Schicksalsschlag: "Blindflug" in ein zerstörtes Leben

Fehler bei der Geburt

Ein junges Paar freut sich auf die Geburt seiner Tochter. Alles scheint normal zu sein. Doch plötzlich ist nichts mehr normal. Der Start ins Abenteuer Familie wird zum Fehlstart mit grausamen Folgen, einem zerstörten Leben und einem Rechtsstreit, der sich über Jahre hinziehen könnte. Statt Freude nur Wut und Verzweiflung.

DORTMUND

, 01.04.2017, 17:00 Uhr / Lesedauer: 5 min
Schicksalsschlag: "Blindflug" in ein zerstörtes Leben

Tilda ist jetzt ein Jahr und zwei Monate alt. Sie zeigt keinerlei motorische, geistige und emotionale Entwicklung, sie ist blind, leidet unter Schluckstörungen, einer ausgeprägten Spastik und Epilepsie schwersten Grades.

Es ist ein Nachmittag im Januar 2016, als das junge Paar erwartungsvoll zum Knappschaftskrankenhaus nach Brackel fährt. Die Wehen haben schon früh morgens eingesetzt. Genau am errechneten Termin macht sich das Kind auf, geboren zu werden – nach einer bestens verlaufenen Schwangerschaft und Voruntersuchungen, die ein völlig gesundes Baby zeigen.

Alles ist gut vorbereitet, eine Hebamme ausgewählt, die selbstständig mit dem Krankenhaus zusammenarbeitet, das Geburtsvorbereitungsgespräch geführt, der Kreißsaal besichtigt. Die angehenden Eltern fühlen sich gut aufgehoben mit der menschlichen Zuwendung einer Beleghebamme mit 30-jähriger Berufserfahrung und der Sicherheit eines Krankenhauses im Rücken, falls es Komplikationen gibt.

Schwerer Sauerstoffmangel

Nach 18 Stunden wird die Tochter – nennen wir sie Tilda – geboren. Wegen schweren Sauerstoffmangels bei der Geburt ist sie mehrfach schwerstbehindert. Ihr Gehirn ist in allen Bereichen massivst geschädigt.

Tilda, heute ein Jahr und zwei Monate alt, zeigt keinerlei motorische, geistige und emotionale Entwicklung, sie ist blind, leidet unter Schluckstörungen, einer ausgeprägten Spastik und Epilepsie schwersten Grades. Sie kann keinerlei Gefühlsbindung aufbauen. Ein soziales Lächeln ist ihr nicht zu entlocken. Sie schreit häufig, hat Schlafstörungen, Schmerzen und ist vollgepumpt mit Medikamenten.

Für die Eltern ist dies noch immer schwer zu begreifen und kaum zu ertragen, doch klar ist für sie, wer dafür die Verantwortung trägt: die Hebamme, die von einer jüngeren Kollegin unterstützt wurde, und die diensthabende Assistenzärztin. „Während der gesamten Geburt hat uns die Hebamme immer wieder gesagt, alles sei gut“, erzählt die Mutter, „sie war wohl selbst davon überzeugt. Aus Selbstüberschätzung.“

"Grob fahrlässig" 

Ärztin und Hebammen hätten „grob fahrlässig“ gehandelt, so die Eltern: „Die Beleghebammen haben die Herztöne unserer Tochter nicht angemessen überwacht, falsch interpretiert, nicht nach den Richtlinien gehandelt und sich nicht mal an die Empfehlungen ihrer eigenen Berufsordnung gehalten.“ Und die Ärztin habe nicht eingegriffen.

Neben ihrer eigenen Wahrnehmung stützen sich die Eltern bei ihrer Kritik auch auf drei von ihnen selbst in Auftrag gegebene Gutachten. In den Expertisen der renommierten und bei Geburtsschadensprozessen regelmäßig befragten Mediziner heißt es, die unheilbaren Schäden bei Tilda seien die Folge von „mangelhafter Überwachung unter der Geburt“, von „Missachtung elementarer Richtlinien“ und „unverständlichem Organisationsmangel“ im Krankenhaus.

