Schule und Corona: „Die Sehnsucht nach Präsenzunterricht ist riesig“

Talk mit Schulexperten

„Ein verlorenes Schuljahr - verdummen unsere Kinder?“ war der Titel eines Video-Talks. Es diskutierten Schülerinnen, eine Mutter, ein Schulleiter und ein Staatssekretär - mit klaren Worten.

Dortmund

, 02.02.2021, 21:22 Uhr / Lesedauer: 4 min
„Ein verlorenes Schuljahr - verdummen unsere Kinder?“ war der Titel des von Ulrich Breulmann moderierten Video-Talks mit Schulexperten.

„Ein verlorenes Schuljahr - verdummen unsere Kinder?“ war der Titel des von Ulrich Breulmann moderierten Video-Talks mit Schulexperten. © Stephan Schuetze

Tessa Karpenstein weiß, wovon sie spricht. Die 16-Jährige macht in diesem Jahr Abitur und berichtete über die Vorbereitungen im Homeschooling. „Es ist eine Katastrophe. Wir waren seit Dezember nicht mehr im Präsenzunterricht und sollen in drei Wochen unsere Vorabi-Klausur schreiben. Alle fragen sich, wie das gehen soll“, sagte die 16-Jährige.

Im Video-Talk unter dem Titel „Ein verlorenes Schuljahr – verdummen unsere Kinder?“ schilderte Tessa Karpenstein anschaulich, welche Folgen Lockdown und Homeschooling für den Schul- und Familienalltag haben – ebenso wie Ulrich Walter (66), Direktor des Gymnasiums Selm, und Leonie Schulte, die als Mutter von drei Kindern im Alter von 4, 7 und 11 Jahren alt Kita, Grundschule und weiterführende Schule im Lockdown erlebt. Dazu gab es ganz „einen ganzen Berg an Fragen“ von Leserinnen und Lesern, wie Moderator Ulrich Breulmann berichtete.

Gesprächspartner von Ulrich Breulmann (oben recchts), waren (von links oben) Schulleiter Ulrich Walter, Elternvertreterin Leonie Schulte, Staatssekretär Mathias Richter und Abiturientin Tessa Karpenstein.

Gesprächspartner von Ulrich Breulmann (oben recchts), waren (von links oben) Schulleiter Ulrich Walter, Elternvertreterin Leonie Schulte, Staatssekretär Mathias Richter und Abiturientin Tessa Karpenstein. © Stephan Schuetze

Eine der zentralen Fragen war: Wie klappt es eigentlich mit Distanz- und Videounterricht? „Ich erlebe die Lehrer als sehr engagiert. Da ist in den Schulen viel passiert. Aber es fehlt die Einschätzung, was für die Schüler überhaupt leistbar ist“, sagte Leonie Schulte. Die große Tochter sitze teilweise von morgens um acht bis nachmittags um 16 Uhr am Laptop.

Ulrich Walter berichtete über die Probleme mit der technischen Ausstattung von Lehrern und Schülern, auch wenn sich dabei „viel in die richtige Richtung“ entwickelt habe.

Staatssekretär im Kreuzfeuer

Im Kreuzfeuer stand bei allen Fragen und Kritikpunkten Mathias Richter, der als Staatssekretär im NRW-Schulministerium gewissermaßen die rechte Hand von Schulministerin Yvonne Gebauer ist.

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Dass etwa die Schulplattform Logineo mit der Möglichkeit zum Video-Unterricht erst spät an den Start gegangen sei, habe auch mit dem Mitbestimmungsrecht der Personalräte zu tun, das für Verzögerungen gesorgt habe, sagte Richter. „Wir wären mit dem Gesamtpaket gern schneller gewesen.“ Auch die Lehrer hätten sich auf die neue Technik erst einstellen müssen. „Da ruckelt und schuckelt es natürlich zu Beginn“, so der Staatssekretär.

Mathias Richter, Staatssekretär im NRW-Schulministerium, stand Rede und Antwort.

Mathias Richter, Staatssekretär im NRW-Schulministerium, stand Rede und Antwort. © Stephan Schuetze

Bei der Technik-Ausstattung nahm er auch die Städte in die Pflicht. Er erinnerte an die Sonderausstattungsprogramm mit digitalen Endgeräten für Schulen, die nun von den Schulträgern abgerufen und umgesetzt werden müssten. „Es geht voran, aber es gibt auch immer wieder Schulträger, wo es noch nicht gut funktioniert, sagte Richter. „Am Geld mangelt es im Moment nicht.“

Hohe Belastung für Lehrkräfte

Schulleiter Ulrich Walter bremste aber auch die Erwartungen an die jetzt möglichen Videoformate. „Die Häufigkeit von Videokonferenzen allein sagt nichts über die Qualität von digitalem Unterricht“, stellte er fest.

