Siedler wollen Zigarettenautomaten loswerden – mit prominenter Hilfe aus Berlin

rnBürgerprotest in Bövinghausen

In der Bövinghauser Zechensiedlung protestieren Anwohner gegen einen frisch aufgestellten Zigarettenautomaten. Ihr Kampf gegen den „Lungenkrebs aus Automaten“ soll bundesweit wirken.

Bövinghausen

, 08.08.2019, 15:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Vera Steinborn versteht die Welt nicht mehr. „Dass so etwas 2019 noch möglich ist“, sagt die Bövinghauserin und schüttelt angewidert den Kopf. Das, was sie da gerade so wütend und fassungslos macht, ist ein vor wenigen Tagen installierter Zigarettenautomat vor ihrer Haustür – auf der Vonovia-Wiese am Jupiterweg 1.

Die Bewohnerin in der Zechensiedlung Kolonie Landwehr ist nicht die einzige, die sich über den Anblick aufregt. „Ein Schandfleck“, sagt ihre Nachbarin Jutta Schulze, eine Raucherin. Niemals, betont sie, würde sie sich hier eine Schachtel ziehen. „Es gibt doch in der Nähe genügend Supermärkte, Kioske und Tankstellen, wo man Zigaretten kaufen kann.“

Drei Nachbarn sind bereits an Lungenkrebs erkrankt

Auch Vonovia-Mieterin Inge Ulkan, die schon über 60 Jahre in der Siedlung wohnt, ist aufgewühlt. „Hier gab es noch nie einen Automaten. Und jetzt das.“ Man hätte vorher die Anwohner fragen müssen, „schließlich geht es hier um unseren Lebensraum.“ Besonders tragisch: Drei ihrer Nachbarn seien an Lungenkrebs erkrankt.

Siedler wollen Zigarettenautomaten loswerden – mit prominenter Hilfe aus Berlin

Seit rund zwei Wochen steht der Zigarettenautomat auf der Vonovia-Wiese am Jupiterweg 1. Die Nachbarn sind entsetzt und wollen erst wieder Ruhe geben, wenn der Automat verschwunden ist. © Beate Dönnewald

Die gestörte Ästhetik der Siedlung, die 2001 als gesamtes Ensemble unter Denkmalschutz gestellt wurde, ist aber nur ein Grund, warum nach Ansicht der Anwohner der Automat besser heute als morgen verschwinden soll. „Hier spielen Kinder, die jeden Tag auf diesen Automaten gucken müssen“, sagt Vera Steinborn. Den Nachwuchs mit Zigaretten zu ködern, sei ein Unding. Hier in Bövinghausen und überall in Deutschland.

„Die Bundesrepublik soll endlich handeln“

Für die Bövinghauserin und ihre Mitstreiter ist der Automaten-Aufreger schon längst viel mehr als eine private Angelegenheit. Sie wollen erreichen, dass die Bundesregierung endlich handelt, die Gesetze zur Tabakwerbung konkretisiert und verschärft. Für einen besseren Gesundheits- und Jugendschutz.

Am besten sollten Zigarettenautomaten in Deutschland verboten werden, sagt Vera Steinborn, so wie es bereits in 14 von 28 EU-Staaten der Fall ist. „Doch stattdessen hat Deutschland mehr Zigarettenautomaten als alle anderen EU-Länder zusammen.“ In ihren Augen seien die Automaten rechtswidrig: „Weil die Warnhinweise auf den Zigarettenschachteln laut Tabakerzeugnisverordnung beim Verkauf nicht verdeckt sein dürfen“, erklärt sie.

Seit rund zwei Wochen steht der Zigarettenautomat auf der Wiese in der Zechensiedlung. Die Siedler sind sofort aktiv geworden: Jutta Schulze und ihr Mann Robert sammelten rund 50 Unterschriften gegen den „Lungenkrebs aus Automaten“, Vera Steinborn schrieb Protest-Briefe. An die Vonovia, an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und an die Landtagsabgeordnete Anja Butschkau (SPD).

Vonovia sieht keinen Grund für einen Abbau des Automaten

Die Politiker haben noch nicht reagiert, von der Vonovia liegt aber eine Antwort vor. Sie sieht keinen Grund, den Automaten abzubauen. Zum einen sei das Objekt an der Jupiterstraße 1 nicht in der Denkmalliste der Stadt gelistet, zum anderen würde das Erscheinungsbild der Siedlung nicht massiv beeinträchtigt, heißt es in dem Schreiben.

Für Vera Steinborn und ihre Nachbarn ist die Argumentation unlogisch. „Wer wie die Vonovia für gesunden Wohnraum ohne Schadstoffe, Schimmel etc. sorgen möchte, kann keine Zigarettenautomaten vor den jeweiligen Haustüren akzeptieren. Das ist ein Widerspruch in sich und trägt ganz sicher auch nicht zur gewollten Imageverbesserung bei.“

Bövinghauser Automat könnte der berühmteste der Welt werden

Die Bövinghauser Siedler haben eine Vision. Ihr Automat könnte „der berühmteste der Welt“ werden. Dann nämlich, wenn Gesundheitsminister Jens Spahn und Vorstände von Wohnungsgesellschaften ihre Zechensiedlung besuchen, hier über das Tabakwerbeverbot diskutieren und Zukunftsweisendes beschließen: Zum Beispiel, dass Wohnungsgesellschaften keine Verträge mehr mit Vertragspartnern wie Tobaccoland abschließen.

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