Berufsverbände und Beratungsstellen für Prostituierte wünschen sich Öffnungsperspektiven und Impfangebote (Symbolbild). © picture alliance/dpa
Prostitution

Sexarbeit und Corona: „Habe so eine katastrophale Zeit noch nicht erlebt“

Seit 16 Monaten dürfen Prostituierte nicht arbeiten. Viele Sexarbeiterinnen treibt das in die Armut - und das trotz eines „super Hygienekonzepts“. In Dortmund gibt es kleine Hoffnungsschimmer.

Viele Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter dürfen seit dem zweiten Lockdown nicht mehr ihren Beruf ausüben. Für viele Frauen und einige Männer ist das ein Problem, wie Silvia Vorhauer von der Dortmunder Mitternachtsmission weiß.

„Ich arbeite seit 1988 als Sozialarbeiterin und habe so eine katastrophale Zeit für die Prostituierten bisher noch nicht erlebt“, sagt sie.

Silvia Vorhauer, Projektmitarbeiterin, Andrea Hitzke, Leiterin der Mitternachtsmission und Heike Müller (v.l.) von der Dortmunder Mitternachtsmission bekommen die Sorgen und Nöte der Prostituierten in der Corona-Krise mit. © Archiv © Archiv

Elke Rehpöhler von der Beratungsstelle Kober in der Nordstadt erinnert sich an Frauen, die vor Corona in Clubs gearbeitet hätten und plötzlich ohne Einkommen dastanden.

„Wir haben den Frauen dann bei den Anträgen geholfen“, sagt die Sozialarbeiterin. Einige hätten nun eine geringfügige Beschäftigung und müssten zusätzlich „aufstocken“.

Silvia Vorhauer wundert es nicht, dass manche Frauen sich gezwungen sehen, illegal anzuschaffen. „Die Sexarbeiterinnen sind seit 16 Monaten ohne Einkommen. Einige haben keinen Anspruch auf Lohnersatzleistungen, sie haben ihre Wohnung verloren, sind psychisch stark belastet. Viele von ihnen befinden sich in einer existenziellen Notlage.“

Die Vermutung, dass Sexarbeiterinnen jetzt ihren Beruf aufgeben wollen, kann Silvia Vorhauer nicht bestätigen. „Viele Frauen sagen, dass sie wieder arbeiten wollen.“

Massagen haben schon auf, ab 35 dürfen Bordelle wieder öffnen

Die neue Corona-Schutzverordnung und die niedrigen Inzidenzwerte in Dortmund bieten wenigstens einen Lichtblick und eine klare Marke, wann Bordelle und Clubs wieder öffnen können.

Ab Inzidenzstufe eins dürfen in NRW laut der aktuellen Schutzverordnung Bordelle, Prostitutionsstätten, Swingerclubs und ähnliche Einrichtungen wieder öffnen. Konkret bedeutet das, dass die Inzidenz in Dortmund an fünf aufeinanderfolgenden Werktagen unter 35 liegen muss.

Bei der Beratungsstelle Kober in der Nordstadt können sich Frauen in prekären Lebenssituationen Hilfe holen.
Bei der Beratungsstelle Kober in der Nordstadt können sich Frauen in prekären Lebenssituationen Hilfe holen. © Lydia Heuser © Lydia Heuser

Wie es den Betrieben in Dortmund geht, wie viele die Krise überleben, das weiß die Sozialarbeiterin nicht. „Wir haben kaum Kontakt, da die Betriebe geschlossen sind“, sagt sie.

Im vergangenen Herbst, als die Bordelle und Clubs in Dortmund kurze Zeit öffnen konnten, starteten die Mitarbeiterinnen von Kober ihr aufsuchendes Angebot wieder.

„Die hatten alle ein super Hygienekonzept“, sagt Elke Rehpöhler. Dass andere köpernahe Dienstleistungen in Dortmund wieder erlaubt sind, seit die Inzidenz stabil unter 100 ist, Sexarbeiterinnen aber immer noch nicht arbeiten dürfen, findet sie nicht richtig.

Auch der Berufsverband Sexarbeit moniert die Ungleichbehandlung und fordert Impfungen und Öffnungsperspektiven, die es in Dortmund teilweise gibt.

Geimpft mit Johnson & Johnson

Wenngleich Sexarbeiterinnen nicht explizit bei den Impfpriorisierungen berücksichtig werden, sind einige von ihnen schon gegen Corona geimpft.

Die Mitternachtsmission konnte neulich einige Sexarbeiterinnen auf das Impfangebot mit Johnson & Johnson in der Frauenübernachtungsstelle in Hörde aufmerksam machen.

Auch über die Beratungsstelle Kober ließen sich einige Frauen, die der Beschaffungsprostitution zuzuordnen und wohnungslos sind, dort impfen.

Insgesamt seien nach Auskunft der Diakonie an einem Tag dort 111 Frauen gegen Corona geimpft worden.

Silvia Vorhauer weiß aber auch: „Bei manchen Frauen war eine Corona-Impfung schon immer Gesprächsthema. Andere haben Angst davor und lassen sich nicht impfen.“

Über die Autorin
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Geboren und aufgewachsen im Bergischen Land, fürs Studium ins Rheinland gezogen und schließlich das Ruhrgebiet lieben gelernt. Meine ersten journalistischen Schritte ging ich beim Remscheider General-Anzeiger als junge Studentin. Meine Wahlheimat Ruhrgebiet habe ich als freie Mitarbeiterin der WAZ schätzen gelernt. Das Ruhrgebiet erkunde ich am liebsten mit dem Rennrad oder als Reporterin.
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