Schüler demonstrieren seit Wochen gegen den Klimawandel - aber dürfen sie das auch?

rnFriday For Future

In der vierten Woche in Folge haben Dortmunder Schüler für besseren Klimaschutz demonstriert. Der Protest zur Unterrichtszeit wirft Fragen auf. Auch wenn diesmal etwas anders war als bisher.

Dortmund

, 08.02.2019, 18:38 Uhr / Lesedauer: 4 min

Das Motto steht seit der ersten Schüler-Demonstration am 11. Januar: Fridays For Future (Freitage für die Zukunft) steht über den Demonstrationen, die organisiert werden von einer gleichnamigen Klima-Aktionsgruppe. Europaweit gibt es diese Proteste, ausgehend vom mittlerweile weithin bekannten Engagement der 16-jährigen Greta Thunberg in Schweden.

Schülergruppe zieht über den Westenhellweg

Gestern sind es erneut rund 200 junge Dortmunder, die sich versammeln, um gegen den Klimawandel zu demonstrieren. Vom Friedensplatz aus macht sich der Demonstrationszug über den Westenhellweg in Richtung RWE-Tower auf den Weg. Unterwegs sind viele Parolen zu hören. Darunter klare Positionen gegen die Nutzung fossiler Brennstoffe, aber auch solche, die wenig mit dem Thema Klimawandel zu tun haben.

Eine Gruppe von Schülerinnen und Studentinnen beteiligt sich ebenfalls an der Demonstration. Jede Woche zu demonstrieren sei wichtig und „bringt etwas“, da „jede kleine Aktion zählt. Themen wie Klimaschutz, Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein kämen in der Gesellschaft zu kurz.

Auf dem Vorplatz des RWE-Towers halten einige junge Dortmunder Reden. Eine Schülerin erörtert lautstark die Missstände, und betont besonders, dass die Politik diese Aktion ernstnehmen solle. Genau dieser Respekt fehle ihr häufig. Von solchen Erfahrungen berichten auch andere Teilnehmerinnen.

Schüler ernten auch Widerstand von manchen älteren Mitbürgern

Eine Woche zuvor habe eine ältere Frau lautstark Paroli geboten und den jungen Menschen mitgeteilt, dass diese doch lieber lernen oder arbeiten gehen sollen. Die Themen, für die die Schüler demonstrieren, seien nicht relevant für die Allgemeinheit.

Der Großteil der Eltern und Lehrer aus dem Umfeld der Gruppe stehe aber hinter den Jugendlichen. Die Französisch-Lehrerin von Lilli Meister (18) und Enja Engelbrecht (19) würde die Schüler ohne Einträge ins Klassenbuch freistellen, wenn diese an der Demonstration teilnehmen wollen, berichten die beiden Oberstufenschülerinnen.

Der gestrige Termin ist eine Ausnahme: Er beginnt um 12 Uhr. Da gestern die Halbjahreszeugnisse vergeben wurden, war der Termin nach hinten verschoben worden. Die vorherigen drei Veranstaltungen hatten um 10 Uhr stattgefunden – und damit mitten in der Schulzeit.


Schulleiter dürfen Schüler nur einmal beurlauben

Das stellt viele Schulleiter in Dortmund und den Nachbarstädten vor ein Problem. „Es ist alles andere als trivial, wie man sich als Schulleiter in dieser Situation zu verhalten hat“, sagt Detlef von Elsenau, Leiter des Heinrich-Heine-Gymnasiums im Stadtteil Nette. Wie viele seiner Kollegen hat er die Frage bisher einzelfallbezogen und großzügig behandelt.

„Die Mündigkeit der Jugendlichen ist im Sinne einer Schule“, sagt Detlef von Elsenau. Dem gegenüber stehe aber die rechtliche Situation, die im Landesschulgesetz festgeschrieben ist.

„Bei einmaligen Sachen ist eine Einzelfallbeurlaubung im Rahmen der rechtlichen Möglichkeiten. Aber wir können nicht sagen, dass jeden Freitag dafür schulfrei ist. Wir können das rein rechtlich auch nicht dulden“, sagt Detlef von Elsenau. Das bedeutet: Alle Schüler müssten für ihr Fernbleiben eine unentschuldigte Fehlstunde im Zeugnis notiert bekommen. Andere Schulen in NRW haben das schon umgesetzt.

Das Schulministerium von Ministerin Yvonne Gebauer (FDP) hatte sich zuletzt öffentlich klar gegen diese Schulstreiks ausgesprochen und hält sie für unzulässig. Der staatliche Bildungs- und Erziehungsauftrag und die gesetzlichen Bestimmungen zur Schulpflichterfüllung stünden über dem Recht auf Demonstration, argumentiert das Ministerium.