Und er machte auf die hohe Belastung für die Lehrkräfte aufmerksam. Der Aufwand für den Distanzunterricht sei höher als im normalen Schulalltag. „Die Kolleginnen und Kollegen gehen am Anschlag“, sagte Walter. „Zwölf Stunden Arbeitstag sind da relativ wenig“. Und auch Lehrerinnen und Lehrer hätten eine Familie, die sie mit der expansiven Arbeitszeit unter einen Hut bringen müssen.

Rückkehr zum Präsenzunterricht

Warum geht es nicht wieder in Präsenzunterricht? war eine zweite zentrale Frage. „Die Sehnsucht nach Präsenzunterricht ist riesig“, stellte Moderator Ulrich Breulmann mit Blick auf die Rückmeldungen der Leserinnen und Leser fest.

Das sei auch im Schulministerium so, versicherte Richter und stellte ein baldiges Ende des Schul-Lockdowns in Aussicht. „Wir stellen uns darauf an, dass Präsenzunterricht ab dem 14. Februar wieder möglich wird“, sagte Richter. Dazu habe man Modelle etwa für einen Wechsel aus Distanz- und Präsenzunterricht vorbereitet. Auch das werde dann noch einmal eine Herausforderung für die Lehrkräfte.

Die Gesprächspartner wurden ins Videostudio zugeschaltet.

Die Gesprächspartner wurden ins Videostudio zugeschaltet. © Stephan Schuetze

Priorität sollen auf jeden Fall die Grundschulen haben. Je jünger die Schülerinnen und Schüler seien, desto wichtiger sei es in den Präsenzunterricht zu kommen – im Zweifelsfalle mit Wechselmodellen für einzelne Tage, erklärte der Staatssekretär. Die Entscheidung zur Öffnung und Schließung von Schulen könne man dabei nicht von schwankenden Corona-Inzidenzwerten abhängig machen. „Wir wollen Verlässlichkeit und Planungssicherheit“, sagte Richter.

Kritik an späten Informationen

Die Frage ist, ob auch die Schulen sich rechtzeitig auf eine Wiederaufnahme des Präsenzunterrichts ab Mitte Februar vorbereiten können. Wie viele Leserinnen und Leser beklagte auch Ulrich Walter die Kurzfristigkeit der Entscheidungen im Schulministerium. Oft erführe die Schulen man aus der Presse, was sie zwei Tage später umsetzen sollen.

Richter nahm sich die Kritik durchaus zu Herzen. „Wir wünschen uns selbst, dass wir rechtzeitiger und frühzeitiger informieren können“, sagte der Staatssekretär. Oft sie man aber an die Einigungen auf Bundesebene gebunden.

Ein Szenario, das auch zum Ende des aktuellen Lockdowns droht. Erst am 10. Februar findet das Treffen der Ministerpräsidenten mit Bundeskanzlerin Merkel statt, bei dem über das weitere Vorgehen entschieden werden soll – und damit auch über die Frage, ob die Schulen nach dem 14. Februar wieder geöffnet werden. Man denke über eine „vorlaufende Kommunikation“ zu unterschiedlichen Modellen nach, die je nach Entscheidung zur Umsetzung kommen können, kündigte Richter an.

Großer Nachholbedarf

Und wie kann der verlorene Unterrichtsstoff nachgeholt werden? Denn es gibt große Defizite, waren sich alle Gesprächspartner einig. „Der Distanzunterricht ersetzt den Präsenzunterricht nicht in vollem Umfang“, stellte Tessa Karpenstein fest. Ulrich Walter sprach von einer „Mangelverwaltung“ seit dem ersten Lockdown im März. „Es sind einige Inhalte liegengeblieben. Das kann nicht durch einen Turbo wieder eingeholt werden“, sagte der Schulleiter.

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Immer wieder tauchte die Forderung auf, Lehrpläne und Abiturprüfungen auf. „Es gibt Nachsteuerungsbedarf“, sagte Ulrich Walter. Leonie Schulte wünscht sich, „ein bisschen Druck vom Kessel zu nehmen. Und sprach damit wohl auch Tessa Karpenstein aus dem Herzen. „Ich habe das Gefühl, dass vergessen wird, das Schüler und Lehrer komplett am Anschlag sind“, sagte die Abiturientin.

Fragen zur Abitur-Prüfung

„Wir schaffen faire Bedingungen, dass Schülerinnen und Schüler das Schuljahr gut abschließen können“, versprach Richter. Durch eine Erweiterung des Aufgabenspektrums beim Abitur versuche man, den besonderen Bedingungen Rechnung zu tragen. Aber es werde ein vollwertiges Abitur geben. „Ich bin strikt dagegen, dass wir diesen Abiturjahrgang runterreden“, sagt Richter.

Auch Forderungen, das Schuljahr generell wiederholen zu lassen, erteilte der Politiker eine Absage. Damit würde man den Anstrengungen von Schülern und Lehrern nicht gerecht. „Ich mag nicht, dass wir von einem verlorenen oder Kurzschuljahr sprechen“, sagte Richter. Im Gegenteil „Es verdient Anerkennung, was Schülerinnen und Schüler unter schwierigsten Bedingungen leisten.“

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