Die Dortmunder haben auf Pump eine Firma gekauft, die zum Beispiel Solaranlagen für einen Richter baut. Jetzt kommt die Firma in Bedrängnis. Die Stadtwerke sollten raus aus der Beteiligung.

Dortmund

, 18.03.2019, 04:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Haben Sie diesen Brief auch nach Hause bekommen? DEW21, der städtische Energieversorger, hat uns mitgeteilt, dass wir ab dem 1. April 2019 mehr für den Stromverbrauch bezahlen müssen.

Das ist kein dem Datum geschuldeter Witz. Der „Jahresgrundpreis brutto“ steigt in unserem Fall von 97,79 auf 128,02 Euro. Ein Plus von 30,23 Euro. Mal eben ein Drittel drauf, weil „der Energiemarkt in Bewegung“ sei.

Geht es um die Kosten der Energiewende?

„Geht’s noch?“, werden die einen fragen. Die anderen denken an begründbare Kosten der Energiewende. Ende der Kernkraft, Kohleausstieg, mehr Sonne und Wind aus Öko-Gründen, Sie wissen schon. In dem Brief werden höhere Netz-, Energie- und Beschaffungskosten sowie Offshore-Netzumlagen als Grund angegeben.

Doch vielleicht wird das zusätzliche Geld, das DEW21 einnimmt, auch einfach beim Mutterkonzern DSW21, den Dortmunder Stadtwerken, gebraucht. Vor wenigen Monaten haben sich die Dortmunder Stadtwerke zu einer Kapitalspritze bereiterklärt. Es geht um 36 bis 65 Millionen Euro.

Kaufpreis 1,2 Milliarden Euro

Der Adressat der geplanten Überweisung ist das Unternehmen Steag in Essen. Die Steag plant und baut Energieanlagen in Deutschland und in aller Welt. Sie wurde seit 2011 in zwei Schritten von den Stadtwerken Dortmund, Essen, Bochum, Duisburg, Oberhausen und Dinslaken aus Restbeständen der alten Ruhrkohle AG erworben. Für stolze (manche sagen: zu stolze) 1,2 Milliarden Euro, fast voll finanziert über Kredite.

Manche sagen: So machen es auch die Münterferingschen „Heuschrecken“.

Inzwischen gehören den Bürgern dieser Ruhrgebiets-Städte auf diese Weise 100 Prozent der Firma, den 602.000 Dortmundern davon mit 36 Prozent mehr als ein Drittel.

Die Dortmunder müssten zur Hauptversammlung eingeladen werden

Die Dortmunder sind Hauptaktionäre geworden und müssten eigentlich zu Bockwurst, Brot und Senf zur Hauptversammlung eingeladen werden.

Aber Aktionäre kassieren ja nicht immer nur Dividenden. Sie müssen auch mal nachschießen. Genau so könnte es in der Ehe von Dortmund und Steag gehen. Dort zeichnen sich wirtschaftliche Probleme ab. Die Erträge sinken.

Immerhin nannte schon 2013 der damalige, inzwischen verstorbene Dortmunder SPD-Chef Franz-Josef Drabig ein Engagement bei dem Energiedienstleister „gefährlich“. Sachkundige beim Bund der Steuerzahler bis in Wirtschaftsverbände hinein sagten das auch.

Was hat Dortmund mit Big Business hinter dem Polarkreis zu tun?

Das ist aber nur die eine Seite des Abenteuers. Die andere ist grundsätzlicher Natur: Was hat eine Stadt, die für ihre Einwohner zwischen Münsterland und Hengsteyseeufer da ist, mit Big Business jenseits des Polarkreises oder des Äquators zu tun?

Gucken wir uns im Referenzkatalog mal an, bei was sich hier der gemeine Dortmunder (ja, die Stadtwerke sind unser aller Eigentum) durch seine Steag-Beteiligung engagiert: für Erdgasprojekte in Brasilien und Argentinien und die Dachsolaranlage des obersten Richters von Patna in Indien.

In Griechenland entsteht in Agios Efstratikos eine alternative Insel-Energieversorgung, die den Einsatz von Dieselmotoren ablöst. Wir sind auch zuständig für den Bau von Braunkohlemeilern in der Türkei und damit die Technik, die wir bei uns abdrehen.

Entsorgung für Russland

Verrückt, oder? Wer zudem noch fünf Jahre zurück im Tätigkeitsbericht des akquirierten Unternehmens blättert, stößt auf politisch etwas heiklere Dinge. Die Steag hat kurz vor dem Kauf kräftig bei der Ab- (und Auf?)rüstung der russischen Kriegsmarine mitgeholfen.

Sie sorgte dafür, in der Saida-Bucht bei Murmansk 120 alte Atom-U-Boote der russischen Nordmeerflotte zu schrotten. Das haben einige damals als „friedenspolitisch sinnvoll“ gelobt. Mag dahingestellt sein. Inzwischen sorgt Wladimir Putin für hypermodernen 1:1-Ersatz des ihm freundlicherweise durch die Steag aus dem Weg geräumten Altmetalls.

Die Lösung: Raus aus der Nummer!

Niemand stellt infrage, dass sich deutsche Unternehmen mit Weltruf solche Aufträge an Land holen sollten. Im Gegenteil. Sie haben auch das Kapital, die Kompetenz und das Urteilsvermögen. Was kommunale Verwaltungen in Großstädten damit zu tun haben, die ihren Bürgern Unsummen für Straßenausbauten abknöpfen und sich mit Länderregierungen über gravierende finanzielle Ausstattungslücken streiten, ist ein Rätsel. Die Lösung muss heißen: Raus aus der Nummer!

Kann nach hinten losgehen

Die Gelegenheit ist da. In den nächsten Monaten müssen die sechs Stadtwerke der Steag-Beteiligung mit Banken über die Refinanzierung der aufgenommenen Kredite reden. In einigen Kommunen denkt man nach den schlechten Erfahrungen über einen Ausstieg ab 2020 nach.

Noch tut Dortmund so, als wäre das für die Stadt keine Option. Das ist kurzsichtig. Privates Wirtschaften kann gut gehen, aber auch scheitern. Das Risiko übernehmen in diesem Fall Politiker, die nicht dafür gewählt wurden.

Noch so eine Stromrechnung und ich werde sauer.

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