Eine Mitarbeiterin der Pflege läuft über einen Gang auf der Corona-Intensivstation eines Universitätsklinikums. © picture alliance/dpa (Symbolbild)
Klinikum Dortmund

„Schon sechs Covid-Patienten sind eine sehr hohe Belastung“

Der Winter naht. Und mit ihm auch mehr Corona-Infektionen. Ein Dortmunder Klinikleiter im Gespräch über trügerische Bettenzahlen und die kurze Ruhe vor einem noch nicht einzuschätzenden Sturm.

Auf den Dortmunder Intensivstationen werden am Freitag (15.10.) acht Personen mit Covid-19 behandelt. Von 284 potenziell betreibbaren Intensivbetten sind 31 frei. So meldet es das DIVI-Intensivregister. Die Auslastung der Krankenhäuser hat zuletzt mehr Gewicht bei der Einschätzung der Coronavirus-Lage in Deutschland bekommen. Zahlen verraten allerdings nicht alles.

Vor einigen Wochen sei es schon stressiger gewesen, sagt Dr. Bernhard Schaaf, in dessen Zuständigkeit als Klinikleiter auch die Covid-Intensivstation im Klinikum Nord fällt. „Momentan ist es in Bezug auf Covid entspannt. Das wird aber nicht so bleiben.“

Nicht nur Corona wird im Winter zunehmen

Es ist die Ruhe vor dem Sturm, von dem auch Bernhard Schaaf nicht weiß, wie groß er wird. Es könnte ein vergleichsweise entspannter Winter werden – oder eine erneute Belastungsprobe für das Klinikpersonal.

„Wir sind immer maximal vorbereitet und haben ja mittlerweile auch sehr viel Erfahrung“, sagt der Intensivmediziner. Dennoch sei jeder Covid-Patient auf der Intensivstation eigentlich einer zu viel und könne dazu führen, dass andere Behandlungen, die nicht so dringend sind, verschoben werden müssen.

Hinzu komme im zweiten Corona-Winter wohl auch ein Anstieg bei anderen Infektionskrankheiten. „Anders als im vergangenen Jahr, wo viele Infektionskrankheiten – auch Influenza – quasi ausgefallen sind, weil es einen Lockdown gab und alle Menschen Masken getragen haben, kommen die in diesem Winter voraussichtlich noch obendrauf.“

Bei Jüngeren oft Maximaltherapie für mehrere Wochen

Covid-19-Patienten auf der Intensivstation werden besonders aufwendig betreut. Normalerweise kümmert sich eine Pflegekraft tagsüber um zwei, nachts um drei Intensivpatienten. Bei Covid-19 ist eine eins zu eins Betreuung nötig.

„Covid-Patienten sind ja wegen eines Lungenversagens auf der Intensivstation. Die haben dann einen Schlauch zur Beatmung und mehrere Zugänge. Solche Patienten werden für die Therapie meist auf den Bauch gedreht. Dafür brauchen sie dann schon mal vier bis fünf Personen gleichzeitig – alle in Infektionsschutz“, erklärt Bernhard Schaaf.

Patienten, die noch nicht beatmet würden, haben oft große Angst. „Da braucht es eine menschliche Betreuung, damit die sich mit all den Geräten nicht wie in einem Raumschiff fühlen. Sonst fangen Patienten durchaus aus Angst an falsch zu atmen und müssen dann früher beatmet werden.“

Gerade jüngere Covid-Patienten, von denen es aktuell mehr gibt, bekommen eine Maximaltherapie und sind regelmäßig mehrere Wochen auf der Intensivstation. „Wir haben eine Intensivstation mit 18 Betten, wenn da zum Beispiel sechs Covid-Patienten liegen, ist das schon eine sehr hohe Belastung.“

Geimpfte kommen fast nie auf die Intensivstation

Schon nach der dritten Welle hatten Pflegekräfte davon berichtet, an ihre Grenzen zu kommen. „Einen gewissen Ausgleich hat es über die ruhigeren Wochen schon gegeben“, sagt Bernhard Schaaf. „Allerdings sind Intensivstationen ja auch im Normalfall sehr belastet.“

Die Zahl der freien Intensivbetten sei ein wenig trügerisch. „Im Alltag überlegen wir schon regelmäßig, ob wir noch Betten schaffen können oder Patienten auf eine Normalstation verlegen können. Dass wir Betten bewusst frei halten, gibt es eigentlich nicht.“

Wie angespannt der Winter werde, hänge davon ab, wann die Infektionszahlen wieder hochgehen. Und davon, wie viele Menschen bis dahin noch geimpft werden. Sich hundertprozentig vor einer Ansteckung zu schützen sei nicht möglich, so Bernhard Schaaf. „Für diejenigen, die sich impfen lassen, geht aktuell die Wahrscheinlichkeit, bei uns auf der Intensivstation zu landen, aber gegen null.“

Über den Autor
Redaktion Dortmund
Gut recherchierter Journalismus liegt mir am Herzen. Weil die Welt selten einfacher wird, wenn man sie einfacher darstellt. Um Zusammenhänge zu erklären, setze ich auf klaren Text und visuelles Erzählen – in Videos, Grafiken und was sonst dabei hilft.
Zur Autorenseite
Bastian Pietsch