Second-Hand-Klamotten zum Kilopreis - Schnäppchen oder Abzocke?

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Das Unternehmen VinoKilo verkauft gebrauchte Klamotten zum Kilopreis. Jetzt gab es ein solches Second-Hand-Event im Junkyard. Bekommt man für 50 Euro ein Herbstoutfit? Ein Selbsttest.

von Patricia Friedek

Dortmund

, 11.10.2019, 18:11 Uhr / Lesedauer: 4 min

Die Schlange vor dem Junkyard reicht am Mittwochnachmittag fast bis zur Hauptstraße: Etwa 150 vor allem junge Menschen stehen dort und warten. Die meisten tragen ausgefallene Kleidung - bunt, oversize, abgenutzt. Grund für den großen Auflauf: das Vintage-Event von VinoKilo.

Hier gibt es Vintage- und Second-Hand-Kleidung zum Kilopreis von 35 Euro. Vintage, das bedeutet im wörtlichen Sinne altmodisch oder klassisch. Inzwischen hat es sich zu einer Stilrichtung entwickelt, die genau diesen gebrauchten Charakter zelebriert. Möbel, Kleidungsstücke oder Schmuck sind entweder wirklich alt, also echt „vintage“ - oder sollen zumindest so aussehen, als hätte man sie schon lange getragen oder auf dem Flohmarkt gekauft.

Mit 50 Euro zum Herbstoutfit?

Auch meine Freundin Ece und ich sind gekommen, um Vintage-Kleidung zu shoppen - in diesem Fall echt vintage. Denn die Klamotten sind gebraucht. Unser Ziel: Für 50 Euro ein Herbstoutfit einkaufen.

Der Junkyard, den wir vor allem als Location für Konzerte oder Partys kennen, hat sich in einen großen Second-Hand-Shop verwandelt, mit Innen- und Außenbereich.

Es riecht ein wenig muffig, wie auf einem Flohmarkt. Aus den Lautsprechern tönt die Musik eines Live-DJs, der zumeist ruhige Elektro-Instrumentalmusik spielt. Was wir sehen, sind Kleiderständer mit einer riesigen Auswahl an Klamotten.

35 Euro für ein Kilo Kleidung - das klingt erst mal viel. Zumindest, wenn man keine Vorstellung hat, wie viel Kleidung in ein Kilo passt. Kann man hier überhaupt ein richtiges Schnäppchen machen? Wir gehen auf die Jagd.

Wir bekommen einen Jutebeutel, in dem wir unsere Beute transportieren können. Für 3 Euro können wir ihn mitnehmen - Nachhaltigkeit wird hier, wie erwähnt, großgeschrieben.

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Die Menschen um uns herum wühlen sich durch die Hosen auf den Tischen, die Hemden, T-Shirts und Jacken an den Kleiderständern. Die Sachen sind gemustert oder einfarbig, pelzig oder glatt, aus Wildleder oder Nylonstoff. Hier sollte jeder fündig werden - solange er auf Vintage-Look steht. Und auf den Oversize-Look, also auf Übergröße.

Es sind viele bekannte Designer-Marken dabei. Jacken von Tommy Hilfiger oder Diesel. Ein meterlanger Tisch mit Levi’s-Jeans. Polo-Shirts von Lacoste. Aber auch viele Marken, die uns gar nicht bekannt sind: „Maker“ steht im inneren eines Hemdes, „Steve Asons“ oder „Woolrück.“

„Wenn ihr euch auskennt, könnt ihr hier richtige Schnäppchen machen“, verspricht uns einer der Verkäufer. Naja - modebewusst sind wir, aber bestimmt keine Profis.

Ein Hemd kostet 13 Euro

Wir finden einen cremefarbenen Pullover, der hält sicher warm im Herbst. Er ist aus einer schweren Wolle und fühlt sich hochwertig an, wie die meisten Sachen hier. Auf H&M oder Primark-Kleidung wird man hier eher nicht stoßen.

Um ein Gefühl zu bekommen, wie schwer Kleidungsstücke eigentlich sind, wiegen wir ein Hemd aus Wildlederimitat. Es wiegt 370 Gramm und kostet dementsprechend 13 Euro - ein Preis, den man in den herkömmlichen Modeläden in der City auch für solch ein Hemd wohl mindestens zahlen würde - eher sogar für eins in schlechterer Qualität.

Wir machen uns auf die Suche nach einem langen Rock, denn eine Jeanshose in Kombination mit dem Pullover wird wahrscheinlich zu schwer sein - schließlich dürfen wir nur 50 Euro ausgeben.

