Sexueller Missbrauch in der Kirche ist kein Thema beim Kirchentag

rnTrotz 2300 Veranstaltungen

Missbrauch gab es auch in der Evangelischen Kirche. Trotzdem spielt das Thema beim Kirchentag in Dortmund praktisch keine Rolle. Kirchentags-Präsident Hans Leyendecker hält das für richtig.

Dortmund

, 31.03.2019, 16:10 Uhr / Lesedauer: 2 min

Zuletzt hat eine unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs in der Evangelischen Kirche „strukturelle Ursachen in der Kirche“ für den Missbrauch angeprangert. Die Synode der EKD verabschiedete im November einen Elf-Punkte-Plan gegen sexualisierte Gewalt.

Er sieht unter anderem die Einrichtung zentraler Anlaufstellen für Betroffene sowohl auf Ebene der EKD als auch in den Landeskirchen vor. Außerdem soll eine Studie das Thema umfassend aufarbeiten. Bisher sind 479 Missbrauchsfälle seit 1950 dokumentiert. Alle Beteiligten sind sich sicher, dass das längst noch nicht alle Fälle sind.

Sexueller Missbrauch in der Kirche ist kein Thema beim Kirchentag

Kirchentags-Generalsekretärin Julia Helmke (l.), Kirchentags-Präsident Hans Leyendecker und Präses Annette Kurschus stellten das Kirchentagsprogramm vor. Es fasst auf 596 Seiten mehr als 2300 Veranstaltungen zusammen. Keine einzige widmet sich ausdrücklich dem Missbrauch in der Kirche. © Stephan Schütze (Archiv)

Das Programm zum Kirchentag fasst auf 596 Seiten mehr als 2.300 Veranstaltungen zusammen. Keine einzige widmet sich ausdrücklich dem Missbrauch in der Kirche. Es sei eine bewusste Entscheidung, sagte Hans Leyendecker, Präsident des Kirchentags, im Gespräch mit dieser Redaktion, das Thema „an die theologische Frage von Vertrauen zu knüpfen“.

Leyendecker verwies auf ein Podium zu Vertrauen und Vertrauensmissbrauch, an dem unter anderem der ehemalige Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider und Bischöfin Kirsten Fehrs als Sprecherin des Beauftragtenrats der EKD zum Umgang mit sexualisierter Gewalt teilnehmen. Dass dabei die innerkirchliche Missbrauchsfrage nur ein Teilaspekt des Themas sei, räumt Leyendecker ein, aber: „Zugleich besteht im Zentrum Seelsorge und Beratung ein kontinuierliches Angebot für individuelle und geschützte seelsorgerliche Gespräche oder auch Gruppen-Angebote für den Umgang mit dieser sensiblen Thematik.“

Es habe zum Thema bereits große Veranstaltungen gegeben

Leyendecker betont, dass man im Vorfeld die Frage intensiv diskutiert habe, ob sexualisierte Gewalt und Missbrauch ein Schwerpunkt für den Kirchentag sein sollte. „Ich halte das in der Tat für ein sehr wichtiges Thema. Wenn eine Kirche, die sich auf Jesus Christus beruft, solche Verbrechen deckt, sie nicht aufklären will, keine Archive öffnet, nicht mit der Staatsanwaltschaft zusammenarbeitet, keine Prävention macht, nicht über strukturelle Dinge, die Missbrauch begünstigen, reden will, dann zieht ihr das den Boden weg“, sagte Leyendecker.

Warum man es dennoch nicht zu einem Schwerpunktthema gemacht habe, begründete Leyendecker damit, dass es zum Thema bereits in der Vergangenheit große Veranstaltungen gegeben habe: „Die Veranstaltungen – ich erinnere mich da besonders an den Kirchentag in Dresden 2011 – boten jeweils den Spagat von Infos zu konkreten Vorfällen und Aufklärungsprozessen, über Strukturanalysen hin zu Verbesserungsvorschlägen. Als Parteien waren Kirchenleitungen, Opfervertreterinnen, staatliche Missbrauchsbeauftragte und Wissenschaftler vertreten.“ Damit habe man aber „lange Zeit kaum nachhaltige Wirkung in den kirchlichen Bereich hinein erzielt“.

„Zeit der Ignoranz, des Schweigens ist vorbei“

Das habe sich jetzt „endlich“ geändert und die verfassten Kirchen hätten die Initiative ergriffen. „Auf der Bischofskonferenz in Fulda 2018 und auf der Synode der EKD in Würzburg war das Thema Missbrauch jeweils ein Schwerpunkt. Wir müssen jetzt die Kirchen an ihren Handlungen messen“, sagte Leyendecker.

In der Evangelischen Kirche würden wichtige Schritte zur Aufklärung, Aufarbeitung, zu Intervention und Prävention gegangen, die noch verstärkt werden müssten. „Jedenfalls ist die Zeit der Ignoranz, des Schweigens vorbei. Da hätte es keinen weiteren Anstoß des Kirchentags bedurft, aber wir werden das wichtige Thema natürlich im Blick behalten“, sagte Leyendecker.

Im Übrigen seit der Kirchentag ein Forum für eine sehr große Vielfalt an Themen: „Es bezieht seine Stärke gerade auch aus seiner Form der öffentlichen Großveranstaltung. Dies passt - wie sich in der Vergangenheit gezeigt hat - nur sehr bedingt zu der Notwendigkeit von geschützten Räumen, die bei dieser sensiblen Thematik für Betroffene und Opfer nötig ist“, sagte Leyendecker.

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