Direktor eines Dortmunder Gymnasiums: „Es ist nicht jeden Freitag möglich.“

Der Leiter des Heinrich-Heine-Gymnasiums spricht von einem „Drahtseilakt“ zwischen der Unterstützung der Schüler und der Notwendigkeit der Aufrechterhaltung der Schullaufbahn. „Bei allem Wohlwollen ist es deshalb nicht jeden Freitag möglich“, sagt Detlef von Elsenau.

Die Gewerkschaft Bildung, Erziehung und Wissenschaft (GEW) stellt sich auf die Seite der Schüler. Aktiver Klimaschutz sei auch gelebte Schulkultur. „Androhungen von Sanktionen bei Verletzung der Schulpflicht, wie der Eintrag von unentschuldigten Fehlstunden ins Zeugnis, halten wir nicht für den richtigen Weg“, sagt Volker Maibaum, Vorsitzender der GEW Dortmund.

Bildungsgewerkschaft GEW unterstützt den Schülerprotest

„Wir raten den Schulen zur Ruhe und Gelassenheit und dazu, alle Spielräume auszunutzen.“ Man solle den Schülern unterstützend gegenübertreten. Im Detail könne das etwa bedeuten, Klassenarbeiten nicht auf einen solchen Demonstrationstag zu legen oder entsprechende Entschuldigungen zu akzeptieren.

„Dass die Schüler sich getroffen haben, obwohl sie ohnehin nicht mehr in die Schule gemusst hätten, zeigt, dass es um mehr geht als um den freien Tag“, sagt Volker Maibaum.

Der GEW-Vorsitzende sieht darüber hinaus weitere konkrete Möglichkeiten, pädagogisch zu handeln. Als Beispiel nennt er das vom Schulministerium unterstützte Unesco-Weltaktionsprogramm „Bildung für nachhaltige Entwicklung“.

Derzeit seien die Schulen aber weder personell noch materiell ausreichend ausgestattet, „um dieses Bildungsziel, das für ein zentrales gesellschaftliches Zukunftsthema steht, ganzheitlich umzusetzen“.

Frage nach Fehlstunden wird sich in der Zukunft weiter stellen

Wie die Schulen mit dem Thema Fehlstunden umgehen, hängt vor allem davon ab, wie nachhaltig der Klimaprotest ist. Nach jetzigem Stand gibt es keinen Grund daran zu zweifeln, dass auch am nächsten Freitag wieder junge Menschen durch die Innenstadt ziehen. Die Frage ist, um welche Uhrzeit sie das tun.

Gymnasialdirektor Detlef von Elsenau habe die Schülervertretung (SV) an seiner Schule dazu animiert, mit der gesamtstädtischen SV in Kontakt zu treten. „Es ist zu überlegen, ob es sinnvoll ist, es am Nachmittag zu machen. Dann hätte so ein Engagement auch eine noch höhere Glaubwürdigkeit“, sagt von Elsenau.

Schülerstreiks könnten sinnvoll sein, „wenn um Angelegenheiten der Schule geht. Aber sie sind aus meiner Sicht nicht sinnvoll, wenn es um gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge geht.“ Der Schulleiter aus dem Dortmunder Westen wirft auch die Frage auf, welche politischen Inhalte denn eigentlich von Schulseite zu unterstützen wären. „Was mache ich, wenn Schüler aus dem Afd-Bereich kommen? Das unterstütze ich inhaltlich dann zwar nicht, müsste es aber trotzdem erlauben“, meint Detlelf von Elsenau.

Bei der Demonstration sind auch politische Organisationen, die nicht nur für die Klimaschutz-Aktion werben

Bei der Demonstration am Freitag sind auch Menschen dabei, die ihre Schulzeit schon hinter sich haben. Ein 21-jähriger Masterstudent aus Dortmund ist zum ersten Mal dabei. Seine Beobachtung: Es seien zu viele politische Organisationen dabei, die eher für ihre Sache werben würden, anstatt für die der Aktionsgruppe.

Er ist dennoch begeistert von der Organisation und dem Aktionismus der Schüler, und könne sich vorstellen, eine Kooperation mit der Asta an der TU Dortmund in die Wege zu leiten, wo er selbst aktives Mitglied ist.

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Bereits am zweiten Freitag in Folge haben Schüler aus Dortmund und Umgebung im Rahmen von „Fridays for Future“ für mehr Umweltbewusstsein protestiert. Und dafür die Schule geschwänzt. Von Rebekka Antonia Wölky

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