Second-Hand-Klamotten zum Kilopreis - Schnäppchen oder Abzocke?

Ein Hemd kostet rund 13 Euro. © Schaper

Vorher treffen wir auf Andres Cabaleiro. Er trägt eine braune Cordhose, eine Jeansjacke mit Teddystoff und ein Hawaiihemd darunter. Alles Stücke aus der Second-Hand-Sammlung: Er ist der Eventmanager.

Andres Cabaleiro spricht kein Deutsch, er hat seine Heimat Spanien für das Unternehmen verlassen. Jetzt reist er mit dem Vintage-Event durch Europa: Malmö in Schweden, Oslo, Rotterdam oder Mailand stehen ihm in der nächsten Zeit bevor.

Die Kleidung bekommt VinoKilo aus aller Welt und sammelt sie im Hauptlager in Mainz. Das Team reinigt, sortiert und repariert sie bei Bedarf, erklärt der Eventmanager. „Es ist viel Arbeit“, sagt er. Deshalb müssten sie den hohen Kilopreis berechnen. Er erklärt uns, dass die Veranstalter nur 250 Menschen in den Junkyard lassen, der Rest müsse draußen warten, bis jemand rausgeht.

Manche Kleidungsstücke haben einen Festpreis

Für manche Sachen gibt es Festpreise: Schuhe etwa kosten 15 Euro, Jeansjacken 30. Die wären bei dem Kilopreis sonst teurer, weil sie ziemlich schwer sind, erklärt Andres Cabaleiro. Auch einen Schmuckstand gibt es, da haben die Schmuckstücke (das älteste ist übrigens von 1910) allerdings Einzelpreise.

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Weiter geht‘s auf der Suche nach dem Rock. Wir wühlen uns durch einen Tisch mit Hippie-Hosen und Röcken. Finden einen braunen Rock in Wildlederoptik. Jetzt brauchen wir noch etwas, das man unter den Pulli anziehen kann- denn für eine Jacke reicht das Geld nicht.

Ece findet ein Hemd, das eine ähnliche Farbe hat wie der Rock. Wir nehmen noch einen Gürtel dazu, fertig ist unser Outfit. Einen großen Umkleideraum gibt es, allerdings keine Kabinen. Er ist ziemlich voll, deswegen verzichten wir darauf, die Sachen anzuprobieren.

Modeexperten können Schnäppchen machen

Nun wird es spannend. Schaffen wir es, Hemd, Rock, Pullover und Gürtel für 50 Euro zu kaufen? Wir gehen an die Kasse und lassen die Sachen wiegen. 53 Euro sollen sie kosten - drei Euro zu viel also. Wir heben den Gürtel an, und da ist der Preis: Genau 50 Euro für - naja - fast ein ganzes Herbstoutfit.

Second-Hand-Klamotten zum Kilopreis - Schnäppchen oder Abzocke?

Naja, wir müssen zugeben, wir haben uns die Kombination ein bisschen schöner vorgestellt. Einzeln sind die Teile aber wirklich super. © Christian Gerstenberger

Schuhe und eine Jacke würden noch fehlen, aber das alles wäre auch bei einem Einkauf bei Billig-Modeketten kaum zu bekommen.

Second-Hand-Klamotten zum Kilopreis - Schnäppchen oder Abzocke?

Die Klamotten werden am Schluss gewogen. © Schaper

Fazit: Für den Preis von 50 Euro haben wir drei qualitativ hochwertige Teile bekommen, die allerdings gebraucht sind. Jemanden, der sonst die Preise von H&M und Co. gewohnt ist, wird VinoKilo preislich wohl nicht überzeugen.

Hinzu kommt noch der Eintrittspreis von drei Euro und weitere drei Euro, wenn man den Jutebeutel behalten will. Modeexperten können bei dem Event Schnäppchen machen, denn selbst wenn die Sachen getragen sind, haben sie oft noch einen höheren Wert als den Kilopreis von 35 Euro.

Als wir nach zwei Stunden aus dem Junkyard herauskommen, ist die Schlange länger als am Anfang.

VinoKilo bezeichnet sich selbst als Sozialunternehmen, das Pop-Up-Events für Second-Hand-Kleidung veranstaltet. Die gebrauchten Klamotten werden per Hand aus Kleidungs-Containern geborgen und werden nach Reinigung und Reparatur als Vintage-Mode (Klassiker der 60er- bis 90er-Jahre) auf Pop-Up-Veranstaltungen in Deutschland, den Niederlanden und Skandinavien angeboten. In Dortmund finden diese Events unregelmäßig statt. Termine andernorts: vinokilo.com.
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