Auffälligkeiten beim CTG

„Es gab Auffälligkeiten beim CTG, die man hätte sehen können“, sagt der Vater, „man hätte daraufhin engmaschiger überwachen oder die Geburt anders steuern müssen. Ein rechtzeitiger Kaiserschnitt hätte alles verhindern können.“ Das CTG zeichnet die Wehen der Mutter und die Herztöne des Kindes auf. Am Ende hing die Mutter an einem Wehentropf, wohl auf Anordnung der Ärztin, vermuten die Eltern. 

Es habe immer wieder Gespräche zwischen Hebamme und Ärztin gegeben. „Sie war informiert“, sagen sie. Doch auch zu diesem Zeitpunkt habe es keine dauerhafte Überwachung der Herztöne gegeben. „Es gab kein zuverlässiges Bild, wie es dem Kind geht. Es war ein Blindflug“, sagt der Vater verbittert.

Nicht geatmet

Der Zustand Tildas habe sich über Stunden verschlechtert. Als sie geboren wurde, hat sie nicht geatmet und musste reanimiert werden. Das Kind wurde rausgetragen. „Eine Stunde lang hat man uns nichts gesagt“, erinnert sich der Vater an die ersten schlimmen Momente, die jetzt nicht mehr enden wollen.

Erst später hätten sie erfahren, dass die Werte noch mal schlechter wurden, weil es auch bei der Notfallversorgung des Babys Fehler und Unstimmigkeiten gegeben habe. Ihr Kind sei erst richtig versorgt worden, als nach 15 Minuten das Notfallteam der städtischen Kinderklinik eintraf.

Fünf Wochen in der Kinderklinik

Bevor Tilda nach Hause kam, lag sie fünf Wochen lang in der Kinderklinik, davon zwei Wochen auf der Intensivstation. Erst elf Tage nach der Geburt konnte die Mutter Tilda in die Arme schließen. Seit jenem Tag im Januar 2016 lebt die Familie im Ausnahmezustand. „Das ist kaum auszuhalten“, sagt die Mutter.

Erschöpft allein von der Pflege – beide Eltern sind auch berufstätig –, zehrt der ständige Kampf mit der Krankenkasse und der anstehende Gerichtsprozess mit den Haftpflichtversicherern von Krankenhaus und Hebamme an dem letzten bisschen Kraft, die die ohnmächtige Wut immer wieder mobilisiert. Es ist der brennende Wunsch nach Gerechtigkeit, der die Eltern nicht aufgeben lässt.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Psychisch am Ende

„Es ist schlimm, dass nicht nur ein Leben zerstört wurde, mit allen Möglichkeiten, die unsere Tochter gehabt hätte“, sagt die Mutter, „auch wir sind körperlich und psychisch am Ende und wissen nicht, wie man das schaffen soll“. Abends schreiben sie Anträge und Widersprüche. So mussten sie sich anfangs sagen lassen, dass ein Säugling keinen bezahlten Pflegedienst brauche, weil er ohnehin pflegeintensiv sei. Tilda hat jetzt Pflegestufe 4 – von 5. Auch auf ihren Schwerbehindertenausweis mussten sie ein halbes Jahr warten.

Immer wieder müsse man mit dem Anwalt drohen, selbst im Gesetz nachlesen, was einem zustehe, und die Gutachten selbst finanzieren, in ihrem Fall eine untere fünfstellige Summe, sagen die Eltern. „Es ist ein ständiger Kampf ums Überleben. Wir versuchen, nicht abzusaufen. Aber Lebensfreude so wie früher, als wir glücklich und zufrieden waren, gibt es nicht mehr“, beschreibt es die Mutter.

Und ein Leben als Familie – ganz zu schweigen von einer unbeschwerten Zeit – gibt es auch nicht. Der Alltag ist fremdbestimmt und von einem hohen Maß an Organisation geprägt, Arztbesuche, Pflegedienst und Physiotherapie müssen untereinander und mit der Berufstätigkeit der Eltern koordiniert werden.

