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Schauspiel Dortmund gibt sich als Arbeitsministerium aus

„deutschland-sagt-sorry.de“

Auf der Internetseite „deutschland-sagt-sorry.de“ entschuldigt sich das Bundesarbeitsministerium bei den Verlierern der Agenda 2010. Es werden sogar handsignierte Entschuldigungsschreiben des Bundespräsidenten versprochen. Doch die Seite ist nicht echt. Hinter ihr stecken das Schauspiel Dortmund und das Aktivisten-Kollektiv "Peng!". Das Ministerium reagiert souverän.

Dortmund

, 27.04.2016 / Lesedauer: 3 min
Schauspiel Dortmund gibt sich als Arbeitsministerium aus

Schauspieler Frank Genser spricht im Video auf der Website deutschland-sagt-sorry.de.

"Deutschland sagt sorry". Das behauptet jedenfalls das Herzchen-Logo auf der gleichnamigen Website deutschland-sagt-sorry.de' elementindex='5 aus. Deren Design bringt auf den ersten Blick absolut glaubwürdig rüber, vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales zu sein, mit einem entsprechenden Logo oben links auf der Seite und Bundespräsident Joachim Gauck am unteren Bildschirmrand. Das Ministerium will sich also entschuldigen, so scheint es jedenfalls. 

Eine Entschuldigung für die Folgen der Agenda 2010

Nur das Herzchen-Logo gibt einen Hinweis darauf, dass die Seite ein Fake ist. Wer die Seite öffnet, sieht zuallererst aber ein Video, auf dem Standbild ein Mann im Anzug - der Dortmunder Schauspieler Frank Genser

Mit dem fast drei Minuten langen Film will sich angeblich das Bundesarbeitsministerium für die Nachteile entschuldigen, die aus der Agenda 2010 entstanden sind. Und an die persönlichen Tragödien erinnern, "die wir für den wirtschaftlichen Aufschwung Deutschlands in Kauf nehmen mussten". Aber sehen Sie selbst:

Eine Aktion vom Schauspiel zusammen mit dem "Peng!"-Kollektiv

Zu dem Video und der Internetseite bekannten sich "Die Populistinnen", ein Zusammenschluss zwischen dem Schauspiel Dortmund und dem Berliner Aktivisten-Kollektiv "Peng!". Auf Twitter verkündete das Schauspiel: "Die Populistinnen haben zugeschlagen".

Formulare für die, die unter den Folgen der Agenda 2010 leiden

Deutschland sei zwar "Exportweltmeister", heißt es in dem Film, doch was bringt das dem Einzelnen? Darauf wollen "Die Populistinnen" im Video aufmerksam machen. Nach dem falschen Bundesarbeitsministeriums-Sprecher Frank Genser taucht eine alleinerziehende Mutter im Video auf. Sie sitzt am Spielplatz im Westpark. 30 Stunden pro Woche arbeite sie, sagt sie, und sei doch "vom Jobcenter abhängig". Gespielt wird sie von Caroline Hanke, ebenfalls Schauspielerin am Dortmunder Theater' elementindex='7.

Danach folgt ein Beitrag über den "Fremdsprachenkorrespondenten" David Vornweg, Schauspielschüler am Dortmunder Theater, der im Video seinen Job verlor. Als er den vom Jobcenter vorgeschlagenen Arbeitsplatz in einer anderen Stadt nicht annehmen wollte, sei er "sofort sanktioniert" worden.

Damit nicht genug: Wer selbst unter den Folgen der Agenda 2010 leide, könne außerdem ein Formular auf der Seite ausfüllen. Als Antwort werde es, so Genser im Video, ein "handsigniertes Entschuldigungsschreiben von Bundespräsident von Joachim Gauck".

Stellungnahme des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales auf Facebook

Die Aktion ließ das Bundesministerium für Arbeit und Soziales natürlich nicht unkommentiert. In einer Mitteilung des Peng!-Kollektivs heißt es, die Verantwortlichen vom BMAS "waren die ersten, die auf unserem Pressetelefon angerufen haben". Sie hätten darum gebeten, das Impressum zu ändern, einen Hinweis darauf zu bringen, dass es sich bei der Seite um Satire handle, und Logos sollten entfernt werden.

"Unter Hinweis auf die Kunstfreiheit", sagt Alex Busch vom Peng!-Kollektiv, sei man den Forderungen bis auf Änderung des Impressums nicht nachgekommen. Das BMAS nahm auch auf Facebook Stellung zu der Aktion.

Soziale Ungleichheit beleuchten und eine Diskussion um Hartz IV anregen

"Wir denken, dass die Agenda 2010 eine sozialpolitische Katastrophe ist, und dass das Thema der sozialen Ungleichheit in Deutschland unterbeleuchtet bleibt", sagt Busch weiter. Es sei an der Zeit gewesen, diese Ungerechtigkeit zu thematisieren "und das Bundesministerium in die Verantwortung zu ziehen". 

"Wir wollen natürlich dass das Hartz-IVSystem mit den Sanktionen, unsinnigen Maßnahmen, Schikanen etc. abgeschafft wird. Das ist menschenunwürdig und ungerecht", sagt Busch weiter. Die Aktion solle die Diskussion darüber anregen. Und zeigen, "dass Hartz IV alle angeht".

Andere Aktionen des "Peng!"-Kollektivs

Das "Peng!"-Kollektiv ist für seine Guerilla-mäßigen Aktionen bekannt. Besonderes Aufsehen erregten die Aktivisten mit dem sogenannten "Bundeswehr-Hack". Im November 2015 startete die Bundeswehr die "Mach was zählt"-Kampagne, die junge Menschen anlocken sollte.

Unter einem ähnlichen Domain-Namen (machwaszaehlt.de anstatt machwaszählt.de) gestaltete das "Peng!"-Kollektiv eine andere Website, die auf die Gefahren und Schrecken aufmerksam machte, die mit einem Job bei der Bundeswehr auch verbunden sein können.

Erst im Februar war ein Aktivist der Gruppe bekannt geworden, als er die AfD-Politikerin Beatrix von Storch in einem Parteitreffen mit einer Torte bewarf.

 

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