Sandra Cramer erzählt auf Youtube von ihrer Krankheit

Lymphknotenkrebs

Wenn Sandra Cramer aus ihrem Leben erzählt, dann hören Tausende zu. Innerhalb weniger Monate ist die 19-jährige Dortmunderin zu dem geworden, was man heute Internet-Star nennt. Das, was sie zu erzählen hat, ist alles andere als alltäglich oder gewöhnlich. Denn Sandra Cramer hat Krebs.

DORTMUND

, 29.01.2017, 16:59 Uhr / Lesedauer: 3 min
Sandra Cramer erzählt auf Youtube von ihrer Krankheit

Seit knapp vier Monaten ist Sandra Cramer Youtuberin. Auf dem Videoportal erzählt sie, wie sie mit ihrer Krebserkrankung umgeht. Ihre Haare hat die 19-Jährige durch die Chemotherapie verloren. Deshalb trägt sie häufig eine Perücke – und immer eine Mütze. "Sonst", sagt sie, "wird‘s mir am Kopf zu kalt."

"Ich bin Sandra, ich hab Lymphknotenkrebs, die erste Chemo ist schon gelaufen – und ihr seht, ich habe noch Haare." Mit diesen Worten stellt sich Sandra Cramer der Youtube-Gemeinde vor. Sie hält ihr Handy in der Hand, erzählt, was ihr gerade einfällt, streicht sich ab und zu über ihre Haare. Sie lacht viel. Das Bild ist ein bisschen wackelig, der Ton nicht optimal, aber ihre Botschaft kommt an: Sie will anderen Mut machen. Krebs, sagt sie, ist schlimm. Natürlich. Aber wer fest daran glaubt, der kann alles schaffen. Am 7. September geht das erste Video online. Jetzt, am 28. Januar, hat sie es vielleicht wirklich schon geschafft. 

Die Diagnose

Alles fängt irgendwann im Sommer 2015 an. Immer wieder habe ihr Kopf so furchtbar gedröhnt und gehämmert. Migräne. Der Arzt verschreibt ihr Tabletten. Der Schmerz bleibt. Nicht nur im Kopf. Sandra Cramer bekommt furchtbare Rückenschmerzen. Hat immer wieder starkes Sodbrennen. Fast ein Jahr geht das so. Sie macht ihr Abitur an der Anne-Frank-Gesamtschule. Die Schmerzen bleiben. Weil Medikamente nicht helfen, ordnet ihr Arzt irgendwann weitere Untersuchungen beim Radiologen an, doch der kommt nicht weit. 

An einem Tag im August des vergangenen Jahres tut Sandra Cramers Rücken so sehr weh, dass sie ins Krankenhaus kommt. Erst bekommt sie nur Schmerzmittel, soll schon fast wieder entlassen werden, doch weil ihre Entzündungswerte hoch sind, wird sie weiter untersucht. Die Ärzte vermuten zunächst eine Infektion, ihre Lymphknoten sind vergrößert. Erst nach ein paar Tagen und einer Biopsie wissen sie, was der 19-Jährigen wirklich Schmerzen bereitet. Lymphknotenkrebs. Im fortgeschrittenen Stadium, die Metastasen haben schon gestreut.

Krebs. Nie im Leben wäre sie darauf gekommen, sagt sie. „Ich rauche nicht, ich trinke nicht, ich lebe gesund.“ Aber sie hadert nicht mit ihrem Schicksal. Als die Ärztin sie informiert, sei sie sehr gefasst gewesen, sagt sie. Sie habe nur wissen wollen, was nun auf sie zukommt.

Zwei Lymphknoten werden ihr wenig später entfernt. Und Eizellen entnommen. „Das ist meine Versicherung“, sagt Sandra Cramer. Durch die Chemotherapie können die Eizellen geschädigt werden. Auch wenn sie heute noch nicht über Kinder nachdenke, so wolle sie doch irgendwann welche haben. Die Krankenkasse übernimmt den Eingriff nicht, eine Stiftung zahlt die Kosten. Sandra Cramer berichtet später davon auf Youtube. „So etwas wissen doch viele gar nicht.“

Die Chemo

Dann folgen sechs Chemotherapie-Zyklen. Der erste an der Uni-Klinik in Köln, die fünf weiteren im Josefshospital in Hörde. Ihre Heilungschance, sagen die Ärzte, stehen bei etwa 80 Prozent. Wenn Sandra Cramer nicht im Krankenhaus ist, dann ist sie zu Hause. Viel machen kann sie nicht. Oft will sie nicht raus, oft darf sie nicht raus, damit sie sich nicht eine Infektion holt, ihr Immunsystem ist geschwächt.

Ihre Zeit aber will sie sinnvoll nutzen. Also nimmt sie im September ihr Handy, dreht das Video, lädt es im Internet hoch. „Ich habe“, sagt sie, „so viele kennengelernt, die nach ihrer Diagnose am Boden waren. Aber ich möchte Lebensfreude und Mut verbreiten.“ Sie möchte auch ihre Mama stärken. Denn sie kommt nur schwer damit zurecht, dass ihre Tochter so schwer krank ist. „Für mich war das ein großer Schock“, sagt Monika Cramer. Aber sie unterstützt ihre Tochter genau wie Sandras Freund Kevin und Freundin Miriam.

Viele andere, sagt Sandra Cramer, seien dagegen heute keine Freunde mehr. Als sie nach langer Zeit ein paar Mädchen wieder sieht, von denen sie dachte, sie seien Freundinnen, sagen die zu ihr: „Du bist aber dick geworden.“ Sie ist nicht dick geworden. Das viele Kortison hat ihren Körper, das Gesicht aufgeschwemmt. Eine von vielen Nebenwirkungen. Dafür lernt sie über Youtube Menschen kennen, die sie gut verstehen.

In ihren Videos spricht sie über alles, was mit dem Krebs zu tun hat. Als ihre Haare ausfallen, lässt sie sich von ihrem Freund vor laufender Kamera die Haare abrasieren, später stellt sie Perücken vor, sie zeigt, wie sie sich die fehlenden Augenbrauen schminkt. Sie spricht von Infektionen, schlechten Phasen und sie nimmt die Kamera mit ins Krankenhaus. Seit Mittwoch ist die Chemotherapie beendet. Am Donnerstag hat sie mit den Ärzten besprochen, wie es für sie weitergeht. Wenig später hat sie ihr bislang letztes Video hochgeladen. Sie strahlt darin wie nie. Sie lacht laut. Sie schreit. Sie bekommt kaum Luft. „Ich bin krebsfrei“, ruft sie in die Kamera.

Die Zukunft

Im Herbst will sie endlich studieren. Erziehungswissenschaften an der TU Dortmund. Und sie will das Leben genießen. Feiern, rausgehen, machen, was sie will. Der Krebs, das weiß sie, kann zurückkommen. Das Risiko im ersten Jahr ist hoch. Aber sollte es so sein, dann stehe sie das auch noch mal durch. „Es geht immer schlimmer“, sagt sie. Ihre Einstellung, da ist sie ganz sicher, habe ihr jetzt schon geholfen, wieder gesund zu werden. Youtube-Videos will sie weiterhin veröffentlichen. Schließlich hat sie schon eine richtige Fan-Gemeinde – inklusive Fan-Post.

27 Videos hat Sandra Cramer seit September auf Youtube veröffentlicht. Mehr als 1,2 Millionen Mal ist das Video, in dem sie die Haare abrasiert, angesehen worden. Alle Videos zusammen haben gut 4,2 Millionen Aufrufe. Zu finden ist sie unter dem Namen Sandra Tyson.

 

 

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