Rechtliche Auseinandersetzung

Und dann kommt obendrauf noch die rechtliche Auseinandersetzung. Dabei wird es wohl weniger darum gehen, die Behandlungsfehler zu beweisen, sondern eher darum, wer sie gemacht hat. Die Versicherungen von Krankenhaus auf der einen und Hebammen auf der anderen Seite schöben die Verantwortung hin und her, sagt der Vater: „Das Krankenhaus sagt, verantwortlich sei eine Beleghebamme, deshalb sei man da raus, die Versicherung der Hebammen sagt, das war eine ärztlich geleitete Geburt.“ Für die Eltern ist dieses Schwarze-Peter-Spiel ein „totaler Skandal“.

Es geht letztlich um viel Geld, wenn ein zerstörtes Leben zur „Schadensregulierung“ wird. Die künftige Pflege von Tilda wird Millionen kosten. Von den Eltern verklagt werden der Krankenhausträger, mehrere seiner Mediziner auch wegen mangelhafter Erstversorgung und die beiden Beleghebammen. Die Haftpflichtversicherung des Krankenhauses hat bereits ihren Widerspruch vorgelegt, auf den der Hebammen-Versicherung warten die Eltern noch.

"Es ist unmenschlich und würdelos"

„Es ist unmenschlich und würdelos, so einen Prozess führen zu müssen, weil die Verantwortlichen versuchen, sich ihrer Verantwortung zu entziehen,“ sagt der Vater. „Die haben alle eine Berufshaftpflicht, und eine Versicherung hat die Aufgabe, für den Schaden zu haften. Das wird hier ad absurdum geführt.“ Auch dass noch eine der beiden Hebammen – die jüngere – weiter im Knappschaftskrankenhaus tätig sei, sei für sie ein unerträglicher Gedanke: „Die machen einfach weiter so.“

Man habe ihnen damals im Knappschaftskrankenhaus das Belegsystem positiv dargestellt und als Gesamtkonzept verkauft, sagen die Eltern: „Wir dachten, man geht in ein Krankenhaus mit allen medizinischen Möglichkeiten, falls notwendig, und wird betreut von einer Hebamme, einschließlich der Vor- und Nachsorge. Wenn wir vorher gewusst hätten, wie die Wirklichkeit aussieht, dann hätten wir das nie gemacht.“

Klärung

Das Knappschaftskrankenhaus hat sich gegenüber den Eltern bisher nicht geäußert – in solchen Rechtsfällen keine Besonderheit. Auf Nachfrage dieser Zeitung äußerte sich der Ärztliche Direktor des Klinikums Westfalen, zu dessen Verbund auch das Knappschaftskrankenhaus gehört: „Wir nehmen großen Anteil am Schicksal der Familie und sind zutiefst betroffen über das Leid des Kindes und seiner Eltern. Im Rahmen des laufenden Gerichtsverfahrens stehen unabhängige Begutachtungen noch aus, sodass wir uns zum jetzigen Zeitpunkt dazu nicht äußern können. Wir hoffen, dass es zeitnah zu einer umfassenden Klärung kommt.“

Für Dr. Boris Meinecke, erfahrener Fachanwalt für Medizinrecht aus Köln, der die Eltern rechtlich vertritt, ist es angesichts der „eindeutigen Fehlleistungen mannigfacher Art bei der Geburt ein völlig überflüssiger Prozess, der auf dem Rücken der furchtbar belasteten Familie und des geschädigten Kindes ausgetragen wird. Wenn so etwas passiert, muss man Verantwortung übernehmen und nicht – wie die beiden Versicherungen – schreien ,Haltet den Dieb, ich bin‘s nicht gewesen‘.“

Umdenken bei den Versicherungen

Mittlerweile scheint doch ein Umdenken bei den Versicherungen, der Allianz (für das Krankenhaus) und der Versicherungskammer Bayern (für die Hebammen) eingetreten zu sein. Nach Anfrage dieser Zeitung bei beiden Versicherungen teilte Stefan Liebl, Sprecher der Versicherungskammer Bayern mit, sie trete für die bei der Geburt des Kindes gemachten Fehler der versicherten Hebammen ein.

Ziel sei es, der Familie „eine außergerichtliche Lösung zu unterbreiten. Diesbezüglich haben wir Kontakt mit der Allianz aufgenommen und werden federführend die Regulierung der Schadensersatzpositionen übernehmen.“ Eine Erleichterung für die Eltern, doch das Leben mit Tilda wird trotzdem schwer bleiben.  

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