat all die Jahrzehnte überlebt. © Oliver Schaper © Oliver Schaper

In der alten Hoesch-Zentrale ist Vieles noch wie vor 100 Jahren

Seit zehn Jahren steht das Gebäude bereits leer. Nach dem Hoesch-Ende zu Beginn der 90er-Jahre wurde es bis 2011 als Versorgungsamt, das für die Angelegenheit von Menschen mit Handicap zuständig ist, genutzt. „300 Menschen arbeiteten da noch hier“, sagt „Siggi“ Kugla und zeigt mit seiner Taschenlampe im Flur auf Türschilder wie „Schwerbehinderten-Angelegenheiten Registratur“ oder „Versorgungsärztlicher Dienst Untersuchungen“.

Überraschenderweise wurde jedoch in den Räumen Vieles so belassen, wie es zu Hoesch-Zeiten vor 100 Jahren schon war. Die mechanisch miteinander verbundenen Doppeltüren der einstigen Chef-Büros zum Beispiel. Sie waren beide von innen verschließbar – und niemand konnte lauschen.

245 moderne Appartments könnten eingerichtet werden

Wenn ein neuer Investor, den die Frankfurter MCM Immobilien-Gesellschaft gerade sucht, demnächst die für das Objekt beispielhaft angedachten und genehmigten 245 modernen Appartments samt Fitness- und Wellnessbereich und Kindertagesstätte einrichtet, werden die Doppeltüren sicher ebenso verschwinden, wie die alte Telefonzentrale oder die bewegbaren Archiv-Regalreihen in dem Anbau aus den 70er-Jahren.

Hoffentlich bleiben wird die noch immer strahlend weiße, herrliche Stuckdecke des großen Konferenzsaals im ersten Obergeschoss. In diesem Raum ist die Zeit stehen geblieben. Die holzvertäfelten Wände sind noch im Originalzustand und an dem gut 15 Meter langen Konferenztisch aus Eichenholz kann man sich noch gut die einstigen Wirtschaftsbosse in ihren Stresemännern vorstellen. Und am Ende des Zweiten Weltkriegs war der Saal übrigens auch Versammlungsort für die erste Dortmunder Ratssitzung.

Nach zehn Jahren im Dornröschenschlaf dürfte nun die Zeit kommen, in der die verblasste, klotzige Riesen-Immobilie wach geküsst wird. Es hat in den vergangenen Jahren schon mehrere Eigentümer und Pläne gegeben. Erst sollten Wohnungen und Gewerbeeinheiten entstehen, dann das größte Hotel Dortmunds, ein Vier-Sterne-Haus mit 210 Zimmern.

Lage grenzt direkt an das Zukunftsquartier Smart Rhino an

Geworden ist daraus nichts, die alte Hoesch-Zentrale ist wieder auf dem Markt. Und ihre Lage dürfte in der Zwischenzeit sehr interessant geworden sein. Sie gehört zwar nicht zum geplanten, neuen Stadtquartier Smart Rhino, grenzt aber unmittelbar an das Plangebiet an, in dem Wissenschaftsfabriken und 9300 Arbeitsplätze, 2000 Wohnungen und die Fachhochschule für 20.000 Studierende entstehen sollen.

„Die Liegenschaft ist Teil des Stadtumbaugebietes Rheinische Straße. Ziel ist es, das in den letzten Jahren verstärkt heruntergekommene Quartier, welches auch unter Bevölkerungsschwund und hohem Leerstand leidet, wieder neu zu positionieren“, heißt es denn auch im Exposée von MCM.

Dieser Raum in der alten Hoesch-Zentrale in Dortmund ist ein Schmuckstück. Wie einer Zeitmaschine fühlt man sich hier in die 20er-Jahre des vorigen Jahrhunderts zurückversetzt. Die holzvertäfelten Wände, die Stuckdecke und der lange Eichenholztisch sind noch im Originalzustand.
Dieser Raum ist ein Schmuckstück. Wie einer Zeitmaschine fühlt man sich hier in die 20er-Jahre des vorigen Jahrhunderts zurückversetzt. Die holzvertäfelten Wände, die Stuckdecke und der lange Eichenholztisch sind noch im Originalzustand. © Oliver Schaper © Oliver Schaper

Für 14 Millionen Euro wird die riesige Immobilie zum Kauf angeboten

Für 14 Millionen Euro wird das dreiteilige Gebäude mit drei Lichthöfen angeboten. Auch, wenn der rustikale Baukörper, dessen Fassade mit Klinker oder Naturstein verkleidet ist, eher anzeigt, dass er unantastbar ist, so sind doch die Innenwände nur leicht und lassen sich versetzen. Unter Denkmalschutz stehen laut MCM nur die Fensterfronten im Lichthof und die Fassade.

„Jede Woche kommt jetzt ein möglicher Investor und schaut sich das Gebäude an“, sagt „Siggi“ Kugla. Seine Taschenlampe hat er daher immer griffbereit. Er ist gespannt, wer zuschlägt – und gespannt darauf, ob wohl auch in den nächsten 100 Jahren der Schriftzug „Es lobt den Mann die Arbeit und die Tat“ hoch oben über dem Eingangsportal prangen wird.

Über den Autor
Redaktion Dortmund
Nach mehreren Stationen in Redaktionen rund um Dortmund bin ich seit dem 1. Juni 2015 in der Stadtredaktion Dortmund tätig. Als gebürtigem Dortmunder liegt mir die Stadt am Herzen. Hier interessieren mich nicht nur der Fußball, sondern auch die Kultur und die Wirtschaft. Seit dem 1. April 2020 arbeite ich in der Stadtredaktion als Wirtschaftsredakteur. In meiner Freizeit treibe ich gern Sport: Laufen, Mountainbike-Fahren, Tischtennis, Badminton. Außerdem bin ich Jazz-Fan, höre aber gerne auch Rockmusik (Springsteen, Clapton, Santana etc.).
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Peter Wulle

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